Zukunftsweisendes Projekt

Liberale Moschee mit Personenschutz: Hier beten Frauen und Männer zusammen

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In dieser Berliner Moschee beten Frauen und Männer zusammen. Initiatorin und Frauenrechtlerin Seyran Ates kritisiert den „radikalen Islam“ und will die Liberalen sichtbarer machen.

In deutschen Moschee-Vereinen organisieren sich bisher vor allem konservative Migranten. Die Berliner Frauenrechtlerin Seyran Ates will das ändern. Sie sagt: „Wir Liberalen müssen sichtbarer werden.“

Berlin – Wenn in Berlin eine neue Moschee aufmacht, ist das normalerweise kein spektakuläres Ereignis. Schließlich zählt die Hauptstadt inzwischen rund 80 islamische Gebetsstätten – vom repräsentativen Bau mit Kronleuchtern bis zum Hinterhof-Zimmer mit Neon-Beleuchtung. Dass sich bei der Eröffnung der Ibn Rushd-Goethe-Moschee im Bezirk Moabit an diesem Freitag trotzdem mehr Kameraleute und Fotografen als Betende einfinden, hat mit der ganz besonderen weltanschaulichen Ausrichtung der Moscheegemeinde zu tun.

Personenschützer bewachen die Moschee

Männer und Frauen beten hier nebeneinander – nicht getrennt wie sonst üblich. Der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi und die Politologin Elham Manea leiten das Gebet. Die Predigt hält die Berliner Frauenrechtlerin Seyran Ates. Sie sagt: „Wir kämpfen für die Liebe“. Doch nicht nur Journalisten, jüdische und christliche Gäste bevölkern den Saal. Am Eingang stehen auch mehrere Personenschützer. Denn, wer an islamischen Traditionen und Tabus rüttelt, wer auf offener Bühne den ideologischen Streit mit militanten Salafisten sucht, lebt gefährlich.

Frauen hätten in vielen islamisch geprägten Ländern zwar die Möglichkeit, andere Frauen oder Mädchen religiös zu unterweisen oder mit ihnen zusammen zu beten, erklärt die Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, Susanne Schröter. Die Leitung eines Freitagsgebetes durch eine Frau stelle aber „für den orthodoxen Islam ein Tabu dar, obwohl es nicht durch den Koran verboten ist“. In vielen deutschen Moscheen hätten Frauen keinen eigenen Gebetsraum oder einen, der sehr viel kleiner sei als der Raum der Männer. Das Projekt von Ates nennt Schröter „zukunftsweisend“. Sie erklärt: „Abgesehen von der „Liberalen Gemeinde Rheinland“ ist mir keine Gemeinde bekannt, die ein derartiges Angebot bereitstellt.“

Hassnachrichten auf Twitter

Die erste gemischtgeschlechtliche Freitagspredigt wurde von der amerikanischen Theologin Amina Wadud 1994 in Kapstadt gehalten. Später predigte sie auch in den USA – jeweils von wütenden Reaktionen konservativer muslimischer Kreise begleitet. Auch Ates sagt, sie habe sich darauf eingestellt, „dass jetzt nicht alle „Juhu“ schreien werden“. Bis zum Vorabend habe sie keine Drohungen erhalten, sagt die aus der Türkei stammende Autorin. Erst in den letzten Stunden vor der Eröffnung habe es im Kurznachrichtendienst Twitter erste Hassbotschaften gegeben.

Seyran Ates ist die Gründerin der ersten liberalen Moschee in Berlin.

Die Ibn Rushd-Goethe-Moschee hat in der dritten Etage eines Anbaus der evangelischen St.Johannis-Kirche eine Heimat gefunden. In Europa ist der Gelehrte Ibn Rushd unter dem Namen Averroes bekannt. Er lebte in Andalusien und Marokko, verfasste bedeutende Kommentare zum Werk des griechischen Philosophen Aristoteles. Liberal denkende Araber berufen sich gerne auf ihn. In ihrem Buch „Selam, Frau Imamin“, das pünktlich zur Eröffnung der Moschee erscheint, erfährt man, wie es Ates persönlich mit der Religion hält. Und warum sie noch nie eine Freitagspredigt in einer der vielen deutschen Moscheen besucht hat.

Moschee soll „sichtbar“ sein

Ates will, dass ihre Moschee „sichtbar“ ist – auch um dem Religionsverständnis der vorwiegend konservativen Islam-Verbände in Deutschland etwas entgegenzusetzen. Die liberale Moschee soll Sunniten, Aleviten, Schiiten und Sufis gleichermaßen offenstehen.

Der Generalsekretär der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), Bekir Alboga, kritisiert die neue Moscheegemeinde nicht. Auf Anfrage erklärt er nur, auch jede Ditib-Moschee stehe für jeden offen, „unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Nationalität, politischer oder weltanschaulicher Gesinnung“. Im Ditib-Verband gebe es mehr als 150 weibliche Religionsbeauftragte: Predigerinnen, Theologinnen und Lehrerinnen. Seyran Ates (54) kämpft als Anwältin und Aktivistin seit Jahren gegen häusliche Gewalt, „Ehrenmorde“ und die Zwangsverheiratung muslimischer Migrantinnen. Sie war Mitglied der Deutschen Islamkonferenz, bevor die Teilnahme auf muslimischer Seite auf Verbandsvertreter begrenzt wurde.

Kritik am „radikalen Islam“

Liberale Muslime wie Seyran Ates, die Religionspädagogin Lamya Kaddor oder der Psychologe Ahmad Mansour finden über die Medien aber trotzdem ihr Publikum. Ates wirft den deutschen Islam-Verbänden vor, an der Verbreitung eines konservativen Islamverständnisses mitzuwirken, das dem Ziel der Integration zuwiderläuft. Dass ihr eigenes Verständnis der Religion auch im Lager der Liberalen nicht überall auf Gegenliebe stößt, zeigt eine Anekdote aus ihrem Buch. Ates beschreibt, wie sie versuchte, einen schwulen Muslim aus Marokko für ihr Moschee-Projekt zu gewinnen. Aus der Zusammenarbeit wurde am Schluss nichts, weil der Marokkaner meinte, „dass es für eine Frau nicht erlaubt sei, das Gebet ohne Kopftuch zu verrichten“.

Ates trägt als Predigerin selbst kein Kopftuch. In „Selam Frau Imamin“ nimmt sie eine knappe politische Selbstverortung vor: „Ich komme aus der linken Szene, war einst Hausbesetzerin im Ostteil Berlins und bin Feministin“. Und – darauf legt sie Wert: für die AfD hegt sie keine Sympathien – trotz ihrer Kritik am „radikalen Islam“.

Ihren natürlichen Verbündeten aus dem links-liberalen Spektrum wirft Ates vor, besorgniserregende Tendenzen in Migranten-Milieus aus falsch verstandener Toleranz totzuschweigen. Sie kritisiert, „dass man bei Minderheiten eine andere Messlatte anlegt“. Und sie mahnt: „Dass die Populisten um AfD und Pegida so stark geworden sind, hat sicher auch damit zu tun, dass wir ihnen bei bestimmten Themen das Feld überlassen haben.“

Dass Muslime täglich beten, gehört zu den fünf Säulen des Islam, ebenso wie das Fasten im Monat Ramadan.

dpa

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