Qualitätskontrolle ist schwierig

„Teure Pflege heißt nicht gute Pflege“ - die Betroffenen fühlen sich oft machtlos

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Die Versorgung im Heim ist teuer – und die Pflegeversicherung übernimmt nur einen Teil der Kosten.

Pflegeheime sind teuer. Und der Anteil, den Bewohner oder ihre Familien selbst aufbringen müssen, steigt immer weiter. Doch wer mit der Leistung der Häuser nicht zufrieden ist, fühlt sich oft machtlos.

München – Das Pflegeheim, in dem die Mutter von Korbinian Hellmann (Name geändert) immer wieder Durst leiden musste, liegt im Süden von München und hat einen guten Ruf. Pflegenote 1,2.

„Sie will sich verabschieden“, so habe ihm dort vor gut zwei Jahren ein Pfleger den schlechten Zustand erklärt, in dem sich seine heute 87-jährige Mutter damals befand, erzählt Hellmann. Der Arzt stellte bei ihr später hingegen eine ausgeprägte Exsikkose fest. Das bedeutet: Der Körper der Frau war völlig ausgetrocknet. „Und das, obwohl sie zu dieser Zeit noch selbst getrunken hat, wenn man ihr den Becher in die Hand gegeben hat“, sagt Hellmann. In den Protokollen sei auch vermerkt gewesen, dass man ihr zu trinken gegeben habe. Das hat aber in Wahrheit offenbar niemand getan. Schon länger nicht mehr.

Staatsanwalt hat Ermittlungen gegen das Heim eingestellt

Auch später sei das immer wieder passiert, sagt Hellmann. „Ihre Mutter ist müde“, habe man ihm gesagt. Oder dass es am Wetterumschwung liege, wenn es ihr nicht gut ging. Doch immer wieder habe sich herausgestellt, dass ihr schlicht Flüssigkeit fehlte. Einmal habe er sogar schon die Polizei eingeschaltet. „Die Beamten haben das sehr ernst genommen“, sagt Hellmann. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen das Heim aber später eingestellt.

Claus Fussek berät seit 40 Jahren Angehörige

Es handelt sich um kein günstiges Haus. Rund 4300 Euro kostet die Unterbringung von Hellmanns Mutter im Monat. Da sie die höchste Pflegestufe hat, übernimmt die Pflegekasse davon 2005 Euro. Die Rente der Mutter von rund 870 Euro fließt ebenfalls in die Pflege. Was fehlt, trägt als Sozialhilfeträger Monat für Monat der Bezirk Oberbayern. Und wo möglich, holt er es sich von der Familie zurück. Das Haus der Mutter im Wert von mehreren Zehntausend Euro sei bereits komplett in ihre Pflege geflossen, sagt Hellmann.

Das ist nicht ungewöhnlich: Denn die Pflegeversicherung bietet lediglich einen Teilkaskoschutz. Je nach Schweregrad bezahlt sie nur einen gewissen Anteil der Heimkosten – im Höchstfall (Pflegestufe 5) sind das 2005 Euro. Was darüber hinaus geht, müssen Pflegebedürftige oder ihre Angehörigen als Eigenanteil selbst aufbringen. Auch Unterkunft und Verpflegung kosten extra.

Im Bundesdurchschnitt liegt dieser Eigenanteil derzeit bei 1830 Euro, besagen Statistiken des Verbands der Ersatzkassen. In Bayern sind es 1869 Euro. Und die Tendenz ist steigend. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Kordula Schulz-Asche bezeichnete es jüngst als „Systemfehler der Pflegeversicherung, dass die Pflegebedürftigen durch ihren Eigenanteil praktisch für jede der so überfälligen Verbesserung der Pflege aufkommen müssen“. Und mit dem neuen Pflegegesetz wurden gerade erst wieder einige solcher teuren Verbesserungen beschlossen.

Doch dass immer mehr Geld in die Heime fließt, bedeutet eben nicht, dass dort zwangsläufig die Qualität steigt.

Ein Markt, in dem hohe Renditen erzielt werden 

„Teure Pflege heißt nicht automatisch gute Pflege“, sagt Claus Fussek. Seit 40 Jahren berät der Münchner Sozialarbeiter Angehörige. Das Problem liege im Markt an sich, in dem heutzutage hohe Renditen erzielt werden, sagt Fussek. Eine Entwicklung, die 1995 mit der Reform des damaligen Sozialministers Norbert Blüm (CDU) begann. Seither ist jeder verpflichtend pflegeversichert. Und private Anbieter stiegen nach und nach im großen Stil ins Geschäft ein. Sie achten sehr genau auf Kosteneffizienz. „Der Markt ist explodiert, und die Pflege wird immer schlechter“, diagnostiziert Fussek.

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Cordula Schulz-Asche sitzt für die Grünen im Bundestag.

Auch Konstanze Segmeier (Name geändert) hat diese Erfahrung gemacht. Ihre Mutter ist heute Ende 80, dement und braucht seit fünf Jahren Unterstützung. Zunächst konnte sie noch mithilfe rumänischer Pflegekräfte weiter daheim leben. Doch nach einem Klinikaufenthalt ging es dann im März 2018 nicht mehr anders: Segmeiers Mutter kam in ein Heim in der Oberpfalz. 2500 Euro habe der Eigenanteil betragen, sagt Segmeier. „Man zahlt sich dumm und dämlich, aber niemand kümmert sich richtig.“ Das Personal sei immer wieder gemeinsam zum Rauchen gegangen und habe die demenzkranken Bewohner sich selbst überlassen. „Das Heim war zwar ein Neubau, aber es war sein Geld nicht wert“, urteilt Segmeier.

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Heute lebt ihre Mutter in einem kleinen Heim in der Nähe von München. Das sei besser und obendrein günstiger. Dennoch: „Die Ersparnisse meiner Mutter sind weg, und meine zum Teil auch“, sagt Segmeier. Auch die Rente der Mutter – rund 1000 Euro – fließe komplett in die Pflege. Für Menschen, die all ihr Geld ausgegeben oder rechtzeitig anderen übertragen hätten, springe hingegen der Staat ein. Unfair findet Segmeier das. „Das Geld, das wir hatten, ist ja nicht vom Himmel gefallen. Wir haben immer sparsam gelebt – keine großen Reisen, kein dickes Auto.“

Experte Fussek: Fast niemand setzt sich zur Wehr

Dazu kommt: Keiner würde in einer Autowerkstatt für etwas bezahlen, das zum Teil gar nicht geleistet wurde, sagt Pflegekritiker Fussek. „Aber in der Pflege tun das die meisten klaglos.“ Fast niemand setze sich gegen mangelhafte Versorgung zur Wehr. Auch, weil die Heime in einer mächtigen Position seien. Die guten Häuser hätten in der Regel lange Wartelisten. Fusseks Erfahrung: „Je größer die Verzweiflung wird, desto niedriger werden irgendwann die Ansprüche.“

Auch Korbinian Hellmann hat die Frage oft gehört: Warum lässt er denn seine Mutter in diesem Heim, in dem man offenbar nicht gut für sie sorgt?

Ein Grund sei, dass man seine Mutter dort inzwischen gut kenne. Zudem würde ein weiter entferntes Haus es schwieriger machen, sie regelmäßig zu besuchen, wie er es heute tut.

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Die fehlende Transparenz sei ein großes Problem, sagt Pflegekritiker Fussek. Gute Noten hätten schließlich so gut wie alle Heime. Da die Kontrolltermine vorher oft bekannt seien, sei es keine Kunst, im richtigen Moment zu glänzen. „Mund-zu-Mund-Propaganda ist deshalb das einzige Kriterium, das wirklich zählt“, sagt Fussek. Misstrauisch müsse man bei der Heimsuche hingegen werden, wenn alles ein bisschen zu schön klingt, um wahr zu sein. Es sei deshalb ein gutes Zeichen, „wenn ein Heimleiter zugibt, dass es auch Beschwerden gibt“. Wer es aber wirklich wissen will, der müsse als Angehöriger einfach unangemeldet in die Heime gehen und selbst nach dem Rechten sehen.

Beinahe täglich besucht auch Hellmann seit nun fast vier Jahren seine Mutter im Heim. Es gebe dort natürlich auch empathische, gute Pflegekräfte, sagt er. „Aber die sind eben nicht immer da.“ Hellmann will aber, dass es seiner Mutter jeden Tag gut geht. Deshalb kümmert er sich selbst. „Ich versorge sie mit Essen und Trinken, ich gebe ihr Medikamente, ich bringe sie zur Toilette, ich creme sie ein und ich ziehe ihr das Nachthemd an“, sagt Hellmann. „Ich mache jeden Tag die Arbeit der Pflegekräfte.“

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