Interview 

Merz lässt nach Kurz-Wahl aufhorchen: „Kanzler? Das ist eine legitime Frage ...“

„Ich habe meiner Partei etwas zumuten wollen“: Friedrich Merz auf einem CDU-Parteitag.
+
„Ich habe meiner Partei etwas zumuten wollen“: Friedrich Merz auf einem CDU-Parteitag.

Friedrich Merz wäre im Dezember fast CDU-Chef geworden. Ihm fehlten nur wenige Stimmen auf AKK. Zuletzt trat Merz wieder häufiger in Erscheinung. Wir sprachen mit ihm am Rande des NRW-Tags der Jungen Union in Soest.

Sie haben hier bei der Jungen Union für Ihre Rede sehr viel Beifall erhalten. Ärgert es Sie noch, dass Sie beim Bundesparteitag in Hamburg keine so gute Rede gehalten haben?

Friedrich Merz: Das Thema ist für mich abgeschlossen. Die Entscheidung ist getroffen. Ich habe in Hamburg der Partei mit meiner Rede etwas zumuten wollen. Im Wiederholungsfall würde ich freier sprechen, aber ich würde den Inhalt wieder genau so vortragen.

Sie haben bei der Bewerbung um den CDU-Vorsitz gesagt: Ich traue mir zu, die AfD zu halbieren. Sie wurden nicht gewählt und die AfD ist weiter stark. Was macht die CDU falsch?

Ich war in den letzten Wochen viel in Ostdeutschland unterwegs und habe gemerkt, stärker noch als im Westen, dass es dort immer noch eine große Unzufriedenheit mit der Bundesregierung gibt. Es gibt nach wie vor einen großen Erklärungsbedarf zu bestimmten Themen. Das ist der Euro, das ist die Einwanderung, das ist die Energiepolitik. In Sachsen und Brandenburg wird die Entscheidung zur Braunkohle sehr hinterfragt. Wir müssen mit der Bevölkerung mehr reden, den Dialog stärker suchen und mehr erklären, damit die Bevölkerung versteht, was wir wollen.

Aber der Ausstieg aus der Braunkohle ist...

...beschlossen, aber die Umsetzung in den betroffenen Regionen ist in Westdeutschland leichter zu stemmen als in Ostdeutschland. Wir haben dort Monostrukturen, von denen viele Menschen abhängig sind. Das zu verändern, wird von vielen als der zweite große Strukturbruch in ihrem Leben empfunden. Da muss die Politik mehr Einfühlsamkeit und Rücksichtnahme zeigen.

Sie haben mal gesagt, AfD-Wähler seien Leute wie du und ich. Also ich wähle keinen Rechtsextremen wie Höcke.

Ich auch nicht. Ich habe sie nie gewählt und werde sie auch nie wählen. Aber die AfD ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, ihre Wähler bleiben nicht mehr anonym, sie bekennen sich offen. Und damit besteht die große Gefahr, dass sich die AfD auf Dauer etabliert und nicht eine vorübergehende Erscheinung bleibt wie früher die Republikaner, die NPD oder die DVU. Deswegen müssen wir das Thema sehr ernst nehmen.

Friedrich Merz (CDU): „Nehme nur zehn Prozent der Einladungen wahr“

Sie sind wieder deutlich präsenter in den Medien und in der CDU. Nehmen Sie einen zweiten Anlauf für ein Comeback?

Ich habe Annegret Kramp-Karrenbauer gesagt, dass ich bereit bin, sie zu unterstützen, damit die CDU wieder nach vorne kommt. Genau das ist der Zweck meiner Auftritte. Ich nehme aber nur etwa zehn Prozent der Einladungen wahr, die ich bekomme. Mehr geht im Augenblick nicht.

Nervt es Sie, wenn Journalisten fragen, ob Sie Kanzler werden wollen, oder schmeichelt das?

Weder noch. Das ist eine legitime Frage, auf die ich im Augenblick aber gar keine Antwort geben muss, weil sich die Frage nicht stellt.

Hier bei der Jungen Union gab es Schilder mit der Aufschrift „Mehr Sauerland für Deutschland“.

Keine schlechte Idee.

Werden Sie sich bei der Bundestagswahl um ein Mandat bewerben?

Das muss ich heute noch nicht entscheiden. Es kommt sehr darauf an, wann die Bundestagswahl stattfindet. Ich bin jetzt unterwegs und spreche mit denen, die meine Meinung zu bestimmten Themen hören wollen.

Amt oder Mandat für Friedrich Merz? „Grundsätzlich bin ich dazu bereit“

Wenn Sie aber richtig etwas verändern wollen, benötigen Sie ein Mandat oder ein Amt.

Das stimmt. Grundsätzlich bin ich auch dazu bereit.

Laut Umfragen liegen CDU und Grüne bundesweit mit 27 Prozent gleichauf. Wie stehen Sie zu den Grünen?

Die Grünen sind für uns kein Vorbild, aber auch kein Feind. Sie sind unser politischer Gegner. Wir müssen unsere Konzepte als Union voranbringen und dazu gehört für mich vor allem die Versöhnung von Ökologie und Ökonomie. Wer kann das besser als die Union? Die Grünen geben auf komplexe Fragen zu einfache Antworten. Wir müssen dagegen den Anspruch haben, anspruchsvolle Antworten zu geben. Das unterscheidet uns.

Trauen Sie sich denn zu, mit den Grünen eine Koalition hinzubekommen?

Es gibt ja bereits gut funktionierende Koalitionen mit den Grünen. Und bei den Grünen gibt es viele vernünftige Leute. Im Übrigen liegt unser Wählerpotenzial ja mittlerweile auch in einigen Regionen sehr dicht beisammen.

Interview: Alexander Schäfer
---

Friedrich Merz treibt um, dass die CDU so viele Wähler an die AfD verliert. Konservative seien „mit Verachtung“ stehengelassen worden. Nun hat Merz die Kanzlerin Angela Merkel scharf angegriffen. Die Thüringen-Wahl sorgt für ein Nachbeben in der CDU. Der Machtkampf in der Partei ist ausgebrochen. Größter Merkel-Kritiker ist Friedrich Merz. Doch auch für die lautstarke Kritik an AKK ist er bekannt, nun lässt Friedrich Merz leisere Töne anklingen. Seiner Kanzler-Kritik ist auch Thema bei Maybrit Illner imZDF. Innerhalb der Union stellt sich so langsam aber sicher die Frage der Kanzler-Kandidatur. In einer Umfrage kristallisierte sich nun ein Favorit in der Union heraus.

Kommentare