Im Herzen der Schweiz

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Entspannte Lage: Beim Urlaub in der Zentralschweiz geht es vor allem um Erholung – die Weltpolitik ist hier ganz schnell vergessen.

Reiseredakteur Volker Pfau ist zu den Eidgenossen gefahren – zu einem Familienurlaub im Entlebuch im Kanton Luzern, und das liegt mitten im Herzen der Schweiz.

Die Holzscheite im Ofen knistern, die Kinder toben draußen auf dem Trampolin, die Abendsonne taucht vor dem Fenster die schneebedeckten Felsen der Emmentaler Alpen in ein orangerotes Licht, vor dem Fenster spielt eine junge Katze mit ihrem Schwanz, auf dem Tisch vor mir dampft eine Tasse Kaffee. Das ist Urlaub. Gemütlich, erholsam, weit weg von allem.

Da können die dank Internet vorab gut informierten Erwachsenen noch so tolle Programmvorschläge machen: Im Entlebuch gibt’s die letzten Köhler der Schweiz, man könnte Gold schürfen oder vielleicht eine Käserei besichtigen. Oder vielleicht rund um den Vierwaldstätter See die Orte besuchen, an denen Wilhelm Tell auf den Apfel schoss und wo die Eidgenossenschaft begründet wurde? Oder wandern?

Tierisch guter Urlaub: Jeremias als Begleiter beim Eselreiten.

Nein, die Kinder wollen lieber auf dem Bauernhof bleiben. Da ist nicht zuletzt Helene Achermann-Felber schuld dran. Unsere Vermieterin hat gleich bei der Begrüßung gesagt, dass natürlich alle Spielgeräte benutzt werden dürfen, dass man (mit elterlicher Aufsicht) auf den Strohballen überm Kuhstall herumtoben dürfe, dass ihre Söhne Jeremias und Samuel die Gäste gerne beim Eselreiten begleiten, dass wir die Hühner füttern können, dass wir uns ruhig auch am Bach am Staudammbau versuchen sollen und dass sie gerne noch weitere Vorschläge mache, sollten uns die Ideen ausgehen. Wer will da noch Ausflüge unternehmen, wenn er hier so herzlich willkommen ist?

Also fliegen Natalie, Maximilian, Tamara, Maurice und Leila auf Trampolin und Schaukel in die Höhe, fegen auf der Rutsche in die Tiefe, kraxeln, spielen Fangen und Verstecken auf Strohballen im Stall, sitzen ohne Sattel auf den Langohren „Zimt“ und „Apollo“, sorgen für stetigen Futternachschub bei den Frühstücksei-Produzenten und buddeln im Bach, als müsste hier ein neuer Blaumilchkanal entstehen. Keine Frage, die fünf Kinder haben die Schweiz in ihr Herz geschlossen.

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Was ist REKA?

Und wir Erwachsenen? Lieben wir die Schweiz? Und wie sieht es andersherum aus – wie herzlich sind die Schweizer zu uns Deutschen? Beim Käser Willi Trüb, dessen einsamer Betrieb nur wenige Minuten vom Ferienhaus entfernt ist, hatten wir anfangs so unsere Zweifel, denn er brummelte ein bisserl vor sich hin, wiederholte eher unwillig das Gesagte, als wir sein Schwyzerdütsch kaum verstanden. Aber schon beim zweiten Besuch taute er auf, beim dritten Mal lächelte er freudig, als wir die Tür aufmachten, wartete geduldig unsere Diskussionen über die zu kaufende Menge von würzigem und mildem Emmentaler, Greyerzer und dem für die Region typischen Sbrinz ab und verabschiedete uns mit einem Lächeln und den besten Wünschen.

Helene Achermann-Felber: Die Reka-Vermieterin.

Auch Helene Achermann-Felber vermittelt uns ihre Schweizer Herzlichkeit. Sie hat immer Zeit für ein paar freundliche Worte, obwohl die 45-Jährige mit ihrer fünfköpfigen Familie, der Arbeit auf zwei Bauernhöfen, der Ferienwohnung, dem Kirchenchor und dem Rock’-n’-Roll-Club „Take it easy“ wahrlich genug beschäftigt ist. Und so erzählt sie munter vom Leben hier im Entlebuch, wo die Buben über eine Stunde zu Fuß zur Schule gehen, wo der Sommerurlaub darin besteht, dass die Kinder die Ferien beim Vater Franz und den Kühen auf der Alp verbringen und macht dabei überhaupt keinen unzufriedenen Eindruck.

Das färbt irgendwie auf unsere Urlaubsstimmung ab, die Tage verstreichen ganz gelassen und wir schließen die Schweiz und die Schweizer mehr und mehr in unser Herz. Nach Luzern sind wir natürlich auch noch gefahren, schließlich sind das Verkehrshaus und der Gletschergarten ideale Ziele für Kinder, und es hat den Kleinen wirklich viel Spaß gemacht. Aber abends wollten sie dann doch wieder ganz schnell zurück auf ihren Bauernhof, den sie so sehr in ihre Herzen geschlossen haben. Und wir Großen gingen gerne mit, uns ging es ja schließlich genauso.

Volker Pfau

REISE-INFOS ENTLEBUCH

REISEZIEL Das knapp 400 Quadratkilometer große Unesco-Biosphärenreservat Entlebuch liegt im Schweizer Kanton Luzern und erstreckt sich über das Tal der Kleinen Emme zwischen Bern und Luzern. Die Region hat rund 17000 Einwohner.

ANREISE Mit dem Auto von München über Lindau und Bregenz auf die A13, bei Sarganserland auf die A3 bis Wädenswil, dort Richtung Cham, weiter auf die A4 bis Luzern und dort auf die Schnellszraße 10 bis Entlebuch. Entfernung von München rund 400 Kilometer. Maut: Korridorvignette Bregenz (2 Euro), Autobahnvignette Schweiz (40 CHF/rund 28 Euro).

UNTERKUNFT Wir übernachteten im Achermann-Stöckli, einem etwa 200 Jahre alten Holzhaus mit Platz für zwölf Personen in vier Schlafzimmern, Holzheizung, Sitzkachelofen, gut ausgestatteter Küche und gemütlicher Wohnstube. Preis: ab 765 CHF pro Woche (rund 537 Euro, inkl. Nebenkosten, Bettwäsche, Endreinigung). Info und Buchung über Reka, Tel. 0041/31/ 3296699, Internet: www.reka.ch.

Die Schweiz hebt ab: Luftfahrt­ausstellung im Verkehrshaus.

SEHENSWERT Im GLETSCHERGARTEN in Luzern sind eindrucksvoll Spuren der letzten Eiszeit vor 20000 Jahren zu sehen. Im Museum wird bis 31. August die Sonderausstellung „Der Bär“ gezeigt. Kinder haben einen Riesenspaß im Spiegellabyrinth „Alhambra“.
Geöffnet täglich von 9 bis 18 Uhr, Eintritt Erwachsene 12 CHF (rund 8,40 Euro), Kinder (6 bis 16 Jahre) 7 CHF (rund 4,90 Euro), Tel. 0041/41/410 43 40, www.gletschergarten.ch. Nur wenige Schritte neben dem Gletschergarten befindet das LÖWENDENKMAL, eine der touristischen Attraktionen Luzerns. Das Monument erinnert an den Untergang der Schweizergarde beim Sturm auf die Tuillerien 1792. Das VERKEHRSHAUS in Luzern zeigt spannend, anschaulich und mit vielen interaktiven Stationen wie mobil die Schweiz ist: Bahn, Bus, Schiff, Auto, Seilbahn, Kommunikation – und heuer als Schwerpunktthema „100 Jahre Luftfahrt in der Schweiz“. Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr, Eintritt Erwachsene 27 CHF (rund 19 Euro), Kinder (6 bis 16 Jahre) 17 CHF (rund 12 Euro). Info: Tel. 00 41/ 41/370 44 44, www.verkehrshaus.ch. Gäste von Reka zahlen in rund 450 Schweizer Museen gegen Vorlage des Mietvertrages keinen Eintritt, im Verkehrshaus Luzern den halben Preis. Infos bei Reka (Kontakt s.o.).

EINKAUFEN Im Entlebuch gibt es sehr viele Käsereien, von denen einige noch den für die Region typischen Sbrinz herstellen, einen würzigen Hartkäse. Meist ist nur vormittags geöffnet. Das „Chnusper Land“ der Firma Hug hat in Malters einen Fabrikladen, in dem die leckeren Keks-Spezialitäten günstig verkauft werden. Geöffnet Mo. bis Fr. 9 bis 18 Uhr, Sa. 9 bis 16 Uhr. Hellbühlstraße, Malters, Tel. 0041/41/499 75 04, www.hug-luzern.ch.

REISETYP Wer es einfach liebt, Ruhe sucht, keine Animation braucht und nichts gegen Landluft hat, kann im Achermann-Stöckli herrlich erholsame Tage verbringen.

LITERATUR Anregungen für 35 einfache bis anspruchsvolle Touren in der Zentralschweiz bietet der Dumont-aktiv-Band „Wandern am Vierwaldstätter See“; 168 Seiten, 12,95 Euro, ISBN 978-3-7701-8014-1.

INFOS zur Unesco-Biosphäre Entlebuch beim Biosphärenzentrum, Chlosterbüel 28, CH-6170 Schüpfheim, Tel. 0041/41/4858850, Internet: www.biosphaere.ch.

Allgemeine Informationen zum Reiseland bei Schweiz Tourismus, Tel. 00800/10020030 (gebührenfrei), im Internet: www.myswitzerland.com.

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