„Nicht überraschend“

Kurz vor dem Brexit-Startschuss: Britischer EU-Botschafter tritt zurück

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Sir Ivan Rogers (li.) im Oktober 2014 an der Seite des damaligen Premiers David Cameron

London/Brüssel - In der heißen Phase vor Beginn des Brexit-Verfahrens ist Großbritanniens EU-Botschafter zurückgetreten. Sir Ivan Rogers galt als „EU-freundlich“.

Weniger als drei Monate vor dem geplanten Beginn des Brexit-Verfahrens ist der britische Botschafter bei der Europäischen Union, Ivan Rogers, zurückgetreten. Das verlautete am Dienstag aus informierten Kreisen in London. Britische Medien berichteten zuletzt über Differenzen zwischen Rogers und Kabinettsmitgliedern in der Brexit-Frage. 

Rogers hatte den Posten seit 2013 inne, zuvor war er EU-Berater des damaligen Premierministers David Cameron für europäische Fragen. "Für diejenigen, die mit ihm zusammengearbeitet haben, kommt sein Rücktritt nicht überraschend", sagte ein EU-Diplomat in einer ersten Reaktion auf Rogers' Entscheidung. Der Botschafter sei "sehr kompetent", von der Brexit-Entscheidung und der von London derzeit verfolgten politischen Linie aber "nicht überzeugt".

Brexit-Verhandlungen könnten „zehn Jahre dauern“, warnte Rogers

Rogers hatte zuletzt für Aufsehen mit der Einschätzung gesorgt, die Verhandlungen über ein Abkommen Großbritanniens mit der EU zur Regelung des EU-Austritts könnten zehn Jahre dauern. Und selbst dann könne ein Abkommen noch an der Ratifizierung in einem der nationalen Parlamente scheitern, warnte Rogers. Das hatte ihm scharfe Kritik von Befürwortern eines klaren Bruchs mit Brüssel eingebracht.

Der Top-Diplomat gilt als EU-freundlich. Medien spekulierten, sein Rücktritt könne auf ein Zerwürfnis mit der Regierung von Premierministerin Theresa May hindeuten. Erst Anfang vergangenen Jahres hatte Rogers noch den Ritterschlag für Verdienste in der britischen, europäischen und internationalen Politik erhalten.

Eile ist geboten

Der Vorsitzende des Brexit-Ausschusses im britischen Parlament, Hilary Benn (Labour), bezeichnete den Rücktritt des Diplomaten als „keine gute Sache“. Rogers, der Großbritannien seit 2013 in Brüssel vertritt, gilt als profunder Kenner der EU. Er spielte eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen des damaligen Premierministers David Cameron über Ausnahmeregelungen für das Land vor dem Brexit-Referendum.

Die Regierung müsse sich nun beeilen, einen Ersatz für Rogers zu finden, mahnte Benn. Die Brexit-Verhandlungen sollen beginnen, sobald London die förmliche Austrittserklärung verschickt hat. Das solle spätestens Ende März geschehen, hatte May angekündigt. 

„Entscheidung in Würde“

Führende Brexit-Anhänger zeigten sich hingegen erfreut über Rogers' Demission. Sein Rücktritt sei eine "Entscheidung in Würde, die auf der Hand lag", erklärte der Chef der Pro-Brexit-Organisation Leave.EU, Arron Banks. Rogers hätte offiziell noch bis mindestens November im Amt bleiben sollen.

Die Briten hatten im vergangenen Jahr in einem historischen Referendum mit knapper Mehrheit den Austritt ihres Landes aus der EU beschlossen.

AFP/dpa/fn

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