Wahlkampf 2017

Haustür und Hightech: So kämpft die CSU um Wähler-Stimmen

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Internet-Beobachtung: CSU-General Andreas Scheuer.

Wessen Gesicht vom Plakat grinst, war jahrzehntelang die Schlüsselfrage in Wahlkämpfen. 2017 ist das nur noch ein Randaspekt. Die Politschlacht läuft digital – und in einem Bereich ganz altbacken: an der Türklingel.

München – An der Säule kleben Seehofer und Merkel, ernst dreinblickend, mit Lichtschwert im Star-Wars-Stil. „Möge die Macht mit Dir sein“, hat einer dazu getextet, „Bundestagswahl am 24. September“. Das improvisierte Plakat ist der perfekte Wandschmuck für diesen Raum im ersten Stock der CSU-Landesleitung: Mit wem ab Ende September die Macht ist, soll genau hier geplant werden.

Der Raum ist das Herzstück der CSU-Wahlkampfzentrale im Münchner Norden. Dutzende Mitarbeiter, manche mit Einstecktuch, andere mit Kapuzenpulli und Tattoo, drängen sich auf enger Fläche, gebeugt über Laptops oder Kisten voll Parteimaterial. Sie versuchen, den bisher modernsten Wahlkampf zu organisieren. Wobei „modern“ nicht heißt, nur vor Bildschirmen zu kämpfen: Zwischen zwei Computern liegt ein halb vollgekritzelter „Erfassungsbogen Haustürbesuch“.

Tatsächlich will die CSU in diesem Spätsommer an so vielen Türen klingeln wie noch nie. Seit Jahresbeginn haben die Parteistrategen ihr Konzept für einen Straßenwahlkampf entwickelt. In jeden der 46 Wahlkreise hat die Partei einen Mitarbeiter entsandt, der Teams aus Freiwilligen schult und zum Klingeln schickt. In Kleingruppen ziehen sie ab August von Haus zu Haus, erinnern an die Wahl und hören sich Sorgen und Wünsche an.

Das Konzept klingt altbacken in einer digitalisierten Welt; mühsam und lästig ist die Klingelei auch. Strategen halten das aber inzwischen für das zentrale Instrument. Zweimal – Saarland im März, NRW im Mai – half ein koordinierter Haustürwahlkampf der CDU, kurz vor dem Wahltermin Unterstützer zu wecken. Die massive Mobilisierung ist der Gegenentwurf zu Merkels einstiger „asymmetrischer Demobilisierung“, dem Einlullen kritischer Wähler.

Eingeweihte wissen zudem: Wahllos klingelt keiner. Die CSU hat Strukturdaten gekauft und ausgewertet, wo eine tendenziell CSU-affine Bevölkerung anzutreffen ist. Für jede Straße in Bayern lassen sich solche Werte ermitteln. Jeder Kandidat bekam – legal, aber streng vertraulich – die Daten seiner Gegend. Die Partei weiß, welcher Wahlkreis heuer knapp wird (München-Nord, Nürnberg-Nord), und in welchem Straßenzug das zu ändern ist.

Am Haustür-Simulator: CDU-General Peter Tauber.

Neu? Nicht unbedingt. Die CDU hat eine App entwickelt: „Connect17“ schickt Teams in Straßenzüge, wo mit mindestens 60 Prozent Wahrscheinlichkeit CDU gewählt wird. Die Software rät, nicht länger als ein bis zwei Minuten pro Türe zu verharren. In der Parteizentrale üben Mitarbeiter jetzt sogar an einem Haustür-Simulator mit Bildschirm. Die SPD hat ebenfalls sozioökonomische Daten beschafft und will viel klingeln. Die SPD-App hinkt allerdings laut Medienberichten der der CDU und der Software der CSU hinterher. Auch in Frankreich setzte die Macron-Partei solche Daten ein. In den USA, wo Wähler haustürgenau bekannt sind und der Datenschutz kaum greift, ist das sogar Standard.

Der Personalaufwand ist immens. Die CSU führt Listen, in welcher Region wie viele Freiwillige gefunden wurden. „Truppenstärke nach Wahlkreisen“ haben das die Strategen getauft, Passau führt mit dutzenden Mitstreitern, Deggendorf ist mit sieben Schlusslicht. Bayernweit haben sich bisher gut 1500 gemeldet, ein Drittel davon in Oberbayern. Sie sollen am Ende jeder Klingeltour präzise nach München rückmelden, was die Bevölkerung umtreibt. Die Auswertungen landen bei der Parteispitze. Vom alten CSU-Wahlkampf – Plakat kleben, Kugelschreiber verschenken, Wahlsieg einfahren – ist das himmelweit entfernt. „Viel direkter, viel intensiver“, sagt Generalsekretär Andreas Scheuer, der Journalisten gestern einen Einblick in die Zentrale gab.

Die zweite Säule der CSU-Kampagne läuft online. Seit Monaten baut die Partei die Präsenz in sozialen Netzwerken aus. Auf Großbildschirmen verfolgen Mitarbeiter sekundengenau, was Parteifreunde, Parteifeinde und Parteifremde twittern und posten. Online-Wahlwerbung wird personalisiert geschaltet.

Nicht mehr so wichtig: Wahlplakate verlieren Bedeutung.

In der CSU-Geschichte dürfte 2017/18 in Bund und Land der teuerste (Doppel-) Wahlkampf sein. Erstmals wird er aus der neuen Parteizentrale geführt. 2013, als die CSU noch in einem Hinterhof in der Innenstadt hauste, musste sie eine teure Wahlkampfzentrale extra anmieten. Ein bisschen was vom konventionellen Wahlkampf gibt es übrigens doch noch: Plakate werden geklebt. Und Kundgebungen gibt es auch noch. Merkel hat für neun Auftritte in Bayern zugesagt, Höhepunkt ist die Abschlusskundgebung am 22. September in München.

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