Aussage eines V-Mannes

„Piatto“ erscheint mit Perücke beim NSU-Prozess

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Beim NSU-Prozess hat der V-Mann "Piatto" auf dem Zeugenstuhl Platz genommen.

München - Dunkle Perücke und ein Tuch vor dem Gesicht: So sagte der V-Mann "Piatto" beim NSU-Prozess aus. Seine Vernehmung wurde mit Spannung erwartet.

Im NSU-Prozess wurde am Mittwoch der frühere Verfassungsschutz-V-Manne mit Deckname „Piatto“ vernommen.

Der Zeuge betrat den Gerichtssaal maskiert mit einer dunklen Perücke und einem Tuch vor dem Gesicht. Offenbar war aus Tarnungsgründen auch seine Kleidung ausgestopft, so dass er fülliger erschien als er möglicherweise ist.

An allgemeine Gepflogenheiten und Ansichten der Szene erinnerte er sich noch gut, sagte "Piatto" aus. Die Chemnitzer Gruppe, die das NSU-Trio versteckt und unterstützt haben soll, habe sich zur Organisation „Blood & Honour“ gezählt. Die habe „ganz weit rechts“ gestanden und sei besonders radikal gewesen.

Zur Standardlektüre der Mitglieder habe ein rassistischer Roman aus den USA mit dem Titel „Die Turner-Tagebücher“ gehört, in dem ein bewaffneter Rassenkrieg kleiner militanter Zellen beschrieben werde. Über Waffen sei ständig geredet worden. Die Szene sei überzeugt gewesen, dass der heutige Staat untergehen werde. Jeder habe sich „für den Tag X“ vorbereiten wollen, um angesichts der dann herrschenden anarchischen Verhältnisse überleben zu können.

Kaum konkrete Details

Konkrete Details nannte der Zeuge aber kaum. Mehrfach hielt ihm der Vorsitzende Richter Details aus Geheimdienstunterlagen vor, in denen Berichte „Piattos“ wiedergegeben sind. Demnach habe die Chemnitzer Gruppe für das untergetauchte Trio Geld gesammelt, Waffen beschaffen und eine Flucht nach Südafrika mit einem Pass für „die weibliche Person des Trios“ organisieren wollen. Szczepanski erinnerte sich aber nur noch, dass Eintrittsgelder aus Konzerten mit Neonazi-Bands gespendet werden sollten.

Informationsquelle ist unbekannt

Unklar blieb auch, woher der V-Mann seine Informationen schöpfte. Auf Nachfragen vor allem der Verteidiger sagte er, das meiste habe er von vier Führungsmitgliedern der Chemnitzer „Blood & Honour“-Gruppe gehört. Er selber habe an den Treffen der Gruppe nicht teilgenommen, er habe zur Szene in Königs-Wusterhausen gehört.

Persönliche Vorteile will er mit seiner V-Mann-Tätigkeit nicht verbunden haben. Er habe sich als Untersuchungshäftling Anfang der 1990er Jahre aus freien Stücken angeboten. 1995 war er wegen versuchten Mordes an einem Nigerianer verurteilt worden. Zwei Jahre später kam er frei und spähte bis zu seiner Enttarnung die Szene aus - „aus tätiger Reue“, wie er vor Gericht sagte.

dpa

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