Tote bei Geiseldrama in Algerien

Mali: Regierungstruppen erobern Kona zurück

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Im Mali-Krieg haben Regierungstruppen (Archivbild) die umkämpfte Stadt Kona zurückerobert.

Bamako - Geiseldrama - und kein Ende in Sicht. Algeriens Truppen befreien 650 Beschäftigte einer Industrieoase. Doch viele Geiseln sind tot oder verschwunden. Malische Verbände erobern unterdessen die strategisch wichtige Stadt Kona.

Eskalation im algerischen Geiseldrama: Bei der Erstürmung der von Islamisten besetzten Industrieoase In Amenas haben algerische Truppen nach offiziellen Angaben 650 Geiseln befreit. Die Armee konnte angeblich auch rund 100 Ausländer retten. Es gab aber zahlreiche Tote, viele Menschen werden noch vermisst.

Die mit Raketen und Granatwerfern bewaffneten Islamisten verlangen unter anderem das Ende des von Frankreich angeführten internationalen Militäreinsatzes in Mali. Sie kündigten weitere Anschläge auf ausländische Einrichtungen an. Den Vormarsch der französischen und malischen Truppen in Mali konnten die Islamisten aber nicht stoppen.

Von den möglicherweise 32 Geiselnehmern wurden 18 nach algerischen Angaben „außer Gefecht gesetzt“. Eine Gruppe Islamisten verschanzte sich jedoch mit Geiseln auf dem Industriegelände. Soldaten einer Elitetruppe versuchten laut der algerischen Nachrichtenagentur APS, sie zum Aufgeben zu bewegen. Kommunikationsminister Mohand Said Oublaid erklärte aber, Algerien werde sich niemals erpressen lassen. „Wer glaubt, wir würden mit Terroristen verhandeln, täuscht sich.“

Außenministerin Hillary Clinton telefonierte am Freitag erneut mit dem algerischen Regierungschef Abdelmalek Sella, um sich über den Fortgang der algerischen Operation auf dem Gasfeld auf dem Laufenden zu halten. Weiterhin befinden sich auch Amerikaner in der Hand der Terroristen.

Malische Verbände eroberten die strategisch wichtige Stadt Kona in der Landesmitte zurück, deren Erstürmung durch Islamisten vergangene Woche Frankreichs Eingreifen provoziert hatte. „Wir haben Kona völlig unter Kontrolle“, erklärte das Oberkommando in Bamako.

In den Reisfeldern im Umland von Kona wurde offenbar weiter gekämpft. Malische Truppen rückten aber weiter in Richtung auf die von Rebellen gehaltene Stadt Douentza vor und standen in Niono rund 60 Kilometer vor Diabali.

Krisenherd Mali: Die Hintergründe des Konflikts

Der Konflikt im westafrikanischen Land Mali zwingt Europa zum Eingriefen. Hier erfahren Sie alles über die Hintergründe der brenzligen Lage. © dpa/AP
Mali galt lange als einer der wenigen demokratischen Musterstaaten Afrikas. Von 1992 bis 2012 gab es ein Mehrparteiensystem mit friedlichen Machtwechseln nach Wahlen. © dpa/AP
Andererseits kämpften die meisten Menschen in dem bitterarmen Sahel-Land ums tägliche Überleben. Die durchschnittliche Lebenserwartung der knapp 16 Millionen Einwohner liegt bei 53 Jahren. Mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung sind Analphabeten. © dpa/AP
Mit 1,2 Millionen Quadratkilometern ist Mali mehr als dreimal so groß wie Deutschland. Das Land verfügt über zahlreiche Bodenschätze und ist einer der wichtigsten Baumwollproduzenten Afrikas. © dpa/AP
Dürreperioden haben der Landwirtschaft nachhaltig geschadet. 60 Prozent Malis sind von Wüste bedeckt. © dpa/AP
Die 300 000 bis 400 000 Tuareg im Norden lehnten sich wiederholt gegen die Zentralregierung auf und verlangten einen eigenen Staat. © dpa/AP
Auch der ehemalige libysche Diktator Muammar al-Gaddafi rekrutierte kämpferische Tuareg für seine Streitkräfte. Nach Gaddafis Sturz kehrten viele zurück und schlossen sich Aufständischen im Norden Malis an. © dpa/AP
Am 22. März 2012 gab es einen Militärputsch gegen die Regierung von Präsident Amadou Toumani Touré (Foto). © dpa/AP
Nach dem Militärputsch eroberten die Tuarag der Nationalbewegung MNLA gemeinsam mit mehreren Islamistengruppen wie der Ansar Dine und der Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (MUJAO) den Norden Malis. © dpa/AP
Im April riefen sie dort die unabhängige Islamische Republik Azawad aus. In Timbuktu, wo Moscheen, Mausoleen und Friedhöfe zum Weltkulturerbe gehören, ließen die Islamisten mehrere historische Heiligtümer zerstören. © dpa/AP
Nach ihrem Sieg überwarfen sich Tuareg und Islamistengruppen. Es gab blutige Gefechte. © dpa/AP
Die Regierung Malis hofft daher auf eine Einigung mit einem Teil der Rebellen und verhandelte mit den Tuareg und Ansar Dine - bisher erfolglos - über eine politische Lösung. © dpa/AP
Dabei blieb es auch in Südmali unruhig. Am 11. Dezember zwang das Militär Regierungschef Cheick Modibo Diarra (Foto) zum Rücktritt. © AP
Interimspräsident Dioncounda Traoré (Foto Mitte) bestimmte Django Sissoko zum neuen Ministerpräsidenten. © AP
Westlichen Geheimdiensten zufolge haben die Islamisten jetzt 6000 Kämpfer in Nordmali, darunter Tausende Dschihadisten aus Ägypten, dem Sudan und anderen Staaten. Dazu kämen bis zu 15.000 Bewaffnete ohne Ausbildung in Timbuktu und Gao. © dpa/AP
Die westafrikanische Eingreiftruppe soll über 3500 Mann umfassen. © dpa/AP
Seit der Machtübernahme der Extremisten im Norden flohen Hunderttausende aus dem Gebiet und leben als Binnenvertriebene oder als Flüchtlinge in Nachbarstaaten wie Mauretanien, Niger und Burkina Faso. © dpa
Dem UN-Büro für Nothilfekoordinierung (OCHA) zufolge leiden inzwischen 4,6 Millionen Menschen an Nahrungsmittelunsicherheit. Rund 175 000 Kinder sind von schwerer Mangelernährung bedroht. © dpa
Anfang Januar 2013 rücken die Rebellen rücken immer weiter nach Süden vor. Einwohner von Gefechten zwischen Islamisten und Armee. © 
Am 11. Januar treffen Soldaten aus Frankreich (Foto), Nigeria und dem Senegal in Mali ein. Präsident Traoré hatte in einem Brief an Frankreichs Präsidenten François Hollande und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon um Hilfe gebeten. © AP
Bereits einen Tag später zwingen Französische Kampfjets die Rebellen zum Rückzug aus der umkämpften Stadt Kona. © AP

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) befürchtet mehr als 700 000 Kriegsflüchtlinge in Mali. Seit Frühjahr 2012 seien 230 000 Menschen innerhalb Malis und fast 150 000 in benachbarte Länder geflohen. „Unsere aktuellen Planungen sind eingestellt auf bis zu 300 000 Menschen, die innerhalb Malis Zuflucht suchen, und 407 000, die in benachbarte Länder fliehen“, sagte UNHCR-Sprecherin Melissa Fleming.

Nach UN-Informationen gibt es in Mali schwere Übergriffe von Islamisten auf Zivilpersonen. Die Vorwürfe reichen vom Abtrennen von Gliedmaßen bis zu Vergewaltigungen und Zwangsverheiratungen von Mädchen mit Dschihadisten.

Die zwei Transall-Maschinen der Bundeswehr sollen an diesem Samstag mit Sanitätsmaterial in Bamako eintreffen. Anschließend sollen sie für den Transport afrikanischer Mali-Truppen eingesetzt werden.

Nach dem Eingreifen Frankreichs in Mali hatte das Islamistenkommando in Algerien am Mittwoch die Industrieanlage In Amenas mit 700 Mitarbeitern besetzt. Am Donnerstag begannen die algerischen Streitkräfte mit der Rückeroberung. Ihr hartes Vorgehen brachte Algerien Kritik vieler Regierungen von Großbritannien bis Japan ein. Frankreich äußerte allerdings Verständnis.

US-Verteidigungsminister Leon Panetta drohte den Geiselnehmern Konsequenzen an. „Die Terroristen sollten wissen, dass es für sie kein Versteck, keinen Fluchtpunkt gibt“, sagte Panetta in London. Die aus mehreren islamischen Staaten stammenden Geiselnehmer hatten den Angriff auf In Amenas monatelang vorbereitet.

Die Bundesregierung mahnte alle Reisenden im nördlichen und mittleren Afrika wegen der Terrorgefahr zur Vorsicht. Es bestehe eine erhöhte Gefahr von Gewaltakten und Entführungen durch Al-Kaida und kriminelle Banden.

dpa

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