Rolle des Daten-Konzerns sorgt für Verwirrung 

Trump-Wahl und Brexit? Cambridge Analytica nimmt alles zurück 

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Die Big-Data-Firma Cambridge Analytica unterstützte sowohl Donald Trump als auch eine Kampagne der Brexit-Befürworter. 

New York - Ein Artikel über die Rolle der Big-Data-Firma Cambridge Analytica zur Trump-Wahl wird ein viraler Hit. Einzig: Mit der Wahrheit scheint es der Konzern nicht so zu halten.  

Update, 08. März 2017: Die Aufregung war riesig, als Anfang Dezember vergangenen Jahres die Schweizer Zeitschrift Das Magazin die Bombe im wahrsten Sinne des Wortes platzen ließ. Die Trump-Wahl? Der Brexit? Für weite Teile der Öffentlichkeit - geschockt und verwirrt zugleich über den Erfolg der Populisten und das angebliche Versagen der etablierten Meinungsforschungsinstitute - ergab nun alles Sinn. Diese scheinbare Gewissheit war in jenem Artikel (Überschrift: „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“) im Grunde jederzeit mit einem Namen verknüpft: dem von Cambridge Analytica. Denn Verantwortliche des Daten-Konzerns hatten sich offen damit gebrüstet, mittels der Entwicklung von Persönlichkeitsprofilen und individuell zugeschnittener Werbung in den sozialen Netzwerken das wahlentscheidende Element der beiden politischen Kampagnen gewesen zu sein. Ein Datenriese als großer Wahlhelfer. Eine Ansicht, die - wie sich nun herausstellt - nicht viel mit der Wahrheit zu tun hatte.

Laut der New York Times haben mehrere republikanische Berater und Wahlkampfhelfer sowie auch derzeit angestellte Mitarbeiter von Cambridge Analytica genau das bestätigt, was hinter vorgehaltener Hand bereits immer häufiger gemunkelt wurde: Cambridge Analytica hat in seiner Darstellung deutlich übertrieben. Zur gezielten Wahlwerbung habe man - wie die Beteiligten berichteten - lediglich konventionelle statistische Methoden genutzt; der Einfluss war wohl dementsprechend gering. Im Kundenprospekt des Konzerns, der noch in diesem Jahr verteilt wurde, klang das jedoch noch ganz anders. Dort sprach man selbst von einer „entscheidenden Rolle“, die man gespielt habe, gleichzusetzen mit dem „größten politischen Erfolg der Firma in den USA".

Nun haben sogar Führungskräfte von Cambridge Analytica zugegeben, dass es Rahmen von Trumps Wahlkampagne überhaupt keine Erstellung von Persönlichkeitsprofilen beziehungsweise Psychogrammen gegeben habe. Auch die Brexit-Kampagne, für dessen Erfolg man sich bis zuletzt rühmte, hat wohl nichts mit dem Engagements des Unternehmens zu tun. Ein Firmensprecher nahm die Aussage von CEO Alexander Nix, wonach man die erfolgreiche Brexit-Kampagne befeuert habe, zurück. 

Für Verwirrung sorgt auch, dass Nix in einem Vortrag erwähnt hatte, dass die Psychogramme durch das Einfließen von Facebook-Likes erstellt würden. Diese Aussage steht im klaren Widerspruch zum Statement eines Sprechers, der gegenüber der deutschen Ausgabe von Wired angab, dass der Konzern keine Facebook-Daten verwende

Trotz der Wirrungen um die Tätigkeiten des Konzerns scheint das Interesse an den Protagonisten von Cambridge Analytica derweil jedoch nicht abzureißen. So wird am kommenden Dienstag beispielsweise die Werbechefin des Unternehmens die Eröffnungsrede der Konferenz d3con halten; zudem soll im Juni ein weiterer Topmanager von Cambridge Analytica auf dem Zukunftskongress in Wolfsburg auftreten.

Hier geht es zum ursprünglichen Artikel:

Sorgte eine einzige Firma für Trump-Wahl und Brexit? 

Dass ein Bild oder ein Video im Netz viral geht, ist in Zeiten der Digitalisierung und der stetigen Technisierung unserer Gesellschaft wohl das Normalste der Welt. Täglich tauchen hunderte solcher Fotos oder Clips in den Timelines der sozialen Netzwerke auf: Sie berühren uns emotional und lösen in Windeseile eine Art globalen Hype aus - sei es auf Facebook, Twitter, Instagram oder Snapchat. Dass ein redaktioneller Artikel deutschlandweit Wellen schlägt, passiert dagegen eher selten.

Die Schweizer AutorenzeitschriftDas Magazin hat mit dem Artikel „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“ das nahezu Undenkbare nun möglich gemacht. Ein Online-Artikel, noch dazu ein ellenlanger, hat es in das digitale Bewusstsein der Deutschen geschafft. Das Thema des Textstücks behandelt dabei ein simple Frage: Wie konnte es Donald Trump, der im Wahlkampf nahezu immer durch Rassismus und Tölpelhaftigkeit aufgefallen war, amerikanischer Präsident werden? Die Antwort lautet ebenso simpel: Big Data. 

Donald Trump

Demnach soll eine britische Analyse-Firma namens Cambridge Analytica Donald Trump zum Wahlsieg verholfen haben. „Wir sind begeistert, dass unser revolutionärer Ansatz der datengetriebenen Kommunikation einen derart grundlegenden Beitrag zum Sieg für Donald Trump leistet“, gerät Alexander Nix, CEO von Cambridge Analytica, ins Schwärmen. Mittels Facebook hat das Unternehmen laut des Berichts die seelische Verfassung der Amerikaner gemessen und so potentielle Wähler ausgemacht. Für jede dieser in Frage kommenden Personen erstellte Cambridge Analytica angeblich ein psychologisches Profil - und konfrontierte diese dann mit einer optimierten, personalisierten Werbung für den Präsidenten-Kandidaten Trump.  

Ein entscheidender Vorteil gegenüber Hillary Clinton, die laut dem Artikel eher auf herkömmliche Art und Weise um Unterstützung bat und in ihrer Bevölkerungsanalyse - ähnlich wie die düpierten Meinungsforschungsinstitute - Wähler in homogene Gruppen unterteilte. 

Dank Likes und Postings Rückschlüsse auf Intelligenz 

Zukünftig getrennt dank Big Data? EU und Großbritannien. 

Likes und Postings sollen bei der Wahl also den Ausschlag gegeben haben. Laut Psychologe und Erfinder Michal Kosinski, dessen psychometrische Methode nun von Cambridge Analytica zweckentfremdet wird, könne man anhand der hinterlassenen Spuren im Netz nicht nur Rückschlüsse auf Hautfarbe, sexuelle Orientierung und politische Einstellung gewinnen, sondern auch auf die Intelligenz, den Zigaretten- bzw. Alkoholkonsum oder auch auf persönliche Attribute der Eltern. Eine erschreckende Erkenntnis, die die Netzgemeinde mit einiger Hysterie aufhorchen ließ. 

Die Tatsache, dass Cambridge Analytica auch für eine Kampagnen-Kommunikation des Brexit-Lagers verantwortlich war, bestätigte das Bild zweier Wahlen, die nicht vorrangig durch die öffentliche Diskussion, sondern durch die sozialen Medien entschieden wurden. 

Artikel wirft einige Fragen auf 

Allerdings wurde bereits kurze Zeit nach der Veröffentlichung des Artikel am 3. Dezember Kritik laut. Allen voran stößt man sich an der Formulierung von Cambridge-Analytica-Chef Alexander Nix, dass man Psychogramme von allen erwachsenen US-Bürgern habe. Das entspräche einer Anzahl von 220 Millionen Menschen. Gerade die ältere Generation ist jedoch nicht regelmäßig im Internet unterwegs - geschweige denn in Facebook - und wäre somit für die Datensammler eine nicht zu akquirierende Größe. Die Zahl steht nicht in Relation zur sozialen Wirklichkeit vieler Amerikaner. 

Außerdem ist im Text vom märchenhaften Aufstieg des republikanischen Kandidats Ted Cruz durch Big Data die Rede. Fakt ist jedoch, dass Cruz als Tea-Party-Leader bereits zuvor über enorme Bekanntheit verfügte und sogar als einer der Favoriten das Rennen antrat - auch hier werden die Tatsachen abermals verzerrt. Der Republikaner Ben Carson war im Übrigen trotz seiner Big-Data-Kampagne chancenlos. 

Auch in Deutschland möglich? 

Bleibt die Frage: Wie soll man mit einem solchen Trend umgehen? Ist es ein beachtenswertes Randproblem? Oder eine jahrelang unterschätzte, manipulierende Horror-Vision? Welches Szenario stimmt nun? 

Sicher ist: Das sogenannte Target-Voting spielt eine immer größere Rolle in den mitunter verleumdenden Wahlkämpfen der letzten Monate. Das haben sowohl die Präsidentschaftswahlen in den USA als auch das Brexit-Votum gezeigt. Nun zeigt auch Marine Le Pen von den Rechtspopulisten der französischen Front National via Twitter Interesse an der Netz-Methode. Die Populisten wittern ihre Chance - das ist nicht zu übersehen. Für den Bürger Deutschlands gilt jedoch die Versicherung: In der Bundesrepublik ist der Umgang mit derart vertraulichen und personenbezogenen Daten verboten. 

lpr

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