"Irgendwann entwickelte sich mein Leben schneller"

Wahlschlappe: Wurde dieses Interview Torsten Albig zum Verhängnis?

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Muss wahrscheinlich seinen Posten in Schleswig-Holstein räumen: Torsten Albig

Kiel - Unerwartet erlitt Amtsinhaber Albig in Schleswig-Holstein eine Schlappe. Wurde er vom Wähler für ein zu persönliches Interview in einem Boulevardblatt abgestraft?

"Das ist heute ein bitterer Tag für die Sozialdemokratie, ein bitterer Tag für die Regierung, ein bitterer Tag für mich", fasste Noch-Ministerpräsident und erneuter Spitzenkandidat, Torsten Albig, (53) die Wahlschlappe der SPD in Schleswig-Holstein schmallippig zusammen. Fast sechs Prozentpunkte hinter der CDU. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sprach von einem "traurigen Abend". Unisono wird in der ältesten Partei Deutschlands am Sonntagabend der Ausgang der Landtagswahl in Schleswig-Holstein bedauert.

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Allerdings läuft hinter den Kulissen auch die Ursachenforschung seit dem Erscheinen des vorläufigen amtlichen Endergebnisses auf Hochtouren. "Ich kann mir das nur so erklären, dass es in den letzten zwei, drei Wochen gar nicht mehr so sehr um politische, um Gerechtigkeitsthemen ging, sondern eher um Dinge wie das Privatleben des Ministerpräsidenten", kommentierte SPD-Generalsekretärin Katarina Barley die Wahlniederlage und spielte damit auf ein umstrittenes Interview, das Albig vor wenigen Wochen der Boulevardzeitschrift Bunte gegeben hatte, an.

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Kraft spricht von "individuellen Fehlern" in Kiel

Hannelore Kraft, die am kommenden Sonntag als Ministerpräsidentin in Nordrhein-Westfalen gewählt werden möchte, ordnete die Situation wie folgt ein: "Es gab in Schleswig-Holstein auch individuelle Fehler vor Ort, die die Kollegen jetzt selbst analysieren müssen." Ob sie damit auch auf das folgenreiche Interview anspielen wollte, kann nur spekuliert werden.

"Irgendwann entwickelte sich mein Leben schneller"

Rückblick: Albig hatte die Illustriete zu einer Homestory eingeladen. Dort ließ er gemeinsam mit seiner neuen Lebensgefährtin ablichten und gab tiefe private Einblicke. Er sprach über das Verhältnis zu seiner Noch-Ehefrau und die Gründe für die Trennung nach 27 Jahren. Im Interview ging es nur am Rande um Politik. "Untypisch", sei das gewesen, fand SPD-Generalsekretärin Barley nur wenige Minuten nach Schließung der Wahllokale.

"Irgendwann entwickelte sich mein Leben schneller als ihres. Wir hatten nur noch ganz wenige Momente, in denen wir uns auf Augenhöhe ausgetauscht haben", zitierte die Bunte Albig im Interview. Weiter sagte er: "Meine Frau war in der Rolle als Mutter und Managerin unseres Haushaltes gefangen."

Schon vor der Wahl am Sonntag hatte Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Umweltminister in Schleswig-Holstein und Albig-Stellvertreter im Landtag, die Aussagen Albigs kritisiert. "Die eigentlichen Aufreger sind eher: Welcher Politiker ist überheblich? Es gibt ein Interview des Ministerpräsidenten, wo er seine Trennungsgeschichte von seiner Familie breitgetreten hat - das haben viele Leute nicht als besonders klug empfunden", sagte Habeck im Gespräch mit dem Podcast-Journalisten Tilo Jung.

Seit Erscheinen des Interviews: Die Umfragewerte im Fall

Welchen Einfluss hatte das Interview auf den Wahlausgang? An den Umfragewerten lässt sich folgendes ablesen: Am Erscheinungstag des Interviews, am 20. April, lag die SPD mit 33 Prozent in den Umfragen noch deutlich auf Kurs. Nur vier Tage später rutschte die Partei bereits um drei Punkte ab, kam nur noch auf 30 Prozent. Der Abwärtstrend war seitdem nicht mehr zu stoppen und endete am Wahlsonntag bei 27,2 Prozentpunkten. Dennoch kann nicht genau festgemacht werden, wie groß der Einfluss des Interviews letztendlich auf die Entwicklung der Umfragewerte war.

Für Albigs politische Gegner war der Vorstoß des Amtsinhabers in der Boulevardpresse sein politisches Todesurteil. FDP-Spitzenmann Wolfang Kubicki soll mehr als geschmunzelt haben, als er zum ersten Mal von dem Interview erfuhr. Für den ehemaligen Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins (2005 bis 2012) und Albig-Vorgänger Peter Harry Carstensen hat das Interview "die Stimmung zerschlagen".

Eine Zukunft Albigs als Ministerpräsident scheint unmöglich

Durch die Wahlniederlage ist Torsten Albig womöglich der erste SPD-Ministerpräsident seit zwölf Jahren, der abgewählt wurde. Eine erneute Koalition mit den Grünen und dem SSW, dem Südschleswigschen Wählerverband, der politischen Vertretung der dänischen Minderheit und der nationalen Friesen, ist nicht mehr möglich.

Die CDU kam auf 32,0 Prozent, die SPD erhielt 27,2, gefolgt von Grünen mit 12,9 und der FDP mit 11,5 Prozent. Eine Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP hatte Kubicki am Montag bereits ausgeschlossen und betont, die Wahrscheinlichkeit dafür tendiere gegen null.

tlo

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