Grönland: Eine heißkalte Nummer

+
Gewaltige Eisberge treiben durch den Sermilik-Fjord: Mit dem Seekajak zwischendurchzufahren ist ein unvergessliches Erlebnis – nicht nur für Extremsportler.

Ein etwa hundert Meter langer Sandstrand, ockerfarben mit ziegelroter Marmorierung. Dank Windstille und Nachmittagssonne melden die Wärmefühler der Haut wohlige 25 Grad.

Nur in der Badehose liegen wir im unberührten Sand – und bestaunen die Eisberge. Mit allem haben wir gerechnet auf unserer Kajaktour in Ostgrönland. Mit Walen und Robben. Mit Kälte und Sturm. Mit Eisbergen sowieso, ihretwegen sind wir ja hier. Aber ein Sonnenbad am Eisfjord?

Bei Windstille und Nachmittagssonne am Sandstrand – unser Autor packt die Badehose aus.

Als Kajakfahrer begegnet man Grönland auf landestypische Weise. In nur etwas mehr als hüftbreiten Booten aus Tierknochen und -häuten sind die Einheimischen früher losgepaddelt, um Eisbären oder Robben zu jagen. Unsere Polyethylen-Boote sind so dickbäuchig, dass man sie kaum zumKentern bringt. Ist auch besser so, denn der Polarstrom kühlt das Meer an Grönlands Ostküste selbst im Hochsommer auf drei Grad ab. Obwohl wir Trocken- oder Neoprenanzüge tragen, wären wir innerhalb weniger Minuten im Wasser lebensbedrohlich unterkühlt.

Dennoch ist Kajakfahren in Grönland keineswegs nur etwas für Outdoor-Extremisten. Fragen Sie Frauke, die mit 72 Jahren Älteste in unserer Gruppe! Oder Ralph und Claus, die noch nie zuvor in einem Kajak gesessen sind!

BITTE NIE „ESKIMO“ SAGEN

Einheimische kehren von der Jagd zurück. Robbenfleisch ist nach wie vor die Lebensgrundlage vieler Grönländer. Ihre Jagd ist nicht zu vergleichen mit dem kommerziellen Abschlachten von Robbenbabys der Pelze wegen etwa in Kanada.

Unser Ausgangsort heißt Tasiilaq, 1800 Einwohner. Ein Besuch im Heimatmuseum weckt Bewunderungfürdie„ Inuit“,wie die arktischen Überlebenskünstler genannt werden möchten. „Eskimos“ bedeutet „Rohfleischesser“ und wird als Schimpfwort empfunden. Bis vor zwei Generationen lebten die Inuit als Halbnomaden. Winter sinengen Steinhäusern, sommers in Zelten und Iglus. Tran und Treibholz waren rarer Brennstoff, sodass die harpunierten Beutetiere meist roh verspeist wurden. Auch blieben so im Fleisch die Vitamine erhalten, ein Schutz vor Skorbut. Während die Grönländer heute kaum mehr Wale jagen dürfen, ist Robbeneintopf nach wie vor Nationalgericht. Das mürbe Fleisch schmeckt wie Hirsch mit Fischnote. In der Bucht vor Tasiilaq machen wir uns mit den Kajaks vertraut. Das Wort „Kajak“ stammt aus der Sprache der Inuit, genau wie „Anorak“, der Kapuzenpulli aus Robbenfell. Später am Tag besuchen wir den Südtiroler Abenteurer Robert Peroni, der durch seine Grönlanddurchquerung berühmt wurde und sich 1995 in Tasiilaq niedergelassen hat. Heute betreibt er eine Reiseagentur, die auch unsere Tour mitorganisiert. „Vom Kajak aus ist Grönland am schönsten“, heizt Robert unsere Vorfreude an.

Letzte Einkäufe im Supermarkt. Eine letzte Dusche im kommunalen Badehaus. Dann beginnt unser achttägiges Leben als Kajaknomaden.

Mit einem Motorboot bringen uns Roberts Leute in den Sermilik-Fjord. Die Inuit sind es auch, die unsere Proviantkisten und das Übernachtungsgepäck von einer Anlegestelle zur nächsten schippern. Abgesehen von den zwei Nächten in einem besonders entlegenen Fjord, für die wir alles Nötige in die Luken unserer Kajaks stopfen werden.

Die erste Etappe führt über den zehn Kilometer breiten Sermilik-Fjord. Landeinwärts kalben Gletscherzungen des Inlandeisesteils gigantische Eisbrocken in den Fjord. Bis zu 40 Meter überragen sie das Wasser, und das ist nur die sprichwörtliche Spitze. Die meisten Eisberge treiben in kaum sichtbarer Geschwindigkeit dem offenen Meer zu. Andere laufen auf Grund und schmelzen dahin. Schneeweiße, manchmal bläulich schimmernde Mahnmale der Vergänglichkeit. Während wir im Slalom um die Eisbrocken paddeln, verleiten sie uns zu ständigen Vergleichen: Dieser sieht aus wie ein Schwan. Jener wie das Matterhorn. Wie die Oper von Sydney.

FüR DIE SEELE ALL INCLUSIVE

Ausgangsort des Kajaktrekkings ist Tasiilaq, die größte Siedlung an Grönlands Ostküste.

Auch das Ohr wird mit Reizen überflutet. Es knarzt, knistert, knirscht. Die Julisonne lässt Schmelzwasser von den Flanken der Eisberge ins Wasser plätschern. Kleinere Schollen knacken wie die Würfel im Martini. Von Zeit zu Zeit ein Rauschen, wenn ein mittelgroßer Eisberg das Gleichgewicht verliert, sich auf die Seite legt oder komplett umdreht. Oder ein Donnern, wenn in der Ferne ein gewaltiges Stück abbricht und aufs Wasser knallt. Allzu nah darf man den Eisbergen also nicht kommen. „Die blauen sind die Gefährlichsten“, warnt Reiseleiterin Franziska (42), die wie eine Entenmutter vorauspaddelt.

Die Kajaketappen sind bis zu 24 Kilometer lang und für jeden halbwegs sportlichen Menschen zu meistern. Kräftezehrend ist auch das Campingleben einen halben Breitengrad unter dem Polarkreis. Andererseits: Wer sich gerne aufs Wesentliche beschränkt, bekommt in der Arktis all inclusive für die Seele. Mit taghellen Nächten im Daunenschlafsack. Mit Panorama-Frühstück auf einer Klippe. Mit Waschen am Bach und mit Klappspaten statt Klospülung. Mit geteilter Küchenarbeit und gegenseitiger Hilfe. Und hoffentlich immer mit einer leichten Brise, die einem die nervigen Fliegen vom Hals hält.

Wenn das Schlagwort „Natur pur“ irgendwo Gültigkeit findet, dann in Grönland, in dessen Weiten sich 56 000 Einwohner verlieren. Die Kondensstreifen am Himmel sind meist das einzig Menschengemachte in Sichtweite. Weidenröschen blühen in rosa Teppichen. Der graue Granit offenbart bei näherem Hinsehen glitzernde Strukturen. Das klare Licht und die geruchlose Luft werden erstaunlich selten von unheilschwangeren Wolken getrübt. Der dänische Schriftsteller Jørn Riel hat nach einem Grönlandbesuch geschrieben: „Vielleicht ist es diese Spannung zwischendem Anrührenden und dem Bedrohlichen, die uns so ergreift.“

Reiseleiterin Franziska weist Ralph und Claus ins Paddeln ein. Die Boote sind kippstabil – zum Glück.

Außerhalb der Siedlungen haben Handys keinen Empfang, weshalb Franziska ein Satellitentelefon dabei hat. Zu ihrem Handgepäck gehört auch ein Gewehr, das sie jedoch noch nie einsetzen musste. Auch wir verzichten gerne auf die Begegnung mit einem Eisbären, die harmlose Fauna ist vielfältig genug: Robben stecken den Kopf aus dem Wasser, beäugen uns Paddler und tauchen mit einem neckischen Hechtsprung wieder ab. Mit etwas Glück sieht man Buckel-, Zwerg- oder Narwale und hört ihr Fauchen. Schneeammern, Raben und verschiedene Wasservögel sind unsere ständigen Flugbegleiter.

Zelt mit Aussicht. Beim Kajaktrekking schlägt man seine lager in absoluter Wildnis auf.

Auf dem Weg in den hintersten Hundefjord (nein, dort gibt es keine Hunde) machen wir Mittagspause auf einer Landzunge voller Treibholz, das den Weg aus Sibirien bis in diesen verwinkelten Fjord gefunden hat. Wir packen einige Äste auf die Kajaks und freuen uns abends im baumlosen Grönland über ein Lagerfeuer. Am nächsten Morgen werden wir vom Trommeln der Tropfen auf den Zelten geweckt. Die Wolkendecke schwebt knapp über unseren Köpfen. Das wird nichts mit der geplanten Wanderung aufs Inlandeis, zu gefährlich bei so schlechter Sicht. Lerne: Grönlandreisende müssen flexibel sein, das letzte Wort hat die Natur. Also machen wir eine kurze Regenwanderung zu einem sterbenden Minigletscher. An dessen Rand demonstriert eine Eishöhle, wie farbenfroh selbst Toteis schillert. Aber man hört es tropfen. Unablässig. Der Klang des Klimawandels, der auch in Grönland die Gletscherzungen zurückzieht.

Grönlands Wettergott muss ein Paddler sein, denn am nächsten Tag scheint wieder die Sonne. Mit kräftigen Paddelschlägen stemmen wir uns im eisreichen Petersen-Fjord einer frischen Brise entgegen. Abends zieht vom Sermilik-Fjord her mystischer Eisnebel auf. Ein schlechtes Omen für den morgigen Tag?

Im Gegenteil. Als wir den Sermilik zurückqueren, brennt die Sonne wie nie zuvor. Am Ende der Tagesetappe lassen wir unsere Kajaks mit Volldampf auf den Sandstrand rauschen, den Franziska bei ihren Erkundungstouren entdeckt hatte. Hier schlagen wir unsere Zelte auf, schälen uns aus dem Neopren und trällern „Like ice in the sunshine“.

Ingo Wilhelm

REISE-INFOS ZU GRÖNLAND

REISEZIEL Mit 2,1 Millionen Quadratkilometern ist Grönland fast sechsmal so groß wie Deutschland und die größte Insel der Erde. Geologisch gehört sie zum arktischen Nordamerika. Politisch ist sie selbstverwalteter und weitgehend autonomer Bestandteil des Königreichs Dänemark; nur noch Außenund Verteidigungspolitik liegen in dänischer Verantwortung. Lediglich etwa 18 Prozent der gesamten Landfläche sind eisfrei. Grönland hat nur 56 000 Einwohner.

ANREISE Direkte Flüge von Deutschland nach Grönland gibt es nicht. Man muss in Dänemark oder Island umsteigen. Die Ostküste erreicht man gut über Reykjavik, das aus mehreren deutschen Städten angeflogen wird. Von Reykjavik ungefähr 90 Minuten Flug ins grönländische Kulusuk und weiter per Motorboot (eine Stunde) oder Hubschrauber (15 Minuten) nach Tasiilaq, dem Startpunkt der beschriebenen Kajaktour.

RUMKOMMEN Zugverbindungen und Straßen zwischen den Orten gibt es keine, alle Transporte werden per Flugzeug oder Schiff abgewickelt.

REISEZEIT/KLIMA Grönland hat polares und subpolares Klima. Juli und August sind mit maximal 14 Grad Tagestemperatur die wärmsten und daher die einzigen Monate, die sich zum Kajakfahren eignen. Im Frühsommer (Juni und Juli) sind die Moskitos und andere Fliegen eine echte Plage.

GELD/PREISE Zahlungsmittel sind Dänische Kronen (DKK). Außer Fisch und Eiswürfel müssen die Grönländer so gut wie alles per Schiff oder Flugzeug einführen. Das wirkt sich auf die Preise aus. Verglichen mit skandinavischen Ländern liegen die Preise um etwa zehn Prozent höher, besonders bei Alkohol, Tabak, frischem Obst und Gemüse.

REISETYP Für Grenzgänger, die am Ende der Welt die letzten Naturwunder entdecken wollen. Die beschriebene Reise erfordert grundlegende Kajak- Kenntnisse. Eine Kajaktour auf eigene Faust sollten nur sehr erfahrene Paddler und Arktiskenner wagen.

WOHNEN In Tasiilaq, dem Ausgangsort der Reise, gibt es ein kleines Hotel (The Red House), das von dem Südtiroler Grönland- Pionier Robert Peroni geführt wird und in dessen Restaurant auch Nicht- Hausgäste sehr gut essen können.

Doppelzimmer rund 50 Euro pro Person und Nacht, mit Halbpension 90 Euro (www.east-greenland. com). Bei der beschriebenen Kajakreise verbringt man alle 14 Nächte im Zelt, meist auf wildromantischen Lagerplätzen ohne jegliche sanitäre Anlagen (Ausnahmen: die Camping-Plätze in Tasiilaq und Reykjavik).

VERANSTALTER Das beschriebene Kajaktrekking bietet Wikinger Reisen unter dem Titel „Auf den Spuren der Jäger“ heuer an drei Terminen im Juli und August an. Die Reise kostet inklusive Flügen, Transfers, Verpflegung und Reiseleitung ab 2998 Euro pro Person im Doppelzelt. Für Alleinreisende lohnt sich in jedem Fall der Einzelzeltzuschlag von 140 Euro. Info und Buchung bei Wikinger Reisen, Telefon 023 31/90 46, www.wikinger-reisen.de.

WEITERE INFOS Das grönländische Fremdenverkehrsamt hat eine deutschsprachige Internetseite eingerichtet: www.visit greenland.de.

Zurück zur Übersicht: Reise

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser