„Open Base Camp“

Strategietreff in München: Die Bayern-SPD probt den Wahlkampf 2.0

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Die Kreativen: Theresa Gräfe und Michael Maffenbeier tüfteln beim SPD-Basislager an Wahlplakat-Ideen.

Die Bayern-SPD überdenkt ihren Wahlkampf. Jünger, digitaler und näher am Menschen wollen die Genossen für ihre Sache werben. In München war am Wochenende großes Ideensammeln angesagt. Mit Smartphone, Sprühdose und im Stuhlkreis.

München – Theresa Gräfe, 23, drückt ein Blatt Papier gegen die Wand, aus dem sie die Silhouette einer Quietscheente ausgeschnitten hat. In der anderen Hand hält sie eine Sprühdose. Die rote Farbe zischt auf die improvisierte Schablone. „Ente Kurt“ nennt Gräfe das selbsterfundene SPD-Maskottchen, das das Thema ihrer Wahlplakat-Idee ist. „Die SPD ist unser Hobby“, sagt ihr Freund Michael Maffenbeier, 31. Gräfe nickt. Dann gibt’s ein Bussi.

Die beiden Jusos aus dem schwäbischen Memmingen sind an diesem Sonntag zu einem ungewöhnlichen Wahlkampftraining in die Landeshauptstadt gekommen, gemeinsam mit gut 200 weiteren Genossen aus ganz Bayern, darunter mehrere Landtagsabgeordnete und die bayerische Parteispitze. Unter dem Titel „Open Base Camp“ – neudeutsch für Basislager – sollen sie Ideen für die Parteiarbeit abseits von trockenen Podiumsdiskussionen in stuhlreihengefüllten Gemeindesälen ausarbeiten, und so das Image der Partei gleich mit entstauben.

Versammelte Wahlkämpfer: Bayerns SPD-Vorsitzende Natascha Kohnen (mit Mikro) begrüßt die Teilnehmer zum „Open Base Camp“ in der ehemaligen Industriehalle.

In der tennisplatzgroßen Halle herrscht zu diesem Zweck ein buntes Durcheinander aus Stuhlkreisen, Biertischen, Flipcharts und Video-Leinwänden. Ein fixes Programm gibt es nicht. „Macht einfach!“, gibt die SPD-Landesvorsitzende Natascha Kohnen den Teilnehmern mit auf den Weg. In der Hoffnung, dass am Ende kreative Plakate, Slogans und Wahlkampfideen herausspringen, lässt sie dem kreativen Chaos seinen Lauf.

Mit Papp-Schulz: Bianca Poschenrieder wünscht sich mehr Konkrete Inhalte.

Neben einem Martin-Schulz-Pappaufsteller lassen sich die Besucher mit selbst verfassten Botschaften fotografieren. So wie Bianca Poschenrieder, 63, Kreisrätin in Ebersberg. „Sozial gerecht! – Was heißt das denn konkret?“, hat sie in ihre Sprechblase geschrieben. Sie lobt die „tolle Basisarbeit vor Ort“, wegen der sie zur SPD gekommen sei und ärgert sich über „abstraktes Gelaber“ in Martin Schulz’ Wahlkampfprogramm. Wenig später zieht sie ein paar Liegestühle und einen Flipchart zu einem Mini-Forum zusammen, um eine Diskussion über den Klimawandel zu starten.

In einem Social-Media-Stuhlkreis, den die Genossen wegen des guten Wetters spontan in den Innenhof verlegt haben, diskutieren gut zwei Dutzend Teilnehmer vom Studenten bis zur Rentnerin über das Klinkenputzen auf Facebook und per Smartphone-Chat – das „Wahlplakat 2.0“ nennt es einer. In einer Ecke der Halle sitzt ein Schauspieler an einem Biertisch mit Stammtisch-Schild. Er „macht den CSUler“, den Sparringspartner, mit dem die Genossen das Diskutieren üben, zum Beispiel zur Flüchtlings-Obergrenze. Die Veranstalter füttern derweil den Internet-Livebericht zum „Open Base Camp“ mit Fotos und Berichten.

Wird die kreative Sause dem schwächelnden Schulz-Zug neuen Schwung in Richtung Kanzleramt geben? SPD-Landeschefin Kohnen, die das Treffen gemeinsam mit der Juso-Vorsitzenden Johanna Uekermann ausgeheckt hat, denkt langfristiger. Ihr gehe es um die Zukunft der Partei. „Wir müssen uns öffnen“, sagt sie. Fast die Hälfte der Neumitglieder sei jünger als 35. „Die können mit der verstaubten Parteiarbeit von früher nichts mehr anfangen.“ Was Wahlkampf 2.0 wirklich bringt, wird die Bayern-SPD aber erst am Wahltag herausfinden.

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