Jetzt kommt das Öl im Urlaub an

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Entsetzen über die Ölpest: Touristen betrachten einen verschmutzten Strand an der Golfküste im US-Staat Alabama.

Der Ölunfall im Golf von Mexiko war für uns bisher eine im wahrsten Sinne des Wortes unfassbare Katastrophe. Millionen Liter Öl, die aus einem gigantischen Loch am Meeresboden ausströmen.

Nun aber wird das Horrorszenario konkret, denn der Ölteppich bedroht Florida, Amerikas beliebteste Urlaubsregion. Und es gibt erste Schwierigkeiten für die Kreuzfahrt. Wie der Ölunfall im Tourismus ankommt:

Nein, das Öl sei noch nicht angekommen, die Strände sind offen, heißt es auf Nachfrage bei den meisten Badeorten am Golf von Mexiko. Und man hofft inständig, dass die Katastrophe irgendwie vorbeigeht. Doch Andreas Villwock vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel macht den Touristikern wenig Hoffnung. Wissenschaftler der Fakultät Physikalische Ozeanographie (IFM-GEOMAR) haben gemeinsam mit Kollegen des National Center for Atmospheric Research (NCAR) in Modellexperimenten den möglichen Weg des Ölteppichs untersucht. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Zeug über kurz oder lang im Golfstrom endet“, sagt Villwock. Das Öl wandert von dem Bohrloch knapp 100 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaates Louisiana derzeit langsam ostwärts.

Dieses Bild einer Simulation zeigt, wie sich das Öl im Golf von Mexiko verteilt und dann an Florida, Kuba und den Bahamas vorbei in den Golfstrom gelangt und sich danach im Atlantik verteilen könnte.

Den Modellberechnungen zufolge wird es dann entlang der Golfküste Floridas zu den Keys wandern, danach zwischen dem Sunshine State und Kuba in die Karibik und dort an den Bahamas vorbei nach Norden. Dort vereinigt sich der sogenannte Floridastrom mit dem Antillenstrom zum Golfstrom. Beim Fremdenverkehrsamt Visit Florida will man die Modellrechnungen nicht kommentieren. „Das ist alles hypothetisch“, heißt es. Zwar werde erwartet, dass Öl an die Strände kommt, aber niemand wisse, wann und wo. Reisende sollten sich, so der Rat, im Internet informieren, dort werde die  aktuelle Situation vor Ort live geschildert (s. Info-Kasten). Auch auf den Bahamas kennt man das Strömungsmodell. „Es wird damit gerechnet, dass ganz im Westen Öl ankommt“, heißt es beim Tourismusamt, Bimini dürfte wohl am stärksten betroffen sein. Notfallteams seien gebildet, Barrieren liegen bereit, „jetzt muss man abwarten“. Und: „Wir hoffen.“

Gleiches gilt für North und South Carolina an der Ostküste. Die Strände dort gehören zu den schönsten der USA. Aus South Carolina heißt es, dass man zwar nicht damit rechnen, etwas mit den Folgen der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko zu tun zu haben, dass man aber sehr wohl Pläne vorbereitet habe, falls es doch so weit kommen sollte – wobei die Wahrscheinlichkeit, dass Öl an die Küsten South Carolinas geschwemmt werde, mit weniger als einem Prozent angenommen wird.

Auch bei den Reiseveranstaltern ist Warten angesagt. Derzeit seien keine Gäste betroffen, Gratis-Stornos von bereits gebuchten Reisen nicht möglich – was sich ändern kann, sollte sich die Situation dramatisch verändern. Und das wird sie, davon sind die Wissenschaftler von IFM-GEOMAR überzeugt: „Der Ölteppich wird den Atlantik innerhalb weniger Wochen erreichen und sich dann rasch weiter nach Nordosten ausbreiten.“ An den Küsten Europas müsse man aber vor einer Ölpest keine Angst haben, beruhigt Villwock, höchstens einzelne Klumpen würden angespült. „Für die Strände an der amerikanischen Südostküste sieht es allerdings nicht so rosig aus.“

Ein weiteres Problem bereitet allen Kopfzerbrechen: Die Hurrikan-Saison hat jetzt begonnen. Wie sich die tropischen Stürme auf den Ölteppich auswirken werden, vermag niemand zu sagen. „Das ist die große Unbekannte“, sagt Andreas Villwock, „die Hurrikans werden noch einiges umrühren im Golf.“

Volker Pfau

INFOMATIONEN ZUR ÖLPEST

ONLINE Auf der Seite des Umweltministeriums Florida stehen im Internet unter www.dep.state.fl.us/deepwaterhorizon aktuelle Informationen zur Situation an den Küsten sowie Vorhersagen über die Ausbreitung des Ölteppichs in 24, 48 und 72 Stunden.

FLORIDA Das Fremdenverkehrsamt Visit Florida informiert im Internet unter www.visitflorida.com über die aktuelle Situation an über 100 Stränden.

GESUNDHEIT Wer am Strand mit Ölklumpen in Berührung gekommen ist, sollte diese mit Wasser, Seife, Babyöl oder Vaseline abwaschen, auf keinen Fall mit Petroleum oder Benzin. Bei geringem Kontakt bestehe keine Gesundheitsgefahr, betont das Florida Department of Health. Vorsicht sei jedoch geboten, wenn die Haut obendrein durch die Sonne gereizt sei. Kinder seien empfindlicher gegenüber den Verschmutzungen als Erwachsene.

KREUZFAHRT Auch Kreuzfahrtschiffe sind von der Ölpest betroffen: Die Reederei Carnival Cruises hat die Abfahrtszeiten einiger ihrer Schiffe verändert, um die ölverseuchten Gebiete im Golf von Mexiko bei Tageslicht besser umfahren zu können – mit ölverschmiertem Rumpf dürfen die Schiffe viele Häfen nicht anlaufen. Die Abfahrten ab Miami und Fort Lauderdale sind bislang unverändert.

HOTEL-STORNO Die Hilton Hotel Gruppe bietet allen Gästen, die einen Aufenthalt in einem Hilton Worldwide Hotel im Gebiet der Ölkatastrophe (Golfküste bis Süd-Florida) gebucht haben, bis zum 31. Juli eine kostenlose Stornierung an. Unter die „Beach Satisfaction Guarantee“ fallen alle Häuser, die direkt am Strand oder bis zu 20 Autominuten vom Strand entfernt sind. Eine Liste der Hotels steht im Internet unter http://hhonors1.hilton.com/en_US/hh/landing/hww_beach_guarantee/index.do.

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