Frankreich mit Sturkopf

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Die Tour mit der Eselsdame Amaranth führt durch eine dünn besiedelte Landschaft.

Ein durchschnittliches Maß an Fitness sollte man für diese Wanderung mitbringen, und ein hohes Maß an Toleranz. Weil erstens die tägliche Wanderstrecke immerhin an die 15 Kilometer beträgt.

Und weil zweitens der Begleiter und Gepäckträger ein Esel ist. Diese netten Tiere neigen dazu, ihren Sturkopf durchzusetzen. Aber nur manchmal, wie Autorin Andrea Löbbecke auf einer Eselwanderung durch die französischen Cévennen erlebte.

Bis zu 40 Kilogramm in den Packtaschen: Das Wandern mit Eseln ist in den Cevennen auch bei Familien beliebt.

Amaranth spitzt ihre Ohren. Noch ein leichter Ruck am Halfter, und schon marschiert die Eseldame weiter auf dem schmalen Pfad in den südfranzösischen Cévennen, der schroffe Gebirgsregion zwischen Rhône und Zentralmassiv. Immer wieder streifen Äste die beiden prall gefüllten Packtaschen, die Amaranth auf dem Rücken trägt. Es ist steil, aber das Tier balanciert seine Last geschickt aus und bringt seine Ladung mit kleinen Schritten sicher ins Tal. Die Cévennen sind eine urwüchsige Wanderregion. Charakteristisch sind die trockenen Hochplateaus und tief eingeschnittene, wilde Flusstäler. Oft sieht man stundenlang kein Haus, trifft keinen Menschen.

Wer mit dem Esel unterwegs ist, braucht allerdings eine Herberge, die auch Futter und einen Koppelplatz für das Tier bereit hält. Es ist daher zu empfehlen, sich eine Tour von einem Eselvermieter zusammenstellen zu lassen. Dabei sollte auch eingerechnet werden, dass eine Wanderung mit dem Grautier eher eine beschauliche Angelegenheit ist. Esel gehen es gemächlich an.

Über Stock und Stein: Auch bei Eseln sind manchmal Überredungskünste gefragt.

Die Route durch die Cévennen führt rund 200 Kilometer auf den Spuren des Autors Robert Luis Stevenson von Le- Puy-en-Velay nach Saint-Jean-du- Gard in die südliche Gebirgsregion. Zu den bekannten Werken des Schotten zählen „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ und „Die Schatzinsel“, zu seinen weniger bekannten Titeln die „Reise mit dem Esel durch die Cévennen“. Darin beschreibt er sein Abenteuer an der Seite von Modestine, einer recht störrischen graumelierten Dame. 1878 brach Stevenson als junger Mann zu der Wanderung auf – heute würde man sagen, es war eine Art Selbsterfahrungstrip. Von Einheimischen belächelt, leistete der Schriftsteller damit schon vor 150 Jahren die Vorarbeit für einen wichtigen Zweig der Tourismusbranche in der Bergregion. Auf den Wanderungen passiert man ab und an verlassene Dörfer, die aus einer Zeit stammen, als die Cévennen noch dichter besiedelt waren. Damals betrieben die Menschen hier Landwirtschaft und bauten Wein, Oliven und Pfirsiche an. Im 17. Jahrhundert gab es eine bedeutende Seidenraupenzucht in der Region. Durch Seuchen und Billigimporte brach diese Industrie zusammen, und immer mehr Menschen wanderten aus.

Die Cévennen sind eine Gebirgsregion im Süden Frankreichs.

Inzwischen sind die Cévennen ein Urlaubsparadies für Naturliebhaber – mit einer vorzüglichen Gastronomie, die vorwiegend auf Produkte aus der Region setzt. Auf die Eselwanderer warten zur Belohnung für einen anstrengenden Tag Spezialitäten wie Maronen, herzhafte Pasteten und Wildbraten, die in den Hütten von den Wirtsleuten zubereitet werden. Es ist üblich, dass alle Gäste gemeinsam mit den Gastgebern an einem großen Tisch speisen – Zeit für Gespräche, Geschichten und eine Flasche Côtes-du-Rhône.

An einem Punkt der Wanderung wird Amaranth dann wieder einmal sehr stur: Partout will sie einen bestimmten Weg nicht herunter. Erst nach reichlich Überredungskunst stampft sie den immer steiler werdenden Pfad hinab, rutscht ihn zum Ende fast auf dem Hinterteil hinunter. So steile Wege sind eigentlich ungewöhnlich für die Route, die der Eselverleiher in die Karte eingezeichnet hat – und tatsächlich: Wir waren falsch abgebogen. Esel sind eben nicht nur sture, sondern auch sehr schlaue Weggefährten...

DIE REISE-INFOS ZUM ESELWANDERN IN FRANKREICH

REISEZIEL Die Cévennen sind eine Gebirgsregion im Süden Frankreichs. Sie liegen etwa 60 Kilometer vom Mittelmeer entfernt. Höchster Berg ist mit 1699 Metern der Mont Lozère.

ANREISE Je nach Veranstalter gibt es verschiedene Ausgangspunkte für die Cévennen-Wanderungen. Einer davon ist Chasserades. Der Ort liegt ca. 950 Kilometer von München entfernt. Beste Anreisestrecke über Autobahn Lindau bis Bregenz, durch die Schweiz nach Genf und von dort weiter entweder über Grenoble oder Bourg-en-Bresse.

REISEZEIT/KLIMA Die Eselwanderungen werden ab Mitte Mai bis Oktober angeboten. Vorher und nachher ist das Wetter in der bergigen Region sehr unbeständig, es kann oft regnen.

REISETYP Naturliebhaber, die im Urlaub auch mal einen Gang zurückschalten möchten. Kinder sollten nicht jünger als acht Jahre sein, um bei den Wanderungen mithalten zu können. Wichtig: Die Esel tragen ausschließlich das Gepäck (bis maximal 40 Kilo pro Tier), nicht den Menschen!

VERANSTALTER Einer der größten Veranstalter für Eselwanderungen in den Cévennen ist Urlaub & Natur in Karlsruhe (Tel. 07 21/946 36 16, www. eselwandern.de). Chef Olaf Wuppermann ist auch Gründungsmitglied des „Forum anders Reisen“, das sich dem umwelt- und sozialverträglichen Tourismus verschrieben hat.

TERMINE Die nächsten Termine für die Eselwanderung in den Cévennen bei Urlaub & Natur sind 15. bis 22. Mai, 29. Mai bis 5. Juni und 10. bis 17. Juli.

KOSTEN Pro Person mit Übernachtung, Esel-Miete und Verpflegung 795 Euro, Kinder bis zehn Jahre 665 Euro.

WEITERE REISEZIELE Urlaub& Natur bietet Eselwanderungen außerdem in den Pyrenäen, in Portugal, Tunesien, Marokko und in den Savoyer Alpen an und als Individualreisen in der Bretagne und im Burgund.

WEITERE INFOS Maison de la France, Frankfurt, Tel. 09 00/157 00 25 (49 Cent pro Minute), Internet: http://de. franceguide.com, www.ardecheinfo.de, www.chemin-stevenson.org.

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