Corbyn holt auf

Wahlen in Großbritannien: Theresa May muss noch bangen

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Premierministerin Theresa May.

Nach dem Brexit-Votum könnten die Briten an diesem Donnerstag für die nächste Überraschung gut sein. Schien es zunächst ausgemacht, dass Theresa May die Parlamentswahlen haushoch gewinnt, muss sie nun um ihren Sieg zittern.

In dem nach den Anschlägen von Manchester und London zuletzt von einer Sicherheitsdebatte dominierten Wahlkampf geriet die ehemalige Innenministerin selbst unter Beschuss. Ihr Herausforderer Jeremy Corbyn von der oppositionellen Labour-Partei punktete hingegen mit seiner Glaubwürdigkeit bei sozialen Themen.

Mays Tories liegen laut einer Umfrage vom Sonntag nur noch einen Prozentpunkt vor der oppositionellen Labour-Partei, nachdem es kürzlich noch satte 20 Prozentpunkte waren. Einer anderer Umfrage zufolge wären die Konservativen auf einen Koalitionspartner angewiesen, was in der Geschichte des Landes mit seinem Mehrheitswahlrecht extrem selten ist.

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Britische Umfragen können stark schwanken

Allerdings sind Umfragen in Großbritannien mit Vorsicht zu genießen, wie spätestens das Referendum über den EU-Austritt im Juni 2016 bewies. Auch bei den Parlamentswahlen 2015 lagen die Meinungsforscher gründlich daneben: Sie hatten Mays Vorgänger David Cameron kaum einen Sieg zugetraut, tatsächlich schaffte er sogar die absolute Mehrheit.

May konnte also nach dem Rückzug Camerons infolge der Brexit-Pleite mit einer Mehrheit von 17 Stimmen regieren - und hätte dies auch noch bis 2020 tun können. So hatte sie Neuwahlen zunächst explizit ausgeschlossen, ließ sich dann aber von den guten Umfragewerten dazu verleiten, ein stärkeres Mandat für ihre Brexit-Verhandlungen mit Brüssel zu suchen.

Satter Vorsprung drastisch geschmolzen

Dass ihr satter Vorsprung in den Umfragen drastisch schmolz, hat sich die 60-Jährige auch selbst zuzuschreiben. So empfanden es viele Wähler als herzlos, als May nach dem Anschlag in Manchester mit vielen toten Kindern und Jugendlichen auf Kritik entgegnete, sie habe als Innenministerin von 2010 bis 2016 Polizeistellen streichen müssen, "damit wir nicht über unsere Verhältnisse leben".

Als dann binnen weniger Tage der nächste Anschlag folgte - der dritte binnen drei Monaten, in denen insgesamt 34 Menschen getötet wurden - ließ sich die Kritik an ihrem Vorgehen als Innenministerin nicht mehr überhören. Mays Versuch, sich nun als besonders entschlossene Kämpferin gegen den Terrorismus zu präsentieren, wurde von Pannen der Behörden konterkariert, die zumindest einen der Attentäter von London schon kannten.

Ebenfalls schlecht an kam Mays Weigerung, sich im Wahlkampf einem direkten Schlagabtausch mit ihrem Herausforderer Corbyn zu stellen. Nahm die Pfarrerstochter aus dem Süden Englands an Fragerunden mit Zuschauern und Journalisten teil, wirkte sie bestenfalls spröde, manchmal sogar abwesend.

Corbyn als echte Alternative

Zugleich gelang es dem selbst in der eigenen Partei stark umstrittenen Corbyn überraschend gut, sich als Alternative zu präsentieren. Der linke Pazifist punktete vor allem mit sozialen Themen, die Konservativen lieferten Steilvorlagen. So setzte sich May für die in der Presse als "Demenz-Steuer" gescholtene Sozialabgabe ein, mit der ältere Menschen maßgeblich für ihre Pflege aufkommen sollen.

Während May sich unablässig als die einzige Politikerin darstellte, die den Brexit zu einem Erfolg führen könne, übersah sie offenbar, dass die Menschen sich weniger Sorgen um den Brexit als vielmehr um Einschnitte im Bildungs- oder Gesundheitsbereich machen.

Corbyn dagegen, dessen sozialdemokratische Partei bei diesen Themen ohnehin besser abschneidet als die als Partei der sozialen Kälte verschrieen Konservativen, kündigte mehr Geld für die öffentliche Hand an. Finanziert werden soll dies durch höhere Steuern für Reiche und Unternehmen.

Die Wettbüros, die auf der Insel traditionell eine wichtige Rolle spielen, sagen zumeist einen deutlichen Sieg der Tories voraus. Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit sind dabei aber mehr als angebracht: Beim Brexit-Referendum waren die Buchmacher davon ausgegangen, dass die Briten für einen EU-Verbleib stimmen würden.

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AFP

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