Deutsch-deutsche Grenzerfahrungen

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Nur noch der Kolonnenweg erinnert an die ehemalige innerdeutsche Grenze nahe Klettenberg bei Nordhausen.

Vor 20 Jahren fiel die Mauer -  ob zusammengewachsen ist, was zusammen gehört? Das Grüne Band der 1400 Kilometer lange ehemalige Grenzstreifen von Hof bis Travemünde ist heute ein Naturschutzgebiet.

Blühende Landschaften hatte Helmut Kohl den Menschen versprochen, als am 9. November 1989 die Mauer fiel. Aber was das Wirtschaftliche betrifft, wartet manche Ost-Region bis heute auf die Blütezeit, und auch im Westen trocknet einiges vor sich hin. Dafür grünt es da, wo früher kein Leben mehr möglich war.

 Die Natur hat sich den Todesstreifen, den 1400 Kilometer langen Grenzweg von TravemündeanderOstseebis hinunter nach Hof im ehemaligen Dreiländereck zurückerobert. Wo einst eine Mauer stand, die Deutschland von Deutschland trennte, wo Minen verlegt waren und ein Kolonnenweg aus grauen Betonplatten für die Patrouille verlief, schlängelt sich heute als groß angelegtes Naturschutzprojekt das Grüne Band durchs Land.

Es gibt keine exakte Karte für die Route

Hier haben vom Aussterben bedrohte Tiere Zuflucht gefunden, gedeihen Pflanzen, die es anderswo kaum noch gibt. Sie haben heute dort die Freiheit, wo sie den Menschen früher genommen wurde.

Das Buch von Fred Sellin

Hautnah wollte der Journalist Fred Sellin (45) die ehemalige Grenze erleben und zog zusammen mit seinem Sohn Robin (23) los, um den Kolonnenweg abzuwandern. Es gibt keine exakte Karte für die Route, zu der sie im Mai 2008 in Oberzech im ehemaligen Dreiländereck der DDR, BRD und CSSR starten. Es ist eine Tour ins Blaue. Sie haben keine Quartiere vorausgebucht und sie haben keine Ahnung davon, wie weit 1400 Kilometer sein können. Dass der Weg schmerzhaft wird, ahnen Fred Sellin und sein Sohn Robin, als sie sich schon am ersten Tag mit den neuen Wanderschuhen die ersten Blasen laufen.

Für die beiden ist es mehr als ein sportliches Es-sichbeweisen- wollen. Es ist eine Grenz-Erfahrung. Denn die deutsch-deutsche Geschichte ist auch ihre Geschichte. Der Vater, 1964 in der Lutherstadt Wittenberg geboren, war 26, als die Mauer fiel, der Sohn gerade zwei. Der eine hatte mehr als die Hälfte seines Lebens im Osten verbracht, der andere kennt das Land, in dem seine Eltern aufwuchsen nur aus Erzählungen. Robin hat nie erlebt wie es ist, an unüberwindliche Grenzen zu stoßen. Er hat schon als Kind Kuba und Dubai gesehen und will in Amerika Musik studieren, wenn das hier vorbei ist. Das hier, ja so reden sie manchmal über dieses Abenteuer.

Die Trostlosigkeit der Grenzdörfer

Eher selten die Momente, an denen Vater und Sohn die Wanderung entlang der ehemaligen deutschen Grenze genießen. Zahlreich dagegen die Zweifel. Fragen wie: „Warum tun wir uns das eigentlich an?“ Und vor allem bei Robin der aufkeimende Wunsch, einfach hinzuschmeißen. Das liegt an banalen Dingen wie drückenden Wanderschuhen und schmerzenden Gliedern nach 40 Kilometern Tagesmarsch.

Nur noch der Kolonnenweg erinnert an die ehemalige innerdeutsche Grenze nahe Klettenberg bei Nordhausen.

Aber auch an Tiefgründigerem, daran, dass sich die Trostlosigkeit der Grenzdörfer in ihre Köpfe frisst. Es sind Orte, die die Mauer einstmal zerstört hat, Menschen von Menschen getrennt hat, Höfe vom Land und damit von einer weiteren Existenzmöglichkeit. Oftmals ist diese Mauer heute noch vorhanden, ganz real, bruchstückhaft oder auch nur in den Gehirnen der letzten verbliebenen Bewohner.

Blühende Landschaften? Ja, die Blumenwiesen über die sie dann wieder laufen. ...dass einmal zusammenwächst was zusammengehört: Fred und Robin Sellin haben auf ihrer Tour erlebt, dass es nicht so einfach ist mit der deutsch-deutschen Vereinigung. Aber was in 47 Tagen zusammengewachsen ist, sind der Vater und der Sohn. Das Tagebuch der beiden Grenzgänger ist bei Malik mit dem Titel „Wenn der Vater mit dem Sohn – unsere Wanderung durch Deutschlands unbekannte Mitte“ erschienen. Eine bewegende Lektüre zum Tag der deutschen Einheit.

GRÜNES BAND: DIE INFOS

GRÜNES BAND Das Grüne Band verläuft von Travemünde an der Ostsee bis zum Dreiländereck bei Hof. Es misst zwischen 50 und 200 Meter Breite zwischen dem so genannten Kolonnenweg (Lochplattenweg) und der ehemaligen Staatsgrenze. Erste Kartierungen gab es schon in den Jahren 1979/80 vom Bund Naturschutz in Bayern. Ende der 80er Jahre engagierte sich auch Tierschützer Heinz Sielmann für einen „Nationalpark von der Ostsee bis zum Bayerischen Wald“. Mit 1380 Kilometern Länge ist das Grüne Band heute das größte Wald- und Offenland-Biotopverbundsystem Mitteleuropas.

GRENZ-RADELN Organisierte zehntägige Radreisen entlang der deutsch-deutschen Grenze veranstaltet das Oldenburger Unternehmen Rückenwind- Reisen. Termine für das kommende Jahr sind: 12. bis 22. Juni und 25. Juli bis 4. August. Start ist jeweils in Lübeck, Zwischenstation in Berlin. Da die Strecke überwiegend flach ist und von einem Bus begleitet wird, ist die Tour auch für ältere Teilnehmer geeignet. Preis inklusive Leihrad, Übernachtung im DZ und Halbpension: ab 1390 Euro. Wer mit einem Elektro-Bike fahren möchte, zahlt 120 Euro zusätzlich. Info und Buchung unter Telefon 0441/46 59 70, im Internet: www.rueckenwind.de

GRENZ-MUSEUM Das Grenzlandmuseum Eichsfeld in Teistungen am ehemaligen Grenzübergang Duderstadt-Worbis zeigt, wie die Grenze zwischen Bundesrepublik und DDR immer undurchlässiger wurde. Nach dem Grundlagenvertrag zwischen den beiden deutschen Staaten war der Grenzübergang der meistgenutzte im „kleinen Grenzverkehr“. Bis 1989 pendelten hier rund 5,5 Millionen Menschen zwischen Ost und West. Fotos dokumentieren die Trabi-Kolonnen, die sich nach der Grenzöffnung in der Nacht zum 10. November 1989 aus Eichsfeld auf den Weg in den Westen machten. Infos unter Tel. 036071/971 12, im Internet:www.grenzlandmuseum.de. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, Montag geschlossen.

GRENZ-GESCHICHTEN Unter dem Titel „Grenzfälle“ lässt das Fränkische Freilandmuseum Fladungen Menschen aus dem Grenzgebiet ihre persönlichen Geschichten zur Wiedervereinigung erzählen. Die Sonderausstellung ist noch bis zum 31. Oktober geöffnet. Infos unter Tel. 09778/912 30, im Internet: www. freilandmuseum-fladungen.de. Geöffnet täglich von 9-18 Uhr, im Oktober ist montags Ruhetag.

C. H.

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