Aigner: „München ist frauenfreie Zone“

Seehofer und die Frauen: Warum die CSU da ein Problem hat

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Hahn im Korb: Horst Seehofer mit den Ministerinnen (v.l.) Melanie Huml (Gesundheit), Ilse Aigner (Wirtschaft), Beate Merk (Europa), Ulrike Scharf (Umwelt) und Emilia Müller (Soziales). Der Anblick ist in der CSU nicht alltäglich. 

Horst Seehofer bastelt im Stillen an einer Kabinettsumbildung für den Herbst. An Nachwuchskräften mangelt es nicht. Trotzdem hat er ein massives Problem.

München – Am Montag überbrachte der Chef die unfrohe Botschaft noch einmal persönlich. „Ich will in den Landtagswahlkampf mit einer Mannschaft gehen, die die Perspektiven für die Zeit danach sichtbar macht“, hatte Horst Seehofer am Wochenende der „Welt am Sonntag“ gesagt – und damit seine Partei aufgeschreckt. Am Montag kündigte der Ministerpräsident im Kabinett nun Einzelgespräche mit den betroffenen Kollegen an – Familienministerin Emilia Müller nannte er als Streichkandidatin namentlich. Auch mit Helmut Brunner, dem Vernehmen nach nicht allzu begeistert, will der Ministerpräsident sprechen. Aber eher, um den Agrarminister, der aufhören will, zum Weitermachen zu überreden.

In den kommenden Monaten hat Seehofer noch viel Zeit. Für Gespräche, aber auch zum Nachdenken. Denn zumindest die Personalie Müller trifft den CSU-Chef an einer empfindlichen Stelle: Mit der Ministerin aus der Oberpfalz verliert er eine weitere profilierte Frau, nachdem ihm im Oktober 2013 bereits die damalige Staatskanzleichefin Christine Haderthauer abhandenkam. Schon damals kam die Berufung von Ulrike Scharf zur Umweltministerin überraschend – und sorgte für Unmut in den eigenen Reihen.

Jetzt muss sich Seehofer wieder auf die Suche begeben – und nicht alle sind so optimistisch wie Frauen-Unions-Chefin Angelika Niebler, die sagt: „Wir haben etliche gute Frauen, die für Posten geeignet sind.“ Genannt werden meist Männer: Markus Blume, Oliver Jörg, Florian Herrmann. Und Frauen? Da fällt der Name Kerstin Schreyer (Landkreis München), erst seit einem halben Jahr Integrationsbeauftragte. Gelegentlich wird die Stellvertretende Fraktionsvorsitzende Ingrid Heckner (Altötting) genannt. Danach reagieren Gesprächspartner mit Schulterzucken. Und daran, eine der blässeren Ministerinnen wie Beate Merk (Europa) oder Melanie Huml (Gesundheit) auszutauschen, sei gar nicht erst zu denken.

Seehofers Notlage wirft ein Schlaglicht auf ein generelles Problem der CSU: Die Frauenförderung funktioniert zwar, aber nur auf den unteren Ebenen. „An der Basis ist sehr, sehr viel getan worden“, sagt Landtagspräsidentin Barbara Stamm. „Wir haben viel Zeit und Kreativität in Mentoring-Programme gesteckt. Aber das hilft alles nichts, wenn daraus dann zu wenig entsteht.“ So ist der Bezirk Oberbayern der einzige, der von einer Frau geführt wird. „Manchmal ist es schon etwas einsam“, scherzt Ilse Aigner, aber sie sei das ja gewohnt. Es gebe in der Fraktion durchaus gute Frauen. „Aber der Kreis, aus dem man auswählen kann, müsste natürlich größer sein“, sagt die stellvertretende Ministerpräsidentin.

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Die Aufstellung zur Bundestagswahl hat die Kritiker wieder bestätigt. München sei inzwischen „frauenfreie Zone“, schimpft Aigner. Keine einzige der Direktkandidaturen ging an eine Frau, in Nürnberg war es nur eine. „Eine verpasste Chance“, sagt Aigner. Barbara Stamm, die selbst nie einen eigenen Stimmkreis hatte, sieht das ähnlich. „Es geht nicht, dass wir als CSU in den Großstädten so gut wie gar nicht mit Frauen unterwegs sind.“ Gerade in München sei das „ein echtes Problem“. In der Landeshauptstadt fiel mit der zugezogenen Julia Obermeier sogar eine amtierende Abgeordnete bei der Aufstellung durch.

Doch Abhilfe ist gar nicht so einfach: Weil in der CSU die meisten Abgeordneten per Direktmandat ins Parlament kommen, würde selbst eine Quote nichts bringen. „Die Möglichkeiten des Parteivorsitzenden, dort hineinzuwirken, wo aufgestellt wird, sind sehr sehr begrenzt“, sagt Stamm. Dennoch sieht sie Handlungsbedarf. Die Aufstellung für die Bundestagswahl sei bereits gelaufen. Auch für die Landtagswahl könne man nur noch an die Kreisverbände appellieren, dass sie Frauen eine Chance geben. „Aber danach muss das Problem einmal grundsätzlich angegangen werden“, sagt Stamm.

Und bis dahin? Auf Umweltministerin Ulrike Scharf sang Seehofer am Wochenende demonstrativ ein Loblied. Aigner plädiert dafür, den Frauen einfach eine Chance zu geben. Viele hätten bislang einfach nicht die Gelegenheit gehabt, sich zu beweisen. „Ich bin damals auch von null auf 100 Ministerin geworden“, erinnert sie sich. Nach einer Phase des Abtastens habe sie sich freigeschwommen. Und heute kann Aigner jeder Kabinettsumbildung sehr gelassen entgegenblicken – vollkommen unabhängig vom Geschlecht.

Im Video: Königin Silvia trifft Horst Seehofer

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