Ein Hoch auf die Azoren

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Vulkanseen, Hortensienfelder und Wale, die vor der Küste tanzen: Die Azoren, Inselgruppe im Atlantik auf halbem Weg nach Amerika, ist eines der letzten Naturparadiese.

Schönes Wetter haben wir meistens einer Inselgruppe im Atlantik zu verdanken: Den Azoren. Was die neun kleinen Inseln zwischen den Welten sonst noch zu bieten haben, erlebte Autor Christian Deutschländer.

Der Chefkoch vom Erdloch trägt keine Mütze und keine Schürze. Aber Pranken wie Schraubstöcke hat Joao Antonio, sie umklammern die Schaufel, mit der er gerade sein Essen aus dem Boden wühlt. Er legt einen großen, schweren Topf aus einfachem Metall frei, irgendwas blubbert unter der Abdeckung aus Tüchern. Der beißende Geruch von Schwefel wabert über das Gelände. Willkommen in Teufels Küche.

Eintopf aus der Küche des Teufels: Im Furnas-Tal auf der Insel Sao Miguel kocht die vulkanische Erde das Essen für die Menschen.

„Sechs Stunden“, murmelt Joao Antonio, „die richtige Zeit“. Vor sechs Stunden hat er sein Essen im Erdloch verscharrt, jetzt ist es gar. Blutwurst, Rindfleisch, Huhn, Schwein, Kraut, Wurzeln, Kartoffeln, nahezu alles, was auf dieser Insel grast oder gedeiht, steckte er in den Topf. Den Rest macht das Loch. Im Furnas-Tal auf der Insel Sao Miguel kocht die vulkanische Erde selbst das Essen für die Menschen. Cozido heißt der Eintopf, gewürzt mit Mineralstoffen aus dem schwefeligen Dampf.

Mehr zum Thema:

Länderinfos zu Portugal

Azoren

„Kein sehr kompliziertes Menü“, sagt Joao Antonio und zieht den Topf ans Tageslicht, „das kriegt jeder hin“. Man müsse nur die richtige Zeit für das richtige Erdloch kennen. Und die Kartoffeln eher in die Mitte packen, weil sie sonst zu matschig werden. Vielleicht ist es hilfreich, wenn man Bauarbeiter gelernt hat, wie der 43-Jährige, und nicht Maître de Cuisine. Er wuchtet das Metallding ins Auto, deckt das Loch ab, ritzt ein Zeichen in die dunkle Erde, zieht kurz die Brauen nach oben. Noch Fragen? Er muss jetzt weg. Wäre ja blöd, wenn das Essen kalt wird nach sechs Stunden Garen.

Der Lagoa do Fogo liegt in einem Naturschutzgebiet.

Früher war Cozido ein Arme- Leute-Essen, energiesparend zubereitet in den vielen Schlammlöchern und heißen Quellen. Joao Antonio hat es schon als Kind gegessen. Heute kommen Besucher nur für seine Töpfe, sie zahlen elf Euro für das Menü und staunen, wie zart Fleisch sein kann. Das Essen wird zum Nationalgericht, wie damals die Pizza in Italien. Wenn es so weiter geht, werden die Löcher knapp, und das heißt was auf einer Vulkaninsel. Sao Miguel ist eine der neun Inseln der Azoren. Wir kennen sie nur aus dem Wetterbericht, das Azorenhoch. Es klingt sympathischer als das Islandtief. Aber was weiß man sonst schon über diese portugiesischen Steinhäufchen zwischen den Welten auf halbem Weg in die USA?

Wer die Azoren besucht, stößt auf Joao Antonios geheimnisvolle Töpfe, auf Krater und wilde Pflanzen. Nur ein Hoch gibt es hier heute nicht. Stattdessen Schwefeldampf und Nebel. Viel Nebel. Er kommt aus dem himmelblauen Nichts und lässt schlagartig blühende Landschaften verschwinden. Einzige Orientierung: Kühe muhen auf der Landseite, an den Klippen krähen Möwen. Dazwischen liegen oft nur wenige Meter. Unvermittelt beliebt der Nebel aufzureißen und lässt wenige Schritte entfernt einen Abgrund auftauchen. Oder Palmen, unter denen die Kühe grasen.

Die Azoren sind eine Gruppe von neun größeren und mehreren kleineren portugiesischen Atlantikinseln, die etwa 1500 km westlich vom europäischen Festland und 3600 km östlich von Nordamerika liegen.

„Wir haben vier Jahreszeiten“, sagen die Bewohner der Azoren achselzuckend – „vier Jahreszeiten an einem Tag“. 20 große Krater wurden auf Sao Miguel gezählt, jeder mit einer eigenen Legende. Meistens geht es um unglücklich verliebte Prinzessinnen. In Wahrheit liegen die Azoren einfach zwischen den Kontinentalplatten, eine Art Riss im Boden, durch den Magma strömte. Herausgekommen sind neun ungleiche, faszinierende Inseln. Solange nichts explodiert – das letzte Mal ist 50 Jahre her – sind die Azoren ein gemütlicher Ort, bisher ohne Touristenbusse. Die Besucher gehen wandern, schlendern durch die Städtchen. Oder fahren mit Mara aufs Meer, zu den Walen. Mara ist eine junge deutsche Meeresbiologin mit langen blonden Haaren und guter Spürnase. Auf einem Motorboot fährt die 30-Jährige aufs Meer, erzählt von Rundkopfdelfinen ohne Schnabel und Entenwalen mit, bis den Mitfahrern der Kopf schwirrt. Der Wellengang lässt das Boot hüpfen, leider auch den Cozido im Magen, aber irgendwann ist das Ziel erreicht: Rücken – hässliche, beeindruckende Rücken knapp über der Meeresoberfläche. Pottwale.

Das Boot nähert sich langsam von der Seite, hält an die 50 Meter Abstand, um die Tiere nicht nervös zu machen. Und um den Wal-Blas nicht riechen zu müssen, gegen den Schwefelschwaden ein Genuss sind. Vor einigen Jahren wurden die Wale noch gejagt, geschlachtet, zerlegt. Heute ist das auf den Azoren verboten. Die Zerteilstation ist ein Museum. Mara musste schlucken, als sie 2004 auf die Insel kam und die Anlage besichtigte. Viele der alten Walfänger sitzen seither auf Türmen am Land, dirigieren per Funk die Beobachter und ihre Touristenboote. Den Gästen geht es auf solchen Walsafaris um den einen Moment, wenn die Tiere abtauchen. Kurz bevor sie im Atlantik verschwinden, bis zu 1000 Meter tief, strecken sie die Fluke steil in die Luft. Maras Augen leuchten in dieser Sekunde, wenn die Wale tanzen. Sie kennt zur Genüge die Bilder, vorne Fluke, hinten Vulkaninsel, aber sie hat einen Traum: Einmal möchte sie mit den Pottwalen mittauchen. „Ich glaube“, sagt sie ganz leise, „das ist das größte Glück der Welt“.

Christian Deutschländer

DIE REISE-INFOS ZU DEN AZOREN

REISEZIEL Die Azoren liegen mitten im Atlantik, auf halbem Weg nach Amerika. Die neun Inseln (250 000 Bewohner) sind regional autonom und gehören zu Portugal, also auch zur Europäischen Union und zur Euro-Zone. Sprache: Portugiesisch. Zwei Stunden Zeitverschiebung.

ANREISE Die Flugesellschaft SATA Internacional fliegt zweimal wöchentlich ab Frankfurt nach Ponta Delgada auf der Insel Sao Miguel (nonstop, vier Stunden). Flüge ab 310 Euro, im Internet unter www.flysata.de, Tel. 06031/737640. Innerhalb der Azoren verkehren mehrmals täglich Propellerflugzeuge und Passagierboote. Ein Azoren-Airpass zum Inselhopping kann bei SATA in Verbindung mit mit einem Frankfurt-Flug ab 118 Euro (2-er-Coupon) bis 354 Euro (7-er-Coupon) gebucht werden.

REISEZEIT Ganzjährig gemäßigtes Klima. Die Sommer sind warm, selten mehr als 25 Grad, die Winter mild mit rund 15 Grad. Die Wassertemperatur des Atlantik liegt im Sommer bei etwa 22 Grad.

WELCHER REISETYP Die Azoren sind ein bisschen Irland (viel Grün, viel Regen, viele Hortensien) und Neuseeland (viele Krater und Dampf aus der Erde). Wer den klassischen Mittelmeer-Badeurlaub will, ist hier falsch, wer großartige Natur ohne Touristenmassen sucht dagegen goldrichtig.

RUNDREISE Dertour bietet eine achttägige Mietwagen-Rundreise auf den drei Inseln Sao Miguel, Faial und Pico an, inklusive Inlandsflug und Bootsüberfahrten. Preis inklusive Auto und Hotels pro Person im Doppelzimmer ab 679 Euro. Buchbar im Reisebüro, www.dertour.de oder unter Tel. 01805-337666.

HOTELTIPP Eines der zauberhaftesten Hotels steht auf Pico. Das Aldeia da Fonte besteht aus kleinen Steinhäuschen in einem Park an den Klippen. Doppelzimmer ab 68 Euro pro Person. Info unter www.aldeiadafonte.com oder unter Tel. 00351/292-679500, info@aldeiadafonte.com

WALBEOBACHTUNG Rund 20 Walarten leben in den Azorengewässern. Dertour bietet Reisen mit dem Schwerpunkt Walbeobachtung auf den Inseln Faial und Pico mit vier jeweils dreistündigen Walbeobachtungsfahrten an. Mit sieben Ü/F in einem einfachen Hotel auf Pico und Transfers ab 649 Euro. Vor Ort können halbtägige Walbeobachtungen gebucht werden. Maras Firma Hortacetaceos in Horta findet man im Internet unter www.hortacetaceos.com

WANDERN Portugals höchster Berg, der Pico, kann in drei Stunden erklommen werden. Der 2352 Meter hohe Gipfel liegt meistens oberhalb einer dünnen Wolkendecke. Einheimische wandern gern abends hoch, übernachten im geschützten Vulkankrater und erleben einen faszinierenden Sonnenaufgang.

KULINARISCHES Den Eintopf, gegart in heißen Erdlöchern, gibt es in den Lokalen des Städtchens Fournas auf Sao Miguel für rund 11 Euro. Vorbestellung ist ratsam.

WEITERE INFOS findet man im Internet unter www.visit-azores.de (auf deutsch). Auch eine Broschüre zu den Azoren kann hier bestellt werden.

Zurück zur Übersicht: Reise

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser