Zehn Monate nach Amtsantritt

Unbeliebter Hollande zwischen Krieg und Krise

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François Hollande hat es nicht leicht derzeit.

Paris - Frankreich steckt in der Krise. Trotz schlechter Wirtschaftszahlen und Reformbedarfs versucht Präsident Hollande, Ruhe zu bewahren. Kritikern reicht das nicht. Schon jetzt ist er unbeliebt wie nie.

Er regiert in einem Land der schlechten Wirtschaftszahlen. Kaum eine Woche vergeht, in der Frankreichs Präsident François Hollande im Élyséepalast nicht mit neuen Schreckenszahlen konfrontiert wird. In einem 75 Minuten langen Live-Interview am Donnerstagabend zeigte sich Hollande deshalb kämpferisch. „Ich bin Präsident der Republik seit zehn Monaten, nicht seit zehn Jahren.“ Die aktuelle Krise halte länger an als erwartet. „Ich führe diese Schlacht“, kündigte Hollande an, „das ist Verpflichtung und Kampf.“

Hollande setzt auf Zeit

Gut zehn Monate nach Amtsantritt steckt der Staatschef im Umfragetief. Mehr als die Hälfte seiner Landleute halten Hollande für einen „schlechten Präsidenten“. Bei nicht mal mehr jedem dritten Franzosen ist der Präsident noch beliebt. In manchen Erhebungen liegt er damit sogar noch hinter der Chefin der rechtsextremen Front National, Marine Le Pen.

Die Zahlen scheinen für sich zu sprechen: Die kränkelnde Volkswirtschaft stagnierte 2012 mit null Prozent Wachstum. Die Zahl der Arbeitslosen steigt unaufhörlich und liegt nur noch knapp unter dem Rekord von 1997, als 3,195 Millionen Menschen einen Job suchten. Lange sträubte sich Hollande gegen die Einsicht, dass die Drei-Prozent-Marke beim gesamtstaatlichen Defizit nicht zu halten ist. Aktuelle Prognose: 3,7 Prozent.

Hollande setzt dabei weiter auf Zeit. Der Präsident wird nicht müde, auf die fünf Jahre währende Amtszeit zu verweisen. Seine Politik soll langfristig wirken. Erst am Ende will er am Ergebnis gemessen werden.

Home-Ehe soll kommen - auch gegen Widerstände

Die Ehe auch für homosexuelle Paare inklusive Adoptionsrecht zieht die Regierung auch gegen den erbitterten Widerstand der versammelten Rechten durch. Daran ließ Hollande am Donnerstag keinen Zweifel: „Es geht um gleiches Recht für alle.“ Auch ein Plan, der die Schließung profitabler Fabriken verbietet und Konzerne stattdessen zum Verkauf zwingen soll, gilt in Frankreich als Geschenk Hollandes an die Linke.

Noch sind die Demonstrationen von Linken und Gewerkschaftern überschaubar. Aber Frankreichs Arbeitnehmer sind bekannt dafür, Protest und Unmut blitzartig auch in offene Gewalt auf Straßen und in Unternehmen umschlagen zu lassen.

François Hollande: volksnah und bescheiden 

Lange Zeit wurde er verspottet, wahlweise als „Niete“, „Pudding“ oder auch als „Tretbootkapitän“ belächelt. Aber nun hat der bodenständige François Hollande seine Kritiker zum Schweigen gebracht. © dpa
Der Sozialist ist Präsident von Frankreich, der zweitgrößten Wirtschaftsmacht Europas. Das Nachbarland sehnte sich offenbar nach einem seriösen Gegenentwurf zu seinem hektischen Vorgänger Nicolas Sarkozy. © dpa
Und Hollande hat in den Tagen vor seiner Vereidigung alles getan, um die Anfängerfehler Sarkozys zu vermeiden. © dapd
Hollande gibt sich nun bescheiden und volksnah und isst weiterhin Bratkartoffeln mit seiner Lebensgefährtin in der Brasserie gegenüber seiner Wohnung. © dpa
Nach fünf Jahren Sarkozy verkörpert er möglicherweise genau den bescheideneren Charakter, den sich die Franzosen gerade wünschen. Er versprach, das Gehalt des Präsidenten um 30 Prozent zu kürzen und mit seiner Lebensgefährtin Valérie Trierweiler möglicherweise in ihrer privaten Wohnung zu verbleiben statt in den Élysée-Palast zu ziehen. © dpa
Auch wenn Hollande sich gerne als einfacher Mann des Volkes präsentiert, hat er eine für Frankreich klassische Karriere gemacht: Er machte in dem noblen Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine Abitur und ging auf die elitäre Hochschule ENA, auf der viele erfolgreiche Zeitgenossen ebenfalls ihr Diplom machten. © dpa
Einen normalen Job hat Hollande nie angenommen - seit seinen Studienjahren übernahm er alle möglichen Posten in der Sozialistischen Partei, angefangen vom Staatssekretär über den Sprecher des Premierministers Lionel Jospin bis zum Generalsekretär. © dpa
Er galt immer als zuverlässiger Parteisoldat, aber eigentlich nie als der geborene Kandidat. So hatte Hollande seine Kandidatur eigentlich nur dem Zufall zu verdanken. © dpa
Die Sozialisten verloren im Sommer nach den Vergewaltigungsvorwürfen gegen den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn (DSK) ihren aussichtsreichsten Kandidaten. Der Skandal um Strauss-Kahn wirbelte das gesamte politische Programm durcheinander. © dpa
Erstaunlicherweise haben die Sozialisten kaum darunter gelitten. Sie beherrschten wochenlang mit ihren Vorwahlen die Medien. Rund zwei Millionen Franzosen beteiligten sich an der Personen-Kür und wählten Hollande mit großem Abstand zu ihrem Spitzenkandidaten. © dpa

Der Blick über die Grenze ist für viele Franzosen deprimierend. In Deutschland etwa liegt die Arbeitslosenquote nach EU-Zahlen mit 5,3 Prozent nur halb so hoch wie in Frankreich (10,6). Auf europäischer Ebene wird die zweitgrößte Volkswirtschaft des Euroraums inzwischen mehr oder weniger offen als Sorgenkind behandelt.

International setzt Hollande dem ein robustes Krisenmanagement entgegen. Zwar hat die Regierung den Kampfeinsatz in Afghanistan - wie im Wahlkampf versprochen - rasch beendet. Doch zum Krieg in Mali ließ sich die ehemalige Kolonialmacht nicht lange bitten. Erfolge dort werden in Paris umgehend kommuniziert. Auch in Syrien unterstützte Frankreich schon früh die dort kämpfende Opposition - bis hin zur umstrittenen Forderung nach Waffenlieferungen. Diese legte Hollande allerdings am Donnerstag vorläufig auf Eis.

Doch selbst der Stolz der kriegführenden Nation stand mit drohenden Kürzungen im Verteidigungsetat schon auf dem Prüfstand. Hollande machte klar: Der Armee bleiben im kommenden Jahr Einschnitte erspart.

dpa

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