Mladic: Erste Vernehmung abgebrochen

Belgrad - Ratko Mladic war mehr als 15 Jahre auf der Flucht. Jetzt ist der “Schlächter von Srebrenica“ gefasst und man kann ihm den Prozess machen. Die erste Vernehmung wurde jedoch abgebrochen: Mladic war zu schwach.


Die erste Vernehmung des nach jahrelanger Flucht verhafteten mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladic ist am Donnerstag abgebrochen worden. Grund sei die “körperliche Schwäche“ des 68-Jährigen, sagte sein Anwalt Milos Saljic am Abend in Belgrad. Mladic habe sich nicht mitteilen können. Er sei nicht einmal in der Lage gewesen, seine biografischen Angaben zu bestätigen. Der Ex-General und ehemaligen Militärchef der bosnischen Serben spreche nur unzusammenhängend, sagte Anwalt Milan Dilparic.

Der Untersuchungsrichter wolle die Befragung Mladics am Freitag fortsetzen. Am Donnerstagabend sollte der Festgenommene noch ärztlich untersucht werden. Mladic hatte nach früheren Angaben vor Jahren einen Schlaganfall erlitten, in dessen Folge eine Hand steif geblieben war.


Der wegen tausendfachen Mordes als Kriegsverbrecher gesuchte Mladic wurde am Donnerstag auf einem Bauernhof im Norden Serbiens gefasst.

“Im Namen der Republik Serbien verkünden wir, dass Ratko Mladic festgenommen wurde“, sagte Serbiens Präsident Boris Tadic auf einer Pressekonferenz am Donnerstag. Der serbische Geheimdienst habe die Festnahme vorgenommen. Mladic solle nun an das UN-Kriegsverbrechertribunal überstellt werden.

Die Auslieferung des festgenommenen mutmaßlichen Kriegsverbrechers Ratko Mladic an das UN-Tribunal in Den Haag kann nach Angaben der serbischen Regierung bis zu sieben Tage dauern. Regierungssprecher Slobodan Homen erklärte am Donnerstag, Mladic werde in Übereinstimmung mit den serbischen Gesetzen, die die Zusammenarbeit mit dem Tribunal regeln, nach Den Haag überstellt.

Zunächst werde Mladic von einem Richter befragt, der ihm auch die Anklageschrift überreichen werde, sagte Homen weiter. Danach muss das Gericht entscheiden, ob ausreichend Gründe für eine Auslieferung des Verdächtigen vorliegen. Gegen diese Entscheidung kann Mladic Berufung einlegen. Am Ende dieses Verfahrend entscheidet dann das serbische Justizministerium, ob Mladic an das Kriegsverbrechertribunal überstellt wird.

“Wir haben eine schwere Zeit in unserer Geschichte beendet“, sagte Tadic. Kroatische Medien berichteten als erstes über die Festnahme. Sie berichteten, eine DNA-Analyse habe die Identität Mladics bestätigt. Er wurde demzufolge in einem Dorf in der Nähe der nordserbischen Ortschaft Zrenjanin festgenommen.

Ratko Mladic: Das ist der "Schlächter von Srebrenica"

Die Flucht des “Schlächters von Srebrenica“, Ratko Mladic, ist zu Ende: Nach mehr als 15 Jahren haben serbische Sicherheitskräfte den meistgesuchten Kriegsverbrecher Europas festgenommen. © dpa
Ihn erwartet ein Prozess vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal wegen der Ermordung von rund 8.000 bosnischen Muslimen. © dpa
Mladic gab am 11. Juli 1995 um 16.00 Uhr den Befehl, die unter dem Schutz der Vereinten Nationen stehende Enklave Srebrenica zu stürmen. © dpa
Mladic und der 2008 festgenommene frühere Präsident der bosnischen Serben, Radovan Karadzic (rechts), standen seit 1995 an der Spitze der Fahndungsliste des Haager UN-Tribunals. © dpa
Das US-Außenministerium setzte auf beide je fünf Millionen Dollar (3,2 Millionen Euro) Dollar Belohnung für Hinweise aus, die zu ihrer Ergreifung führen. Trotzdem - oder auch deswegen - blieben sie mehr viele Jahre unbehelligt. © dpa
Für nationalistische Serben sind beide Helden, und an Straßenecken tauchten im Land nach Karadzics Verhaftung junge Männer auf, die schwarze T-Shirts mit Mladics Porträt und der Aufschrift “serbischer Held“ verkaufen. © dpa
Mladic kam am 12. März 1943 in dem Bergdorf Treskavica südlich von Sarajevo zur Welt, einer Hochburg der serbischen Nationalisten. Seine Eltern schlossen sich im Kampf gegen die deutschen Besatzungstruppen den Partisanen des jugoslawischen Staatschefs Josip Broz Tito an. © dpa
Bereits mit 15 Jahren beendet Mladic seine Ausbildung an der Militärschule Zemun nahe Belgrad und begann eine steilen Aufstieg bei den Streitkräften. © dpa
Im Januar 1991 wurde er stellvertretender Befehlshaber eines Armeekorps in der überwiegend albanisch besiedelten und zu Serbien gehörenden Provinz Kosovo. Er erwarb sich einen Ruf als intelligenter, durchsetzungsfähiger, instinktsicherer, aber auch skrupelloser Offizier und wurde im April 1992 zum General befördert. © dpa
Wenig später begann der Bürgerkrieg zwischen bosnischen Serben, Kroaten und Muslimen, Mladic wurde Befehlshaber der bosnisch-serbischen Verbände. Binnen kurzer Zeit eroberten seine Truppen rund 70 Prozent des Territoriums der Teilrepublik. © AP
Mladic (rechts) und Karadzic bildeten fortan das Zweigespann der serbischen Aggression in Bosnien-Herzegowina. © dpa
Mit der brutalen Zerstörung von Dörfern und Städten, sogenannten ethnischen Säuberungen mit Massakern und Flüchtlingsströmen ohne Beispiel, Internierungslagern und Kriegsgräueln jeder Art hielten sie jahrelang die zivilisierte Welt in Atem. © dpa
Im Sommer 1995 erhielt der Krieg eine neue Dimension: Immer ungenierter gingen die Serben dazu über, sich ihrer in den UN-Schutzzonen unter Aufsicht gestellten Waffen wieder zu bedienen, beschossen Hilfsflüge und nahmen Blauhelme als Geiseln. © dpa
Im Juli 1995 schließlich griffen Mladics Truppen die im Osten der Republik liegende Schutzzone Srebrenica an und vertrieben die muslimische Bevölkerung, rund 8.000 Männer und Jungen wurden getötet. © dpa
Das Massaker dauerte eine Woche. “Kindern wurden die Kehlen vor den Augen ihrer Mütter durchgetrennt“, sagt der ägyptische Richter Fuad Riad, der die Anklage gegen Karadzic und Mladic mit vorbereitete. © dpa
Mladic hat sich dabei besonders zynisch verhalten: Er wurde gesehen, wie er kurz vor dem Massaker auf dem Marktplatz Süßigkeiten an muslimische Kinder verteilte, einem sogar den Kopf streichelte und ihnen versicherte, es werde alles gut werden. © dpa
Eine unheimliche Szene mit dem "Schlächter von Srebrenica", die sich Überlebenden unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt hat. © dpa
Erst ein Militäreinsatz der Alliierten Ende August brachte die Wende, im Oktober stimmten alle Seiten einem Waffenstillstand zu. Im Dezember wurde schließlich das Friedensabkommen von Dayton unterzeichnet. © AP
Der Druck auf die serbische Regierung, Mladic an das Haager Tribunal zu überstellen, nahm immer mehr zu. Der 69-Jährige wurde zu einem der meistgesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher der Welt. © dpa
Trotzdem blieb er zunächst unbehelligt. Im Mai 1996 konnte er öffentlich an einem Begräbnis in Belgrad teilnehmen. Erst nach halbherzigen Versuchen der serbischen Sicherheitskräfte, ihn festzunehmen, tauchte er unter. © dpa
Immer wieder wurde der serbischen Regierung vorgeworfen, sie suche nicht entschlossen genug nach dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher. Die Tatsache, dass Mladic so lange nicht gefasst werden konnte, belastete auch die Beziehungen zur Europäischen Union. © dpa

Rechte Hand von Radovan Karadzic

Mladic gilt als der meistgesuchte Kriegsverbrecher Europas. Er war die rechte Hand des bereits festgenommenen früheren Serbenführers Radovan Karadzic. Mladic werden im Zusammenhang mit dem Massaker von Srebrenica im Juli 1995 unter anderem Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Serbien stand unter internationalem Druck, Mladic endlich festzunehmen und nach Den Haag auszuliefern. Der UN-Chefankläger Serge Brammert beklagte erst kürzlich, die serbischen Behörden täten nicht genug, um Mladic und andere mutmaßliche Kriegsverbrecher festzunehmen. Brammertz sollte im nächsten Monat an den UN-Sicherheitsrat berichten, wie stark sich die serbische Regierung engagiert.

Rasmussen begrüßt Nachricht

Brammertz regelmäßige Berichte sind von großer Bedeutung für die Bemühungen Serbiens um eine Kandidatur für die Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Brüssel hat eine Kandidatur von der Festnahme Mladics abhängig gemacht. Die Ankläger in Den Haag vermuteten, dass Mladic sich in Serbien versteckte und dort von Extremisten geschützt wurde, die ihn als Helden verehren. Zuletzt wurde Mladic 2006 in Belgrad gesehen.

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen begrüßte in Brüssel die Festnahme. Er erklärte, fast 16 Jahre nach der Anklage bestehe nun die Chance, dass der Gerechtigkeit genüge getan werde. Die Festnahme sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem umfassenden, freien und friedlichen Europa.

Die EU und die USA lobten Serbien für die Verhaftung. Die EU forderte aber weitere Reformen vor dem Beginn von Verhandlungen über einen Beitritt des Balkanlandes. “Ein großes Hindernis auf dem Weg Serbiens zur EU ist beseitigt“, sagte EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle in Brüssel. “Heute hat Serbien eine wichtige internationale Verpflichtung erfüllt. Morgen muss mit diesem neuen Schwung die Arbeit an Reformen intensivier werden, damit die Kommission im Herbst eine positive Stellungnahme abgeben kann“, betonte Füle.

“Das ist ein wichtiger Schritt nach vorne für Serbien und die internationale Justiz“, sagte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso am Rande des G8-Gipfels in Deauville. “Die Verhaftung Mladics ist ein gutes Signal in Richtung der EU und Serbiens Nachbarn.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete die Festnahme als überfällig und gute Nachricht für ganz Europa. “Mladic hat große Schuld für besonders dunkle und tragische Ereignisse in den Balkankriegen auf sich geladen.“ Außenminister Guido Westerwelle sagte, er denke “heute besonders auch an die Opfer und die Familien der Opfer des Massakers von Srebrenica. Einer ihrer mutmaßlich schlimmsten Peiniger kann jetzt zur Verantwortung gezogen werden.“

US-Präsident Barack Obama sagte in Washington, Mladic müsse zügig vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gebracht werden. “Auch wenn die Ermordeten dadurch nicht wieder lebendig werden, Mladic wird nun den Opfern und der Welt und dem Gericht Rede und Antwort stehen müssen.“

dapd/dpa

Rubriklistenbild: © dpa

Kommentare