Tauziehen um Tarek

Kurioser Twitter-Dialog zwischen Berliner Verkehrsbetrieben und einem AfDler

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U-Bahn - Fahrgäste

Berlin - Ein Berliner AfD-Abgeordneter schätzt den öffentlichen Nahverkehr. Aber womöglich keine muslimischen Fahrer, vermutet die BVG. Das gibt Millionen Klicks. Und etwas Kritik.

Die sozialen Medien, das ist kein großes Geheimnis, sind vor allem Selbstdarstellungsplattformen. Da rücken sich Politiker jeglicher Couleur ins beste Licht, ebenso wie Großunternehmen. So weit, so unspektakulär. Spannend wird es, wenn auf diesem digitalen Weg zwei zusammenkommen, von denen zumindest einer lieber nicht mit dem anderen gesehen werden will - so, wie nun in Berlin.

Auf Twitter teilt der AfD-Politiker Gunnar Lindemann mit seinem gut 900 Followern nämlich - ganz bodenständig - gerne mal seine Vorliebe für Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Dann schreibt das Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses zum Beispiel: „Heute mal den Norden von #Berlin mit dem #ÖPNV erkundet. Ein Dank Allen die uns sicher ans Ziel bringen“ - und verlinkt die Berliner Verkehrsbetriebe.

Ein grammatikalischer Hinweis von Tarek

Die Social-Media-Profis der Berliner Verkehrsbetriebe BVG, ohnehin bekannt für die ein oder andere schlagkräftige Kampagne, wollten diese einseitigen Zuneigungsbekundungen zuletzt aber nicht unkommentiert stehen lassen. Und gingen dazu über, Lindemann in höflichen Worten mögliche Provokationen zu servieren. Denn die BVG-Antworten auf die Tweets wären zumindest für Ausländerfeinde ein Affront, sind für alle anderen aber einfach eine neutrale Information. 

Dass Lindemann - vom Berliner Tagesspiegel angeblich in einschlägigen Gruppen in den sozialen Medien ertappt - ein solcher wäre, ist allerdings zumindest der Twitter-Konversation nicht zu entnehmen. So entspannen sich in den vergangenen Wochen regelmäßig Dialoge, die eigentlich überaus langweilig wären - aber von den unausgesprochenen Hintergrundvermutungen der Schreibenden und Lesenden leben.

„Unserem Fahrer Dschamal hat es auch sehr gut gefallen“, antwortete die BVG etwa auf Lindemanns oben zitierten Tweet. Der wiederum revanchierte sich mit einem ausgesucht höflichen „Herzlichen Dank an Dschamal für die sichere und stressfreie Fahrt.“ In anderen Fällen erklärten die Verkehrsbetriebe, Zeynep, Tarek oder Hakan hätten den AfDler chauffiert. „Tarek“ ist es dann sogar vorbehalten, Lindemann auf einen Grammatikfehler aufmerksam zu machen. 

Was, wenn eine andere Partei das Ziel gewesen wäre?

Über die vergangenen Tage hat sich das Gestichel zu einem kleinen viralen Hype ausgewachsen: Unzählige Medien berichteten über den Wortwechsel. Die meisten wohlwollend. Einige allerdings auch kritisch.

So monierte der Krautreporter-Autor Rico Grimm, mit der BVG mache sich eine Anstalt des Öffentlichen Rechts über Oppositionspolitiker lustig - beziehungsweise fahre „unprovozierte Angriffe“ auf Lindemann, wie er es ausdrückt. „Wie würden Sie die Aktion bewerten, wenn in Berlin die AfD regieren würde und ein Politiker der Grünen oder SPD das Ziel gewesen wäre?“, fragt Grimm. Die BVG mache vor allem Marketing auf Kosten anderer.

„Danke an Osman. Ich fahre gern mit ihm“

Ob die Tweets tatsächlich so kritisch zu betrachten sind, das bleibt wohl dem Urteil der Beobachter überlassen. Beleidigt hat die BVG letztlich niemanden - und Marketing betreiben mit ihren Tweets beide Seiten des kleinen Wortgefechts. Hauptfrage bleibt wohl, ob ein Unternehmen in öffentlichem Besitz im weitesten Sinne politische Äußerungen treffen sollte.

Dass die Geschichte an dieser Stelle beendet ist, ist indes ebenfalls nicht gesagt. Denn Lindemann twittert kräftig weiter. Beinahe täglich thematisiert er die öffentlichen Verkehrsmittel Berlins in seinen Postings. „Wer fährt mich denn heute zur Wasser-Messe Berlin?“, fragte der Politiker etwa am Dienstag ganz offensiv. „Manni. Das ist die Kurzform von Osman“ lautete die Antwort. „Danke an Osman. Ich fahre gern mit ihm“, erklärte Lindemann. 

Und das wäre eigentlich ein so schönes wie versöhnliches Schlusswort. Wenn nicht mittlerweile sogar ein Wortgefecht um Tarek begonnen hätte. „Gestern war ich mit Tarek ein Bierchen trinken. Auf den Einzug der #AfD ins Parlament in Saarbrücken“, behauptete Lindemann unlängst. Den Einwand der BVG, Tarek trinke kein Bier, ließ er nicht gelten: „Doch das Bierchen hat Tarek gut geschmeckt. Er ist übrigens AfD Mitglied. ;)“

Offen ist nun noch die Frage, ob sich der eigentlich fiktive „Tarek“ nun in irgendeiner Weise wehren wird - so, wie neulich der Fußball-Profi Marvin Plattenhardt von Hertha BSC Berlin. Er ließ Lindemanns AfD-Fraktionskollegen Frank Scheermesser per einstweiliger Verfügung verbieten, ein gemeinsames Foto zu veröffentlichen. Scheermesser hatte sich in Fan-Pose mit Plattenhardt ablichten lassen - angeblich ohne sich vorzustellen.

fn

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