Interview mit Experte

Trump und Kim Jong Un: Ihr tödliches Spiel mit dem Atomkrieg

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Wie lange wird es noch bei den gegenseitigen Beobachtungen bleiben? Trump und Kim Jong Un (im Bild) treiben ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel.

Der Konflikt zwischen den USA und Nordkorea hat eine neue Dimension der verbalen Eskalation erreicht. Stehen wir am Rande eines Atomkrieges? Wir haben mit einem Experten gesprochen.

So deutlich hat noch nie ein US-Präsident mit Krieg gegen Nordkorea gedroht! Donald Trump erklärte, er werde den Provokationen von Diktator Kim Jong Un mit „Feuer, Wut und Macht“ begegnen, „wie es die Welt so noch nicht gesehen hat“. Kim ließ darauf erklären, Nordkorea ziehe einen „Angriff auf Guam ernsthaft in Erwägung“. Die etwa 2000 Kilometer östlich der Philippinen gelegene Pazifikinsel gehört seit 1898 zu den USA und beherbergt einen strategisch wichtigen US-Stützpunkt. Wie gefährlich ist die Situation? Stehen wir am Rande eines Atomkrieges? Wir befragten dazu den Berliner Nordkorea-Experten Dr. Eric Ballbach.

Seit Jahren hören wir wüste Atom-Bomben-Szenarien aus Nordkorea. Stellt die konkrete Drohung, den US-Stützpunkt auf der Pazifikinsel Guam anzugreifen, eine neue Qualität dar?

Dr. Eric Ballbach, Nordkorea-Experte, FU Berlin: Solche Drohungen gab es durchaus schon früher. Für Nordkorea ist das Teil einer Strategie – eine Logik der Eskalation, die man innenpolitisch auch für die Propaganda nutzen kann. Der gemeinsame Feind nach außen stärkt den inneren Zusammenhalt. Neu ist aber, dass die US-amerikanische Rhetorik der nordkoreanischen gleicht. Das ist sehr bedenklich, denn wir können derzeit keine klare US-Strategie gegenüber Nordkorea erkennen. Besonders bedenklich an der jüngsten Wortmeldung von Trump ist, dass die Ein­mütigkeit verspielt wird, die der Weltsicherheitsrat zuletzt gegenüber Nordkorea aufgebaut hat.

Die bisherige US-Politik konnte das Atomprogramm Nordkoreas nicht stoppen. Kann da ein unberechenbarer Trump vielleicht doch mehr bewegen?

Ballbach: Wenn die Vergangenheit eines gezeigt hat, dann, dass Nordkorea auf internationalen Druck mit Gegendruck antwortet. Zudem sind Trumps Worte nicht wirklich glaubhaft, denn ein Militärschlag könnte Millionen von Todesopfern in Seoul und Tokio fordern, die beide im Angriffsbereich nordkoreanischer Raketen liegen. Das wäre ein Krieg in einer der wirtschaftlich dynamischsten Regionen der Welt, wo auch die US- und EU-Ökonomie betroffen wäre! Drittens wäre ein Präzisionsschlag gegen die großteils unterirdisch versteckte nukleare Infrastruktur militärisch extrem schwierig.

Wie hoch ist die Gefahr eines Atomkrieges?

Ballbach: Auch Kim Jong Un weiß genau, dass ein militärischer Erstschlag des Ende seines Regimes bedeuten würde. Die gesamte atomare Aufrüstung Nordkoreas dient aber genau dem Ziel, das Regime zu erhalten!

In unseren Medien wird Nordkoreas Diktator oft als der „Irre von Pjöngjang“ beschrieben. Trifft es das?

Ballbach: Das so gern bediente Bild eines irrationalen Regimes ist völlig falsch! Ein Regime, dem es gelungen ist, seit Mitte der 40er-Jahre innerhalb der gleichen Familie an der Macht zu bleiben, ist nicht irrational. Das provokante Verhalten folgt einer Logik: Der Besitz der Atomwaffe ist der wichtigste Garant der Macht. Das ist eine Logik wie im Kalten Krieg.

Welche Rolle spielt China?

Ballbach: Peking ist sehr unzufrieden mit Nordkorea. Wenn wir mit chinesischen oder nordkoreanischen Offiziellen reden, erkennt man eine gegenseitige Abneigung. Dass China die jüngsten UN-Sanktionen mitgetragen hat, ist nichts Neues – es sind ja bereits die achten derartigen Sanktionen seit 2016. Aber bei der Umsetzung der Sanktionen gibt es große Zweifel an Peking: Im ersten Quartal 2017 sind Chinas Geschäfte mit Nordkorea um 37 Prozent gewachsen – ganz zu schweigen vom Schmuggel an der korruptionsbehafteten Grenze. Peking will ein Zusammenbrechen des Regimes in Pjöngjang um jeden Preis verhindern, denn das würde für China bedeuten: Flüchtlingsströme, ein wiedervereinigtes Korea unter südkoreanischer Führung, US-Soldaten an der Außen­grenze…

Welche Druckmöglichkeiten jenseits einer militärischen Lösung gibt es überhaupt noch?

Ballbach: Die USA wollten ja noch schärfere Sanktionen durchsetzen, etwa einen vollständigen Stopp der Öl-Exporte nach Nordkorea. Doch Russland und China machen da nicht mit. Ohnehin ist es fraglich, ob schärfere Sanktionen etwas bringen: Mitte der 90er-Jahre gab es eine dramatische soziale Not in Nord­korea, bei der zehn Prozent der Bevölkerung verhungert sind. Selbst in dieser Situation gab es keinen nennenswerten Widerstand gegen das Regime.

Gibt es einen Ausweg aus der Krise?

Ballbach: Für Nordkorea gibt es nur einen Weg: das Atomprogramm zu vollenden. Dann könnte das Regime aus einer Situation der Stärke heraus an den Verhandlungstisch zurückkehren. Aber nicht, um das Atomprogramm zu stoppen. Ich habe erst jüngst mit nordkoreanischen Unterhändlern gesprochen, die alle betonen: Das Nuklearprogramm ist nicht mehr verhandelbar.

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