Knapp vor der CDU

SPD wieder mitgliederstärkste Partei

Berlin - Das durchschnittliche Parteimitglied von Union wie SPD ist 59 Jahre alt. Auch die anderen Parteien tun sich mit der Verjüngung schwer. Trotzdem dürfen sich die Genossen ein klein wenig freuen.

Für die SPD ist es eine kleine frohe Botschaft zum 150. Geburtstag: Mit 472 469 Mitgliedern darf sie sich derzeit wieder als die mitgliederstärkste Partei Deutschlands bezeichnen. Und auch der viele Jahre zu beobachtende Mitgliederschwund bei den Jüngeren unter 30 scheint bei den Sozialdemokraten gestoppt. Es gibt wieder ein klein wenig mehr Neueintritte in dieser für die Rekrutierung des politischen Nachwuchses so wichtigen Altersgruppe.


Um den Titel der mitgliederstärksten Partei liefern sich SPD und CDU seit einigen Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Mal hat die eine Partei die Nase vorn, mal die andere. Ende Juni zählte die CDU 469 575 Mitglieder - knapp 2900 weniger als die SPD. Den leichten Vorsprung der Sozialdemokraten erklärt der Berliner Politologe Oskar Niedermayer in seiner jüngsten Parteianalyse damit, dass 2012 die Verluste der CDU das dritte Jahr in Folge größer waren als die der SPD.

Bis auf die Grünen haben alle im Bundestag vertretenen Parteien 2012 erneut Mitglieder verloren - trotz ihrer intensiven Bemühungen, ihre Mitgliedschaft wenigstens zu stabilisieren, schreibt Niedermayer in der „Zeitschrift für Parlamentsfragen“. Der Wissenschaftler von der FU Berlin analysiert seit 2001 jährlich die Mitgliederentwicklung und erhält dabei auch Einblick in das ansonsten von den Parteien unter Verschluss gehaltene Datenmaterial.


Linke hat stärksten Mitgliederschwund zu beklagen

Was alle Parteien im Bundestag eint: Alle leiden unter einer überalterten Mitgliederschaft. 2012 wies die Linke mit 60 Jahren das höchste Durchschnittsalter der Parteimitglieder auf, gefolgt von CDU, CSU und SPD mit jeweils 59 Jahren. Und auch die Grünen scheinen mit einem Altersschnitt von 48 inzwischen in die Jahre gekommen zu sein. Mit einem Schnitt von 53 Jahren gilt die FDP als zweitjüngste Partei.

Den stärksten Mitgliederverlust hatte 2012 die Linke zu verkraften, die Ende des Jahres noch 63 761 Mitglieder zählte (minus 8,2 Prozent gegenüber 2011). Die Vorgängerpartei PDS zählte 1990 noch mehr als dreimal so viele: über 280 000 Mitglieder.

Niedermayer zeigt mit seiner Analyse auf, wie sich positive oder negative Umfragewerte und Wahlerfolge auch bei den Neueintritten beziehungsweise Austritten niederschlagen. Am deutlichsten wird dies bei der FDP, die nach ihrem Wahlerfolg 2009 einen Mitgliederzuwachs von fast zehn Prozent verbuchen konnte - danach mit ihrem Absturz in der Wählergunst aber Jahr für Jahr kontinuierlich auch wieder Mitglieder verlor. Ende 2012 zählte sie noch 58 675 Parteimitglieder (minus 7,0 Prozent gegenüber 2011).

Auch die Grünen konnten 2010 und 2011 im Zuge ihres „demoskopischen Höhenfluges“ kräftig neue Mitglieder gewinnen. 2012 kam der Aufschwung jedoch „fast zum Stillstand“, schreibt Niedermayer. Mit 59 653 Mitgliedern verzeichneten die Grünen Ende 2012 immerhin noch ein Plus von 1,0 Prozent. In den beiden Jahren zuvor hatte dagegen der Zugewinn 11,5 beziehungsweise 10,0 Prozent betragen.

Sie waren die Chefs der SPD

Seit Gründung der Bundesrepublik hatte die SPD ein gutes Dutzend Parteivorsitzende. Erfolgreiche und weniger erfolgreiche. © dpa
Manche prägten die älteste deutsche Partei viele Jahre lang. Für andere wurde das Amt zum Schleudersitz. Ein Rückblick. © dpa
Kurt Schumacher (1895-1952) war maßgeblich an der Neugründung der SPD 1945 beteiligt und wurde 1946 zu ihrem ersten Vorsitzenden gewählt. 1949 zog er nach der Wahlniederlage als Oppositionsführer in den Deutschen Bundestag. Er starb am 20. August 1952 im Alter von 57 Jahren. © dpa
Elf Jahre lang war Erich Ollenhauer ab 1952 Vorsitzender der SPD. Der am 27. März 1901 geborene Maurersohn war zwei Mal Kanzlerkandidat gegen Konrad Adenauer - zur Regierungsverantwortung reichte es nie. Ollenhauer starb am 14. Dezember 1963. © dpa
Willy Brandt: Der SPD-Übervater übernahm den Parteivorsitz am 16. Februar 1964. Von 1969 bis 1974 war Brandt Bundeskanzler. Er blieb Parteivoritzender bis 1987. Am 23. März 1987 trat Brandt vom Parteivorsitz zurück. Er hatte Margarita Mathiopoulos als kommende Parteisprecherin präsentiert. Aus den Reihen der SPD hagelte es Kritik. Auf dem außerordentlichen Parteitag am 14. Juni 1987 wurde  Brandt zum Ehrenvorsitzenden auf Lebenszeit gewählt. © dpa
Hans-Jochen Vogel wurde am 14. Juni 1987 zum SPD-Chef gewählt. Er amtierte bis zum 29. Mai 1991. Vogel war Münchner Oberbürgermeister, später Bundesbau- und Justizminister, Regierender Bürgermeister in Berlin,  Fraktionschef und Kanzlerkandidat (scheiterte 1983 gegen Helmut Kohl). Auf dem Bundesparteitag 1991 kandidierte Vogel aus Altersgründen nicht mehr. © dpa
Björn Engholm wurde am 29. Mai 1991 zum Parteivorsitzenden gewählt. Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein (1988 bis 1993) galt als Hoffnungsträger der SPD. Viele trauten ihm zu, Helmut Kohl bei der Bundestagswahl 1994 als Kanzler abzulösen. Zu dem Duell kam es nie. Engholm trat am 3. Mai 1993 von allen Ämtern zurück. Er hatte vor dem Untersuchungsausschuss zur „Barschel-Affäre“ gelogen. © dpa
Nach dem Rücktritt von Björn Engholm übernahm Johannes Rau von 5. Mai bis zum 23. Juni 1993 kommissarisch den SPD-Vorsitz. Rau war Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (1978 bis 1998), Kanzlerkandidat (1987) und später Bundespräsident (1999 bis 2004). © dpa
Rudolf Scharping wurde am 25. Juni 1993 zum SPD-Vorsitzenden gewählt. Bei der Bundestagswahl 1994 verlor der Ministerpräsident von Rheinland Pfalz (1991 bis 1994) gegen Kanzler Helmut Kohl. Auf dem Mannheimer Parteitag im November 1995 unterlag Scharping in einer Kampfabstimmung um den Parteivorsitz dem Ministerpräsidenten des Saarlandes, Oskar Lafontaine. © dpa
Oskar Lafontaine stellte sich am 16. November 1995 gegen Rudolf Scharping zur Wahl als Parteichef und gewann. Lafontaine war von 1985 bis 1998 Ministerpräsident des Saarlades und ab 1998 Bundesfinanzminister. 1999 schmiss er im Streit mit Gerhard Schröder alle Ämter hin. 2005 trat Lafontaine in die spätere Linkspartei ein. Heute ist er einer der beiden Parteichefs der Linken (mit Lothar Bisky). © dpa
Gerhard Schröder übernahm am 12. März 1999 nach Lafontaines Rücktritt kommissarisch den Parteivorsitz. Am 12. April wurde er zum SPD-Chef gewählt. Er legte das Amt am 21. März 2004 nieder. Es wird angenommen, dass er damit den Popularitätsverlust der SPD infolge der Agenda 2010 aufhalten wollte. © dpa
Franz Müntefering, amtierender SPD-Fraktionschef, wurde am 21. März 2004 zum Parteichef gewählt. Nach der Bundestagswahl 2005 schlug Müntefering den bisherigen SPD-Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel als künftigen Generalsekretär vor. Das wurde von der Parteilinken Andrea Nahles verhindert. Daraufhin kündigte Müntefering am 31. Oktober 2005 an, nicht mehr als Parteichef  zu kandidieren. © dpa
Matthias Platzeck wurde am 15. November 2005 zum Nachfolger von Franz Müntefering als SPD-Vorsitzender gewählt. Der Ministerpräsident von Brandenburg (seit 2002) trat bereits am 10. April 2006 aus gesundheitlichen Gründen zurück. © dpa
Kurt Beck übernahm das Amt des SPD-Vorsitzenden kommissarisch. Am 14. Mai 2006 wurde der Ministerpräsident von Rheinland Pfalz (seit 1994) zum SPD-Chef gewählt. Am 7. September 2008 schmiss er hin. Denn Frank-Walter Steinmeier wurde SPD-Kanzerkandidat. Und zwar bevor Beck ihn als solchen verkünden konnte. Der Ministerpräsident erklärte dazu, dass er sich „aufgrund gezielter Falschinformationen“ zur Kanzlerkandidatur Steinmeiers durch die Presse nicht in der Lage sehe, das Amt weiterhin mit der „notwendigen Autorität auszuüben“. © dpa
Frank-Walter Steinmeier übernahm den SPD-Vorsitz vorübergehend am 7. September 2008 nach dem Rücktritt von Kurt Beck. Der Bundesaußenminister amtierte nur wenige Wochen bis zum 18. Oktober 2008. © dpa
Franz Müntefering kehrte im Spätsommer 2008, wenige Wochen nach dem Tod seiner Frau, in die Spitzenpolitik zurück. Er wollte die SPD im Vorfeld der anstehenden Landtags- und Bundestagswahlen unterstützen. Am 18. Oktober 2008 wurde Münte als Nachfolger von Kurt Beck wieder zum SPD-Chef gewählt. Nach der verlorenen Bundestagswahl trat Müntefering (nicht zu 100 Prozent freiwillig) zurück. © dpa
Sigmar Gabriel ist seit dem 13. November der neue SPD-Vorsitzende. Er war Ministerpräsident von Niedersachsen (1999 bis 2003) und seit 2005 Bundesumweltminister. Zwischen 2003 und 2005 war er SPD-Beauftragter für Popkultur und Popdiskurs. Das brachte ihm den Spitznamen „Siggi Pop“ ein - als Anspielung auf Rock-Legende Iggy Pop. © dpa

Die CSU zählte Ende vergangenen Jahres 147 965 Mitglieder. Das sind 1,7 Prozent weniger als im Vorjahr.

Seit 2008 kann Niedermayer nach Vereinheitlichung der Tabellen auch die Altersstrukturen der Parteien besser vergleichen. Danach hat eine Herabsetzung des Beitrittsalters auf unter 16 Jahre nur wenige neue Mitglieder gebracht. Bei der CDU, SPD, CSU und auch der Linkspartei ist der Anteil der unter 20-Jährigen an der Gesamtmitgliedschaft noch sehr gering und liegt danach deutlich unter dem der über 85-Jährigen. Der Anteil der Mitglieder bis 30 Jahre stagniert bei der CDU seit 2008 bei etwa 6 Prozent, bei der CSU schwankt er zwischen vier und fünf Prozent. Bei der SPD ist er leicht auf über 7 Prozent gestiegen.

Insgesamt ist die Bereitschaft der Bundesbürger, sich in Parteien zu organisieren, weiter zurückgegangen. Waren 1980 in der alten Bundesrepublik noch knapp vier Prozent der Bürger in einer politischen Partei organisiert, gehörten Ende 2011 nur noch knapp 1,9 Prozent einer der sechs Bundestagsparteien an. Niedermayer wertet dies nicht als Zeichen von Politikverdrossenheit. Es gebe heute viel mehr Möglichkeiten als früher, sich politisch zu engagieren. Dem stünden aber nicht mehr Menschen gegenüber, die sich engagierten.

dpa

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