Buch-Tipp: Afrika mit Zuckerguss

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Traditionelle Tanzgruppe zeigen ihr Können.

Kann ein Buch eine Seele haben? Es kann, wenn es geschrieben ist wie „Kuchen backen in Kigali“ – ein Roman voller Menschlichkeit, Witz und Wärme, der ein Bild von Afrika jenseits aller Touristenklischees zeigt.

Nach einem Rezept für die Zukunft Afrikas suchen viele. Aber die meisten suchen vergebens. Völkerkriege, Aids, Armut, Korruption und Naturkatastrophen: Die Probleme, die dieser Kontinent zu bewältigen hat, sind unvorstellbar groß. Zumindest aus der Sicht der Menschen, die sie von ganz weit weg betrachten.

Angel, die Kuchenbäckerin, sitzt mittendrin im afrikanischen Problemherd. Eigentlich stammt Angel aus Tansania, aber weil ihr Mann an der Universität von Ruandas Hauptstadt Kigali einen Job bekommen hat, ist Angel mit ihrer Familie umgezogen. Die Familie, das sind fünf Enkel, für die Angel sorgt, nachdem ihr Sohn und ihre Tochter gestorben sind. Der eine ermordet von Räubern, die andere von einer Krankheit dahingerafft, die man Unterernährung oder Erschöpfung nennt, aber die inWirklichkeit vier grausame Buchstaben hat: Aids. In Angels Backstube kommen sie alle zusammen.

„Das Leben ist wie ein Kuchen“

Mrs. Wanyika, die Gattin des Botschafters, die westliche Designermode trägt, eine westliche Hochzeitstorte bestellt und auch sonst den Bezug zu ihrem Volk verloren hat. Jeanne, die junge Sexarbeiterin, die ihren Körper verkauft, um ihre Geschwister zu ernähren. Krankenschwester Odile, die von marodierenden Soldaten misshandelt wurde, Captain Calixte, der so ein Soldat war und jetzt eine weiße Frau zum Heiraten sucht, um das Land verlassen zu können.

Dann sind da noch ein paar Wazungu, Weiße, aus Amerika und Europa, die wahlweise in Afrika helfen oder hier, wie all die Jahrzehnte vorher, lukrative Geschäfte machen wollen. Auch Angel hat kein Rezept für Afrika, aber sie weiß, welche Zutaten es braucht, um kurzfristige Problemlösungen herbeizuführen, nämlich Menschlichkeit und Wärme und dazu eine nicht zu knappe Portion Witz.

„Das Leben ist wie ein Kuchen, aber ohne Liebe braucht man den Ofen gar nicht erst anzustellen“, ist das Lebensmotto dieser beherzten Frau, die immer ein Taschentuch zwischen dem üppigen Busen trägt und sich damit die Brillengläser putzt, wenn ihr emotional mal der Durchblick abhanden kommt. Und so backt sie Torten, die zu den Menschen passen und versucht dabei gleichzeitig, deren Leben in ein bisschen Zuckerwatte zu packen und deren Verzweiflung mit ein bisschen Hoffnung zu garnieren.

Rezept für die Zukunft Afrikas

Dass „Kuchen backen in Kigali“ so ans Herz geht ohne den Verstand zu verkleben, liegt an der Sprache. Autorin Gaile Parkin schreibt so, wie die Afrikaner denken. Klarer als die Menschen aus der westlichen Welt manchmal, ohne taktische Umwege, aber oft auch mit mehr Tiefe.

„Kuchen backen in Kigali“ – ein Roman für Herz und Seele.

Das gelingt ihr deshalb so gut, weil sie selbst in Afrika geboren und aufgewachsen ist, eine Weiße, die den Schwarzen Kontinent in der Seele trägt und ihn trotz Studienjahren in England eigentlich nie verlassen hat.

Gayle Parkin arbeitet heute als Beraterin für Fragen der Erziehung, der Geschlechterrollen und der HIV-Erkrankung. In Ruanda hat sie Frauen unterstützt, die den Genozid überlebt haben, den Völkermord, bei dem zwischen April und Juli 1994 rund eine Million Menschen von ihren eigenen Landsleuten umgebracht wurden. „Augen, die in die Vergangenheit gerichtet sind, sehen die Schönheit der Umgebung nicht“, heißt es einmal im Roman um die Tortenbäckerin Angel. Nicht zurück schauen, sondern vorwärts – auch so ein Rezept, mit dem man in Afrika einige Probleme mehr in den Griff kriegen könnte. Nicht alle, aber ein paar vielleicht.

Christine Hinkofer

 „Kuchen backen in Kigali“ ist im Ullstein Verlag erschienen. ISBN 978 355 008 7806; Preis: 16,90 Euro

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