Wer ist der König der Stammtische?

Politischer Aschermittwoch: Seehofer und die Anderen im Check

+
Besonders in Wahljahren ein wichtiger Termin: Der Politische Aschermittwoch gibt den Partei-Größen die Möglichkeit, die Konkurrenz richtig aufs Korn zu nehmen.

Passau/ Vilshofen - Am Politischen Aschermittwoch nehmen die Politiker kein Blatt vor dem Mund. Wir haben die Reden der verschiedenen Parteigrößen genau unter die Lupe genommen.

Im Wahljahr ist der Aschermittwoch einer der wichtigsten Tage für Parteipolitiker. Aller Augen und Ohren richten sich auf Niederbayern: Welche Töne hört man aus Passau, wo die CSU in der Dreiländerhalle den Anspruch auf das Original des Politischen Aschermittwochs erhebt. Oder aus Vilshofen, wo die SPD heuer auftrumpft: Rechtzeitig zum deftigen Treffen hat ihr Kanzlerkandidat die Sozialdemokraten zu unerwarteten Zustimmungswerten geführt. Die tz war vor Ort, und hat die Reden bei den Schwarzen und Roten mit dem tz-Maßkrugindex bewertet (lesen Sie hier unseren Live-Ticker vom Mittwoch nach). 

CSU: Stark waren nur die leisen Töne

Auftritt: Der Politische Aschermittwoch ist nicht Seehofers Lieblingsformat. Die Stimme schwächelt. Auch heuer scheint es kurz so, als müsste er seine Rede abbrechen. Am Ende fängt er sich. Trotzdem nur ein Auftritt mit angezogener Handbremse.

3 Masskrüge

Inhalte: Seehofer setzte zu einem nicht allzu munteren Parforceritt durch die Themenlandschaft an. „Bayern zuerst“ - so laute sein Glaubensbekenntnis. „Was kann ich dafür, wenn ein amerikanischer Präsident da bei uns Bayern abschreibt?“ Besonders gespannt sind die Zuschauer, wie Seehofer nach anderthalb Jahren der Opposition gegen Kanzlerin Angela Merkel jetzt der Spagat gelingt, eben diese Merkel als beste Kandidatin für das Kanzleramt zu verkaufen. Seehofers Trick: Er reduziert die Kanzlerin vornehmlich auf ihre internationale Rolle. „Keine schlechte Idee, auf dieser Ebene ist Merkel natürlich unangreifbar“, analysiert der Passauer Politikwissenschaftler Prof. Heinrich Oberreuter im Gespräch mit der tz. Allerdings gibt es in der Halle nicht nur Jubel, wenn Seehofer die Kanzlerin erwähnt. Pfiffe und Buh-Rufe - vor allem aus dem hinteren Teil der Halle, wo die Basis sitzt - sind deutlich zu vernehmen.

4 Masskrüge

Witzigkeit: Nicht jeder kann sich über Seehofer Frotzeleien freuen, besonders Parteifreunden bleibt das Lachen oft im Halse stecken. So auch diesmal, als er seine Vorredner als Freunde bezeichnete und nachschiebt: „Freude sind Menschen, die man kennt und trotzdem mag.“

3 Masskrüge

Bierzelttauglichkeit: Seehofer ist nicht Strauß - für den großen Bierzeltauftritt ist er zu ruhig, zu abgewogen - und wenn er dann doch mal den Bierzelt-Tonfall zu treffen versucht, dann merkt man, dass ihm das jemand so ins Manuskript geschrieben hat.

2 Masskrüge

Sympathiefaktor: In seinen leisen Tönen ist Seehofer gewinnend. Etwa, wenn er von seiner Kindheit erzählt. „Mein Vater war Bauarbeiter, im Winter deshalb meist arbeitslos. Wir waren vier Kinder, ich habe erlebt, dass man am Freitag sehnsüchtig auf die Lohntüte wartet, um am Wochenende einkaufen zu können. Ich weiß, was es heißt, jeden Euro umdrehen zu müssen“, so Seehofer. Aus dieser Erfahrung leitet er seinen Kompass für die Sozialpolitik ab: „Die beste Sozialpolitik ist ein sicherer Arbeitsplatz und ein sicheres Einkommen.“

4 Masskrüge

Abteilung Attacke: Der politische Gegner steht links. Mit Martin Schulz geht Seehofer erstaunlich pfleglich um. Schulz nähme es mit den Zahlen nicht so genau, „wenn das so weitergeht, nennen wir ihn in Bayern nur noch Schulz, der Schummler“, frotzelt Seehofer. Deutlich forscher geht er die Grünen an: Das Verhalten der Grünen gegenüber der Polizei sei der „Gipfel der Schäbigkeit“. Seehofer schließt daraus: „Die Grünen sind das wahre Sicherheitsrisiko für unser Land.“ Dafür gibt es besonders viel Applaus.

3 Masskrüge

Angeberfaktor: Die CSU tut so einiges dafür, um den eigenen Aschermittwoch als „den größten Stammtisch der Welt“ zu feiern. Da darf man sich dann auch schon mal auf die „gefühlte Wahrheit“ berufen. Denn laut Generalsekretär Andreas Scheuer waren in der Dreiländerhalle „gefühlte 10.000 Zuschauer“ - obwohl laut feuerpolizeilichen Bestimmungen nur etwa 4000 Menschen in die Halle passen. Egal, denn, so Parteivize Manfred Weber.

5 Masskrüge

Marc Kniepkamp


SPD: Schulz-Euphorie im Bierzelt

Der Martin-Schulz-Hype hat Niederbayern erreicht: So viele Neugierige wie noch nie hat es ins SPD-Bierzelt in Vilshofen getrieben, um den Hoffnungsträger der Genosse zu erleben. Schulz kann reden, das ist bekannt. Aber kann er auch ein Bierzelt zum Toben bringen?

Auftritt: “Jetzt ist Schulz“ und „Zeit für Martin“-Schilder recken die SPD-Anhänger hoch, als der Kanzlerkandidat sich zu Marschmusik durchs Gedränge ans Rednerpult kämpft. Schon beim Empfang wird Schulz mit „Martin, Martin“-Sprechchören empfangen - und von Bayern-SPD-Chef Florian Pronold als „künftiger Bundeskanzler“ begrüßt. Derartige Begeisterung ist die Bayern-SPD nicht gewohnt.

5 Masskrüge

Inhalte: Schulz enttäuschte die Erwartungen seiner Fans nicht. In typisch menschelnder Schulz-Manier schaffte er es sogar, beim sonst als Gähn-Garant geltenden Europa-Thema Jubel auszulösen. Zu den Vorwürfen der Union, Schulz würde das Land schlechtreden, zitiert er Seehofer: Denn auch der spricht von den „berechtigten Sorgen der Bürger“ angesichts mangelnder Gerechtigkeit im Land - und so folgert Schulz: „Damit liefert er die Begründung, die SPD zu wählen!“ Zu den Vorwürfen, sein Plan, länger Arbeitslosengeld zu zahlen, gefährde die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, konterte er: Angesichts des Facharbeitermangels gefährde vielmehr die Wirtschaft den Standort, wenn sie nicht die Chance ergreife, Arbeitslose zu qualifizieren. Fazit: Schulz wiederholt seine Kernthemen Gerechtigkeit und Kampf gegen Rechtsradikalismus, Neues bietet er nicht.

3 Masskrüge

Witzigkeit: So richtige Schenkelklatscher sind nicht dabei, allenfalls kleine ironische Seitenhiebe. Sein wenig witziger Vorschlag an die Heute Show: Eine Veranstaltung „Abendbrot mit Schulz“ lieber „Stulle mit Schulle“ (so Schulz Kosename) zu nennen. Naja...

2 Masskrüge

Bierzelttauglichkeit: Eigentlich ist Schulz fast Aschermittwochs-Veteran: Er war bereits 2004, 2009 und 2014 in Vilshofen dabei. Damals wurde noch von so manchem Zuhörer das Würselener „Sch“-Sprachproblem belächel „Achermittwoch“!), diesmal berauscht man sich am Hoffnungsträger. Seine Rede zündet!

4 Masskrüge

Sympathiefaktor: Auch im Bierzelt schafft es Schulz, den Eindruck zu vermitteln, als stehe da ein Mensch wie du und ich, nicht ein Polit-Apparatschik. „Auch im Bierzelt wird ein politischer Gegner nicht wie ein Feind bekämpft. Wir kämpfen mit harten Argumenten, nicht mit Beleidigungen wie Trump.“

5 Masskrüge!

Abteilung Attacke: „Herzliche Grüße von der gefühlten an die reale Mehrheit“ - Schulz beginnt gleich mit einem vergifteten Gruß an die CSU in der Nibelungenhalle. Seehofer nennt er meist nur „den Vorsitzenden der anderen Partei“. Den attackiert er dafür, dass er Trumps „Tatkraft“ gelobt hat. Angriffe auf Demokratie und Meinungsfreiheit müssten mit klaren Worten kritisiert und verurteilt werden. Schulz spießt auf, dass CDU und CSU „nicht mehr ganz beisammen sind“, nur übereinander, nicht mehr miteinander reden. Bissige Angriffe, aber nie unter der Gürtellinie:

4 Masskrüge

Angeberfaktor: Erstmals hatte die SPD hier bessere Karten als die CSU! Während CSU-Generalsekretär Scheuer nur „gefühlte 10.000“ begrüßen durfte, die in Wahrheit wohl eher die üblichen 4700 waren, musste die SPD anbauen: Mehr als 5000 waren im rappelvollen Zelt, was Christian Filsek, der Bezirkschef der Niederbayern-SPD, als „größten Aschermittwoch, den es je gab“.

Volle fünf Maßkrüge fürs Angeben!

Gesamt-Fazit: Martin Schulz hat den Bierzelt-Test bestanden!

4 Masskrüge

Klaus Rimpel


FDP lobt den „Schulz-Effekt“

Die FDP sieht sich im Wahljahr 2017 im Aufwind und will vor allem vom „Schulz-Effekt“ profitieren. Parteichef Christian Lindner rief den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz beim Politischen Aschermittwoch seiner Partei in Dingolfing zum Hauptgegner aus. „Dem Schulz geht es nicht um soziale Gerechtigkeit, sondern was ihn treibt, ist soziale Heuchelei“, sagte Lindner.

Seitdem der ehemalige Präsident des EU-Parlaments zum Kanzlerkandidaten der SPD gekürt würden sei, hätten die Liberalen mehr als 1500 neue Mitglieder gewonnen, so viele wie sonst in einem halben Jahr, betonte der FDP-Vorsitzende und ergänzte frei nach Friedrich Hölderlin: „Wo die Not wächst, da wächst das Rettende auch.“ Lindner begrüßte aber, dass Schulz wieder Schwung in die politische Debatte gebracht habe. Nach zwölf Jahren Amtszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sei die Politik wie betäubt gewesen. „Das Mysterium Schulz ist: Man kennt Frau Merkel inzwischen schon zu gut und ihn noch gar nicht. Davon profitiert er.“ Dieser Effekt werde sich aber abnutzen - auch, weil Schulz sich nicht auskenne. „Wahlkampf ist doch keine Weiterbildungsreise.“

Verteilte fleißig Breitseiten - nicht nur gegen Angela Merkel: FDP-Chef Christian Lindner präsentiert sich angriffslustig.

Grüne Attacke gegen die GroKo

Mit harschen Anwürfen gegen die CSU und die große Koalition in Berlin haben die Grünen ihre Anhänger beim Politischen Aschermittwoch auf den Bundestagswahlkampf eingeschworen.

„Die große Koalition hat diesem Land nicht gut getan“, rief Bundestagsfraktionschefin Katrin Göring-Eckardt in Landshut den Gästen zu. „Bei der Bundestagswahl wird darüber entschieden, ob unsere Kinder noch saubere Luft und sauberes Wasser haben und einen Planeten, der gesund ist.“ Die Grünen seien zuversichtlich, im Herbst Regierungsverantwortung mit zu übernehmen, sagte die grüne Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl. „Das schaffen wir.“

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth sagte: „Es freut mich wirklich sehr, dass mit Martin Schulz Schwung in den Wahlkampf kommt.“ Was die ökologische und soziale Modernisierung angehe, so hätten aber „weder Martin Schulz noch Angela Merkel die richtigen Antworten im Gepäck“. Roth und andere Redner riefen die CSU auf, rechte Gruppen nicht rechts zu überholen. Man könne Pegida und die AfD nicht bekämpfen, indem man ihre Parolen wiederhole.

Trat ebenfalls in Köln ans Mikro: Grünen-Vorsitzender Cem Özdemir genießt den Politischen Aschermittwoch.

Afd-Chefin Petry: 24 Minuten vom Blatt

Es ist ihr Debüt beim Politischen Aschermittwoch. Dies sagt Frauke Petry gleich zu Beginn ihrer Rede in Osterhofen und bittet die rund 900 Zuhörer um Verständnis. Dass man bei der AfD humorlos sei, werde ihr oft vorgeworfen, erklärt sie. Diesen Vorwurf wolle sie nun aus dem Weg räumen. Dann folgt eine vom Blatt abgelesene Rede mit Humor und Sarkasmus, aber erstaunlich leisen Tönen: Erst arbeitet sie sich an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ab, indem sie alte Aussagen von ihr zitiert. Danach nimmt auch sie Schulz ins Visier und bezeichnet ihn als „Tagegeld-Erschleicher“ mit „krankhafter Selbstüberschätzung“. Nachdem sie dann ihre Meinung zur Bundespräsidenten-Wahl abgegeben hat („Bundespräsident Steinmeier beginnt nun den Dialog mit den Wählern; er kann das schaffen, es sind ja nur 931“), ist plötzlich alles ruhig. Frauke Petry hat das letzte Blatt ihrer Rede verloren - und damit auch den Schwung.

Nach 24 Minuten ist Schluss. Die Zuhörer klatschen höflich, zwei Drittel erheben sich dafür. Ein deftiger FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache konnte sich kurz zuvor über deutlich mehr Beifall freuen.

Unterstützung für die AfD-Chefin: Frauke Petry hat Heinz-Christian Strache von der FPÖ zu Gast.

Die besten Zitate

„Bayern hat den höchsten Berg Deutschlands und die niedrigsten Schulden. Bayern ist einzigartig, Bayern ist ein Paradies.“
„Gebt mir eure Hausschlüssel. Sie sind bei mir gut aufgehoben.“
CSU-Chef Horst Seehofer

„Ich hab’ gelesen, die gefühlte Mehrheit sitzt in Passau. Ich glaube, die tatsächliche Mehrheit sitzt hier.“
„Die SPD tritt an, um die stärkste politische Kraft in der Bundesrepublik Deutschland zu werden.“
SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz

„Merkel und Schulz sind doch politische Zwillinge mit dem Unterschied, dass der Herr Schulz etwas schlechter rasiert ist.“
Hubert Aiwanger, Vorsitzender der Freien Wähler

„Das Mysterium Schulz ist: Man kennt Frau Merkel inzwischen schon zu gut und ihn noch gar nicht. Davon profitiert er.“
FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner

„Zwischen Sankt Martin und Martin Schulz gibt es einen himmelweiten Unterschied: Sankt Martin hat seinen eigenen Mantel verteilt, Martin Schulz will unser Geld verteilen.“
Bayerns FDP-Generalsekretär Daniel Föst über Martin Schulz

„Hier spricht die Vor-Band von Martin Schulz.“
Der österreichische Bundeskanzler Christian Kern

„Wer Martin Schulz wählt, der holt die Türkei in die Europäische Union - und das ist falsch.“
CSU-Vize Manfred Weber

Lesen Sie die heftigsten Sprüche vom politischen Aschermittwoch.

Zurück zur Übersicht: Politik

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser