Trümmerbesichtigung mit Beate Zschäpe

NSU-Prozess: Experten erklären Brandstiftung

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Das Haus in Zwickau, in dem das NSU-Trio lebte.

München - Mehr als drei Jahre lebten die mutmaßlichen NSU-Terroristen unerkannt in einem Haus in Zwickau. Als die Gruppe aufflog, zündete Beate Zschäpe die Wohnung an. Das Gericht lässt den Brand Revue passieren.

Eine Wohnung wie eine Festung: Vier Zimmer, knapp 120 Quadratmeter, eine mehrfach gesicherte Tür, Überwachungskameras drinnen und draußen. Zwickau, Frühlingsstraße 26, erster Stock: Hier lebten die untergetauchten Neonazis Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe seit April 2008. Bis zu jenem 4. November 2011, als sich Mundlos und Böhnhard erschossen, um nach einem Banküberfall der Festnahme zu entgehen.

Kurz darauf setzte Zschäpe die Wohnung in Brand. Es ist die einzige Tat, die sie unmittelbar selbst begangen haben soll. Und während der Vorwurf der Mittäterschaft an den Terroranschlägen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) durchaus umstritten ist, hat an der Brandstiftung wohl keiner der Prozessbeteiligten ernsthafte Zweifel.

Dabei muss Zschäpe recht gründlich vorgegangen sein: An 19 Stellen in der Wohnung konnte Benzin nachgewiesen werden, erklärte ein Brandermittler der Polizei am Dienstag im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München. Noch am nächsten Tag habe es "sehr nach Ottokraftstoff, also Benzin gerochen in der Wohnung".

Der Kriminalbeamte zeigt Fotos: Das Haus von außen, Flammen schlagen aus der Fassade, dunkler Rauch steigt auf. Die Verpuffung hat einen Teil der Außenwände weggesprengt, auf dem Gehweg und im Garten liegen Trümmerteile.

Auf manche Details ist der Kriminalbeamte besonders stolz: Eine Videokamera liegt brennend im Gras, sie ist nach unten gefallen. Das NSU-Trio hatte sie auf einem Fensterbrett montiert, getarnt unter künstlichem Laub. Eine andere Kamera versteckten sie in einem Blumenkasten vor der Küche, "die Kabel wurden ordnungsgemäß in der Scheuerleiste verlegt", stellt der Beamte fest, und es klingt durchaus anerkennend.

Noch in der Nacht loderten immer wieder Flammen im Dachstuhl auf. Am nächsten Tag ließen die Ermittler einen Teil des Gebäudes einreißen, damit das Haus betreten werden konnte. Spürhunde erschnüffelten Benzin. In den Trümmern fanden die Beamten zwölf Waffen und Munition - darunter jene Pistole der Marke "Ceska", mit der die Terroristen neun Menschen ermordeten.

Kaltblütig ermordet - Die Opfer der Terrorzelle NSU

Zwischen 2000 und 2007 sollen die Mitglieder des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zehn Menschen umgebracht haben. Die Opfer wurden kaltblütig erschossen, aus nächster Nähe - so das Ergebnis der bisherigen Ermittlungen. Hinzu kamen zwei Sprengstoffanschläge mit insgesamt 23 Verletzten.Die mutmaßlichen Täter und NSU-Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt entkamen immer unerkannt. Eine Übersicht: © dpa
9. September 2000, Nürnberg: Der türkische Blumenhändler Enver Simsek (38) wird beim Arbeiten erschossen. © dpa
19. Januar 2001, Köln: In einem iranischen Lebensmittelgeschäft explodiert ein Sprengsatz. Die 19-jährige Tochter des Inhabers wird schwer verletzt. Das Bild zeigt den Vorsitzenden des NSU-Untersuchungsausschusses beim Treffen mit den überlebenden Opfern des NSU. © dpa
13. Juni 2001, Nürnberg: Mundlos und Böhnhardt erschießen den Türken Abdurrahim Özüdogru (49) in seiner Änderungsschneiderei. © dpa
27. Juni 2001, Hamburg: Der türkische Händler Süleyman Tasköprü (31) stirbt durch mehrere Kopfschüsse in seinem Lebensmittelladen. © dpa
29. August 2001, München: Mundlos und Böhnhardt erschießen den türkischen Gemüsehändler Habil Kilic (38) in seinem Geschäft. © dpa
25. Februar 2004, Rostock: Die Rechtsterroristen töten den türkischen Imbissverkäufer Mehmet Turgut (25). © dpa
9. Juni 2004, Köln: Die Terroristen zünden eine Nagelbombe vor einem türkischen Friseursalon in der Keupstraße. 22 Menschen werden zum Teil lebensgefährlich verletzt. © dpa
9. Juni 2005, Nürnberg: Ismail Yasar (50) wird in seinem Döner-Imbiss getötet. © dpa
15. Juni 2005, München: Der Grieche Theodoros Boulgarides (41) stirbt durch drei Kopfschüsse in seinem Schlüsseldienst-Laden. © dpa
4. April 2006, Dortmund: Mundlos und Böhnhardt töten den türkischstämmigen Kioskbetreiber Mehmet Kubasik (39). © dpa
6. April 2006, Kassel: Halit Yozgat (21) stirbt durch Schüsse in seinem Internet-Café. © dpa
25. April 2007, Heilbronn: Die Polizistin Michèle Kiesewetter (22) wird erschossen, ihr Kollege (24) überlebt schwer verletzt. © dpa

Auch im angrenzenden Gebäudeteil sind Risse in der Wand zu sehen, der Beamte zeigt Bilder aus der Wohnung der Nachbarin. Die damals fast 89-Jährige wurde von ihren Nichten aus dem Gebäude gerettet. Zschäpe, so meint die Bundesanwaltschaft, habe sich damit abgefunden, dass die alte Frau zu Tode kommen könnte; außerdem zwei Handwerker, die sich normalerweise in dem Haus aufhielten. Deshalb lautet die Anklage auch auf Mordversuch.

Dann die Wohnung der Drei. Eine verstärkte Eingangstür, anstelle des Spions eine weitere Kamera. Eine zusätzliche Verriegelung in der Mitte der angekokelten Tür. Die Bilder zeigen Spuren des Zusammenlebens. Eine Schachtel Mentholzigaretten auf der Fensterbank. Ein Schuhregal mit rosa Puschen und Tigerpantoffeln, zum Teil bedeckt von Ruß. Beate Zschäpe schaut die Reste ihres zerstörten Heims auf der Leinwand im Gerichtssaal an, meist sitzt sie zurückgelehnt, oft mit verschränkten Armen. Ihr Gesicht zeigt keine erkennbare Regung.

Für die Ermittler war es ein Glück, dass es zu einer Verpuffung kam: Hätte sich ein kontinuierlicher, heißer Brand entwickelt, wären viele Beweismittel vernichtet worden. So konnten Festplatten gesichert werden, unter anderem die verschiedenen Versionen des NSU-Bekennervideos.

Das Haus in der Frühlingsstraße wurde inzwischen abgerissen. Die Stadt hatte es gekauft, es sollte kein Wallfahrtsort für Neonazis werden. Auf dem Gelände wurden Ziersträucher gepflanzt. Ein halbes Jahr nach dem Ende des NSU war von der Heimstatt der "Zwickauer Zelle" nichts mehr zu sehen.

dpa

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