Dresden im Rückwärtsgang

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Dresden 20 Jahre nach der Einheit. Was ist geblieben von damals? Stephan Brünjes war mit einem Reiseführer aus der Vorwendezeit auf Entdeckertour in der Stadt, die man auch das Elbflorenz nennt.

Viel war in den letzen Tagen von der Einheit die Rede, von den 20 Jahren, in denen Deutschland zusammengewachsen ist. Was hat sich in dieser Zeit im deutsch-deutschen Tourismus verändert, etwa in einer Stadt wie Dresden?

Was ist geblieben von damals? Stephan Brünjes war mit einem Reiseführer aus der Vorwendezeit auf Entdeckertour in der Stadt, die man auch das Elbflorenz nennt.

Dresdner Neustadt Ende der 1980er Jahre

Das Centrum war lange weg: Im Stadtplan des Baedeker-Reiseführers von 1989 deutlich eingezeichnet, aber im real existierenden Dresden der Nachwendezeit verschwunden. Seit einem Jahr ist das Centrum, Dresdens einstiges Vorzeigekaufhaus, wieder da, als neue, ausladende „Centrumsgalerie“. Drinnen mit gut zwölf Fußballplätzen Verkaufsfläche inmitten der Fußgängerzone Prager Straße. Draußen mit Altmetall-Erinnerungen an den DDR-Vorgänger: Silberne Waben zieren die Fassade des Konsumtempels.

Ein paar Schritte weiter das wahre Zentrum – Dresdens üppige Stadtmitte mit Alt- und Neumarkt. „Der Blick durch die Rampische Gasse auf die Frauenkirche gehörte zu den kostbarsten Raumerlebnissen“, schwärmt der Baedeker von 1989 wehmütig, denn damals standen von der Frauenkirche nur zwei Fassadenteile in einem Haufen unkrautbewachsenem Schutt. Auch den Neumarkt, im alten Stadtführer ein weißer Fleck, zieren wieder aufgebaute prächtige Barock- und Rokoko-Häuserzeilen statt des einst hier stehenden grauen Vopo-Bunkers. Ist nebenan erst noch das Schloss fertig, dann wird hier fast alles wieder so, wie Sachsenkönig August der Starke es ab etwa 1700 erschaffen ließ. Kritiker nörgeln bereits über einen „architektonischen Jurassic Park mit barocken Dinos“.

Die Dresdner Frauenkirche und der Neumarkt aus der Luft.

Mittendrin ein sozialistischer Dino, offensichtlich unter Artenschutz: Dresdens Kulturpalast, 100 Meter lang, 74 Meter breit und laut Vorwende-Reiseführer „Hauptveranstaltungsstätte für Unterhaltungskunst in monolithischer Stahlbetonskelettbauweise“. So sieht er auch aus und wird nun generalüberholt. Die braunen Scheiben mit einer Tönung wie in Honeckers Sonnenbrille weichen einer neuen Fassade. Das riesige sozialistische Wandrelief soll bleiben. Wäre auch schade um den Mosaikfliesen-Ulbricht.

Gleich um die Ecke verspricht der 89er Reiseführer „innerstädtische Intimräume“ und der Leser von heute rätselt: Waren das geheime Nachtbars? Oder abhörfreie Kneipen? Weder noch – die Autoren wollten auf gemütliche Gassen hinweisen, damals eine Seltenheit im entweder zubetonierten oder noch von Kriegsschäden gezeichneten Dresden.

Hunger oder Durst? Der Vorwende-Baedeker punktet mit Ehrlichkeit: Sächsische Kartoffel- und Gurkensuppe seien gängige Gerichte, aber leider „oft nicht vorrätig“. Und: „Die Limonaden in der DDR sind geschmacklich nicht sehr überzeugend.“ Dabei hatte Dresden die größte Gaststätte der DDR mit mehr als 1300 Sitzplätzen. „Am Zwinger“ heißt sie offiziell, im Volksmund „Fresswürfel“.

Putins Schlüssel klebte am Schwarzen Brett

Das hier muss er sein – klotzig und kalt. Ein älteres Ehepaar schüttelt den Kopf. Der „Fresswürfel“ sei 2007 abgerissen worden, dies der Nachfolger – das SAP-Haus. Essen aber sollte man lieber beim Brasilianer oder Vietnamesen in der Weißen Gasse. Urige sächsische Küche gibt’s in Restaurants wie „Pulverturm“ oder „Dresden 1900“. „Sauer­bradn mit Blaugraud un Kleeßen“ steht dort in Sächsisch auf der Karte. Gut, dass Doreen, die Kellnerin, auch hochdeutsch kann.

Die undatierte Computersimulation von der Grünen Liga Sachsen zeigt eine Darstellung der in Dresden geplanten Waldschlößchenbrücke über die Elbe.

„Waldschlösschen“, das wegen der umstrittenen Elbbrücke derzeit wohl meistgebrauchte Wort im Zusammenhang mit Dresden, kommt im 89er Reiseführer gar nicht vor. Drauf angesprochen winken die Einheimischen genervt ab. Und erzählen lieber eine Geschichte: In der Kaufhalle beim Waldschlösschen hatte Ingeborg Schmiedel 1986 einen Schlüssel gefunden. Sie klebte einen Zettel ans Schwarze Brett des Ladens, der Besitzer könne den Schlüssel bei ihr abholen. Tat er dann auch, wortkarg, aber freundlich. Wem sie da geholfen hatte, erfuhr Frau Schmiedel erst 13 Jahre später im Fernsehen: Da wurde der nervöse Schlüsselverlierer gerade zum Präsidenten Russlands ernannt. Sein Name: Wladimir Putin, langjähriger Offizier des KGB, der gegenüber von Frau Schmiedels Wohnung in der Angelika­straße sein Quartier hatte. Besonders das Dresdner Bier habe ihm immer sehr gut geschmeckt, erzählte Putin später mal in Alfred Bioleks Talkshow.

In die Kutsche mit Frauenheld August der Starke

Gerade zu diesem Thema aber resignieren die Reiseführer-Autoren von damals: „Im Zentrum wird man vergeblich nach der Kneipe um die Ecke Ausschau halten.“ Heute muss man dafür nur über die Elbe in die Dresdner Neustadt pilgern. Hier, im bunten Kiez mit Punks, Döner-Imbiss und einem Second-Hand-Laden namens „Chic-Saal“, liegen Kneipen und Discos wie das „Planwirtschaft“, die „Scheune“ oder „Katys Garage“, deren Ü30-Party „Älternabend“ heißt...

Apropos Namen: Sozialisten-Größen wie Marx und Engels – im Vorwende-Stadtplan pro Person mit einer Straße und einem Platz beschenkt – sind allesamt von den Straßenschildern verschwunden. Nur Georgi Dimitroff, ein bulgarischer Kommunist und zu DDR-Zeiten Namenspatron für Dresdens zen­trale Brücke, möchten die Dresdner auch heute nicht missen.

Haben sie doch ihre ganz eigene Begründung, warum die Brücke Dimitroffs Namen trägt: Frauenheld August der Starke sei mit der Kutsche drüber gefahren, habe die vielen schönen Dresdnerinnen gesehen und eine nach der anderen hinauf zu sich in den Wagen beordert – immer mit demselben Ruf in breitem Sächsisch: „Die mit roff und auch die mit roff!“

LITERATUR & INFOS ZU DRESDEN 

Baedeker zu Dresden: Reiseführer aus der "Vorwende-Zeit"

Aktuelle Reiseführer zu Dresden sind in der Reihe Du Mont direkt (ISBN: 978-3-7701-6422-6, Preis: 7,95 Euro) oder Baedeker (ISBN: 978-3-8297-1027-5, Preis: 17,95 Euro) erschienen.

Wer selbst auf „Vorwende-Zeitreise“ gehen will: Reiseführer aus DDR-Zeiten gibt es für ein paar Euro in vielen Antiquariaten, die ihre Bestände im Zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher unter www.zvab.com auflisten.

Weitere Auskunft zu touristischen Angeboten gibt es bei Dresden Tourismus, Tel. 03 51/ 50 16 01 60, Internet: www.dresden.de.

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