Parteitag im Zeichen miserabler Umfragewerte

Wahlkampfstart der CSU: Krisenstimmung und ein Stoiber-Spektakel

„Wollt ihr das? Wollt ihr das wirklich?“ Markus Söder bei seiner Rede am Parteitag.
+
„Wollt ihr das? Wollt ihr das wirklich?“ Markus Söder bei seiner Rede am Parteitag.

Krisenparteitag stattJubelfest: Der Wahlkampfstart der CSU fällt in ihr schlimmstes Tief seit einem halben Jahrhundert. Mit ungewohnten Tönen versucht Markus Söder, Partei und Land wachzurütteln.

München – Zwei Minuten Rede hat er noch vor sich, da beugt sich Markus Söder tief zum Mikrofon. Er schnauft, er raunt die nächsten Sätze, seine Hände fahren durch die Luft. „Wollt ihr das?“, fragt er. Und leiser: „Wollt ihr das wirklich? Ihr wollt der CSU vielleicht etwas zum Nachdenken geben. Das schadet nie. Aber wollt ihr wirklich diese bayerische Demokratie so verändern?“ Er klingt nicht verzweifelt, noch nicht, aber flehentlich und fassungslos. Es ist ein Ton, den man auf Parteitagen nie hört, und von einem Söder erst recht nicht. „Es wäre Bayern echt zu schade, um es in falsche Hände zu geben“, sagt er noch.

So schlecht steht es um die ewige Staatspartei, dass sie zu ihrem Wahlkampfauftakt offen über ein Bayern spricht, in dem die CSU nicht mehr regiert. Kein Hirngespinst mehr nach der „Bayerntrend“-Umfrage, die Radikale links wie rechts im Landtag und eine bunte Mehrheit jenseits der CSU sieht. Söder bricht in diesen Minuten mit dem Polit-Gesetz, auf Parteitagen nur kraftmeiernd Erfolgsbilanzen zu loben und Schattenseiten schönzureden. Seine leisen Worte sollen der lautestmögliche Weckruf ans Land sein.

Söder: „Es weht ein Geist der Verunsicherung und Spaltung“

Ein ungewöhnliches Parteitreffen. Nicht dass die Stimmung schlecht oder der Saal leer wäre. Doch schwer hängt über dem überhitzten Münchner Postpalast ein Gefühl der Unsicherheit, bis hinauf in die Spitze: Warum kann Bayerns Lage auf allen Politikfeldern herausragend sein, aber der Umfragewert der CSU dermaßen mies? „Es weht ein Geist der Verunsicherung und Spaltung“, sagt Söder, „durch ganz Europa“.

Er schlägt in seiner Rede mehrere Töne an. Der Weckruf, von den Delegierten heftig beklatscht, gleichzeitig aber auch eine schroffe Abgrenzung von anderen Parteien. Warnend, nicht weinerlich will Söder verstanden werden. Reihum teilt er deshalb auch aus. Die Grünen und ihre „Geschichte des Irrtums“, Bayerns SPD („trostlose Partei, eine Insolvenzmasse“), die angeblich verantwortungsscheue FDP, die allesversprechenden Freien Wähler. Und die AfD, voll auf radikalem Höcke-Kurs, „geschichtsvergessen“ und „schäbig“. Selbst achtet Söder diesmal sehr auf seine Wortwahl zur Migration. Spät spricht er über das Thema, benennt Fehlentwicklungen, stellt aber voran die Betonung der Humanität und einen Dank an „Flüchtlingshelfer, Ehrenamtliche, Kirchen“.

Lesen Sie auch: Landtagswahl in Bayern: Jetzt gibt es doch ein TV-Duell mit Söder - aber die SPD bleibt draußen

Der Ton gegenüber der AfD ist neu. Spät, aber deutlich versucht man sich abzugrenzen. Auch weil sich der Ton der AfD noch mal verschärft hat. Deggendorfs Landrat Christian Bernreiter berichtet am Rande des Parteitags besorgt von Erlebnissen seiner Wahlhelfer. „Da kommen Leute an den Infostand und sagen: ,Wenn wir regieren, werdet ihr eingesperrt.‘“ Bei der Bundestagswahl war die AfD in Deggendorf mit 19,2 Prozent klar zweitstärkste Kraft.

Söders Weckruf versuchen zwei Mitstreiter zu verstärken. Trotzig, kämpferisch, fast wütend, eröffnet Generalsekretär Markus Blume den Parteitag. „Glaubt irgendjemand, Bayern stünde ohne die CSU so da“, schnaubt er. „Dieses Bayern“, sagt er immer wieder, weil er es unter grün-bunten Regierungen für ein anderes Bayern hielte. Blume sucht auch die härteste Abgrenzung von der AfD, stellt sie in eine Reihe mit der NPD. „Ich möchte für meine Kinder, für mein Land, nicht, dass diese Partei jemals eine Rolle spielt.“ Dafür gibt es lang und laut Beifall im Saal.

Das könnte Sie auch interessieren:  Parteitag zeigt: Horst Seehofer und die CSU haben sich auseinander gelebt

Spektakulärer noch: Als Edmund Stoiber mit seinem Erzrivalen Theo Waigel für eine Gesprächsrunde die Bühne entert. Dass die beiden Ehrenvorsitzenden einen Tag ihre gut 30 Jahre alte Fehde begraben, vier Stunden lang tapfer Schulter an Schulter sitzen und selbst abseits der Kameras miteinander reden, ist ein Detail des durchinszenierten Mutmach-Parteitags. Stoiber steigert sich auf der Bühne sogar in einen minutenlangen Monolog hinein, immer lauter, wilder. „Das kann nicht der Zustand Bayerns sein!“, schreit er, „so nicht“, beschwört eine „Jetzt-erst-Recht-Stimmung in der CSU“.

Zumindest kurzfristig hilft das: Delegierte hasten sogar von der Wursttheke draußen zurück in den Saal, um dieses Stoiber-Spektakel zu erleben.

Kommentare