Wo Dornröschen schläft

Nutzungsänderung: Wo heute Radler fahren, war früher das Kirchenschiff der Abtei.

Päpste und Könige blickten nach Cluny, schließlich stand hier einmal die größte Kirche der christlichen Welt. Heute befindet sich die Stadt im Dornröschenschlaf, vermutet Reiseredakteur Volker Pfau.

Stufe für Stufe erklimmen wir den Tour des Fromages, den 30 Meter hohen Käseturm. Die hölzernen Stufen knarren und aufgeschreckte Tauben gurren, während Bernard Aiguier vor den Exkrementen der Vögel warnt. „Wir kriegen sie halt nicht los“, sagt der Präsident des Tourismusverbandes von Cluny und zuckt resigniert die Schultern. Das Mauerwerk hat zu viele Löcher, die Stadt hat zu wenig Geld. Ganz oben angekommen schnaufen wir erst einmal durch. „In diesem Turm wurde einst Käse getrocknet, daher der Name“, erklärt der Präsident des Tourismusverbandes.

Cluny feiert 1100 Jahre

Die Abtei verfügte in ganz Europa über 1400 Filialen mit rund 20000 Mönchen. Der Einfluss auf Päpste und weltliche Herrscher war enorm. 

Gutes Essen war hier schon immer wichtig. Heute ist die Region bekannt für den Wein, für Ziegenkäse und für das edle Fleisch der Charolais-Rinder, die man von hier oben aus auf den grünen Weiden am Ufer des Flüsschens Grosne grasen sieht. Aber wird sind nicht wegen der Rindviecher hochgestigen, sondern wegen der Abtei. Aus luftiger Höhe erkennt man erst so richtig die Dimensionen, die die gesamte Anlage und das Gotteshaus hatten.

Auf großen Flachbildschirmen erfahren die Besucher in Cluny, wie das Kloster einst ausgesehen hat.

Obwohl heute nur noch ein einzelner Turm als letzter Rest der einstmals größten Kirche der Christenheit über die Dächer ragt, kann man ahnen, wie beeindruckend das Gebäude im 11. Jahrhundert einmal war. Es war das imposante Zentrum eines Imperiums der Mönche. Wann genau das Kloster in Cluny vom Grafen Wilhelm von Aquitanien gegründet wurde, darüber streiten die Experten. Es war im Jahr 909 oder 910, für beide Daten gebe es Dokumente, sagt Bernard Aiguier. Gelöst hat man den Streit auf salomonische Art und Weise: Das Jubiläum wird von September 2009 bis September 2010 gefeiert. So liegt man garantiert richtig. Sich vorzustellen, wie es früher auf den rund 16 Hektar der Abtei ausgesehen hat, dazu bedarf es in der heutigen Zeit einiger Fantasie. Zu sehr hat die Stadt sich die noch existierenden und ehemaligen Gebäude der Abtei einverleibt. Wie die Kirche einmal ausgesehen hat, das will das Team von Gunzo zeigen, das sich nach dem Architekten der Kirche benannt hat.

Cluny virtuell im 11. Jahrhundert

Junge Wissenschaftler, Doktoranden und Computerexperten versuchen mit verschiedenen Verfahren, das Kirchengebäude virtuell wieder auferstehen zu lassen, um am Computerbildschirm die Großartigkeit des Bauwerks demonstrieren zu können. Kaum vorstellbar, aber hier war einmal neben Rom das machtpolitische Zentrum der Christenheit.

Burgund

Die Zeiten sind vorbei, die Abtei verlor ab der Mitte des zwölften Jahrhunderts an Bedeutung und nach einem langen Schlaf, der den von Dornröschen um ein Mehrfaches übertraf, kam nach der französischen Revolution das brutale Ende: Die Abtei wurde aufgehoben und die Kirche an ein Abbruchunternehmen verscherbelt, das die Gebäude sprengen ließ. Heute werden die Reste der Mauern, Portale und Kapitele in mühevoller Kleinarbeit im Museum wieder zusammengefügt. Und wer mit offenen Augen durch Cluny und die umliegenden Ortschaften geht, wird so manches dekorative Steinelement in den Häusern eingemauert finden, das einstmals die Abteikirche schmückte. Aus der Zeit, als Dornröschen noch nicht schlief.

Volker Pfau

INFOS ZU CLUNY UND BURGUND

REISEZIEL Die Stadt Cluny liegt im südlichen Burgund, etwa 30 Kilometer nordwestlich von Macon und hat rund 4500 Einwohner. Entfernung nach Paris: 380 Kilometer. Anreise Von München mit dem Auto auf der A 1 durch die Schweiz und weiter auf der französischen Autobahn A 40 bis Macon, von dort auf der N 79 bis Cluny. Entfernung von München: rund 750 Kilometer.

UNTERKUNFT Das beste Haus in Cluny ist das Hôtel de Bourgogne (drei Sterne), das auf dem Gelände der ehemaligen Abtei liegt. Das Doppelzimmer kostet ab 87 Euro pro Nacht. Tel. 00 33/385/59 00 58, www.hotel-cluny.com.
Ansonsten gibt es rund 200 Gästebetten in der Stadt, Infos beim Tourismusamt; Ferienwohnungen werden über Gites de France (www.gites-de-france.com) vermittelt, am Rand der Stadt befindet sich ein Drei-Sterne-Campingplatz.

ABTEI Zu sehen sind heute unter anderem noch das Querschiff, der Kornspeicher, der Kreuzgang und Türme. Im Querschiff steht ein drehbarer Bildschirm, der dank Computertechnik zeigt, wie das Innere der Kirche aus der jeweiligen Perspektive ausgesehen hat. Geöffnet täglich von 9.30 bis 12 und 13.30 bis 17 Uhr, zwischen 2. Mai und 31. August durchgehend. Eintritt: 7 Euro.

PROGRAMM Während des Jubiläumsjahres gibt es auch europaweite Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit Orten, die von den Mönchen aus Cluny beeinflusst wurden, so zum Beispiel am 26. und 27. Juni mit Hirsau im Schwarzwald. Das aktuelle Veranstaltungsprogramm zum Jubiläum steht im Internet unter www.cluny2010.eu.  

KÄSETURM: Von hier hat man den idealen Rundblick über die Abtei und die Stadt Cluny, Eingang im Office de Tourisme, Eintritt Erwachsene 2 Euro, Kinder ab 12 Jahren 1 Euro.

PFERDEGESTÜT: Auf dem Gelände der Abtei werden seit über 200 Jahren edle Hengste gezüchtet. Geöffnet täglich außer Montag, Eintritt mit Führung: Erwachsene 5 Euro.

BERZÉ-LA-VILLE: In der Kapelle der Mönche sind gut erhaltene cluniazensische Wandmalereien vom Anfang des 12. Jahrhunderts, der Glanzzeit der Abtei Cluny, zu sehen.

CORMATIN: Das Schloss, das direkt an der Grosne liegt, stammt in seiner heutigen Form aus dem frühen 17. Jahrhundert und dient heute oft als Kulisse für Dreharbeiten. Besichtigungen von März bis November.

VOIE VERTE: Die ehemalige Bahnstrecke von Macon über Cluny nach Saint-Lèger-sur-Dheune wurde zu einem 100 Kilometer langen Rad- und Wanderweg umgebaut.

MEHR INFOS: Office de Tourisme, 6, Rue Mercière, 71250 Cluny, Tel. 00 33/385/59 05 34, www.cluny-tourisme.com. Französische Zentrale für Tourismus, Atout France, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt, Tel. 09 00/157 00 25 (0,49 Euro/Min.), www.franceguide.com.

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