Holländische Triebkraft

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Farbiger Teppich: Im Keukenhof blühen jetzt wieder Millionen von Zwiebelblumen.

Eigentlich ist sie ja die Nationalblume der Türkei. Wie die Niederlande zur Heimat der Tulpe wurde und warum jedes Jahr Hunderttausende von Besuchern zur Zwiebelschau am Keukenhof kommen.

Tulpen? Da denkt man doch automatisch an Holland. Dabei ist die Tulpe die Nationalblume der Türkei. Über den Bosporus kam sie nach Europa – zuerst nach Frankreich, dann nach England, und erst 40 Jahre später, im Jahre 1594, nach Holland. Dort hat sie nicht nur eine wirtschaftliche Blüte ausgelöst, sondern 1637 auch den ersten Börsenkrach der Weltgeschichte.

Aber kurz vor dem Zusammenbruch des Marktes, der unzählige Holländerruinierte, erzielte eine einzige Zwiebel der heute verschollenen Sorte „SemperAugustinus“ in Alkmaar den sagenhaften Preis von umgerechnet 1,1 Millionen Euro.

5000 Tulpensorten soll es geben

Heute kostet eine durchschnittliche Tulpenzwiebel 20 Cent. Und dennoch: Jedes Jahr ist die Tulpenblüte ein Riesenereignis. Allein zum Keukenhof bei Lisse, der am morgigen Mittwoch wieder seine Pforten öffnet, kommen 750 000 Menschen, die meisten aus Deutschland, aber fast zehn Prozent sogar aus Asien.

Ins Leben gerufen wurde die Blumenschau 1949, um den Zwiebelzüchtern der Niederlande, die 80 Prozent des Weltbedarfs an Tulpen decken, ein Ausstellungsforum zu geben. Das Blumen-Business spielt in Holland nach wie vor eine große Rolle: 90 Züchter bestücken die Beete des Keukenhofs, und es gibt eine lange Warteliste von „Bloembollentelern“, die gern nachrücken würden.

Der Züchter: Willem Vink ist einer der größten Aussteller am Keukenhof und ein Mann mit Geduld: Bis eine neue Tulpensorte in den Handel gehen kann, vergehen bis zu 30 Jahre.

Einer der größten Aussteller am Keukenhof ist Willem Vink. Mit zwei Brüdern führt er den Betrieb weiter, den Vater Quirinus Vink 1953 gegründet hat. Eigentlich ist jetzt eine ruhige Zeit, denn wer mit Blumenzwiebeln handelt, kann keine Schnittblumen verkaufen. Er schreibt jetzt E-Mail-Newsletter an seine Kunden, in denen er informiert, welche Sorten heuer neu auf den Schaubeeten am Keukenhof erblühen. „Wir planen natürlich für die Zukunft und bereiten derzeit etwa 300 neue Sorten vor“, erklärt Willem Vink. Die nächstes Jahr alle in den Handel kommen? Lachen, tiefes Luftholen für die Erklärung. „Nein, wir hoffen auf 40 neue Varietäten, die gut sind.“ Bis nämlich aus dem Samen eine Zwiebel wachse, die blüht, können bis zu sieben Jahre vergehen. Wenn eine der neuen Tulpensorten ansprechend aussieht und robust wächst, vergehen noch mal rund 30 Jahre, bis man genügend Zwiebeln für den Handel produzieren kann. Eine Lebensaufgabe. Etwa 5000 Tulpensorten soll es geben, die meisten in den Niederlanden gezüchtet. Längst sind nicht mehr alle im Handel, aber erhalten sind doch die meisten im „Hortus Bulborum“ in Limmen, einer Art Fort Knox der Niederlande. Im „Hort der Zwiebeln“ blühen in penibel beschrifteten Rechtecken jeweils 30 Zwiebelblumen einer jeden Art – darunter rund 2500 Sorten, die kaum noch ein Fachhändler feilbietet.

"Duc van Tol - damit fing 1595 alles an"

Keukenhof

Einige ehrenamtliche Helfer und die 23 festen Vereinsmitglieder graben die Tausenden von Tulpenzwiebeln im Sommer wieder aus und lagern sie ein bis zum Herbst. Dann werden sie wieder gepflanzt – an ständig wechselnden Plätzen, um Krankheiten vorzubeugen. „An geheimer Stelle gibt es noch einen zweiten Hortus, eine Sicherheitskopie“, erzählt Joop Zonneveld. Er ist einer der Zwiebel-Bewahrer, Rentner natürlich, der die Zeit hat für dieses heikle Gewächs. Wie er zur Tulpe kam? „Mein Vater war Tulpenzüchter, und ich habe 40 Jahre als Kaufmann für eine Exportfirma für Blumenzwiebeln gearbeitet.“ Er kennt Tausende von Sorten, ohne aufs Schild zu schauen, er zeigt die Unterschiede zwischen den Variationen, die für den Laien gleich aussehen, und er findet in den unzähligen Reihen zielsicher die Stars der Sammlung. Zum Beispiel dieses lebendige Stück Geschichte: „Duc van Tol, Rot und Gelb – die erste Kultursorte in den Niederlanden, damit fing 1595 alles an.“

Nach Leiden gebracht hatte sie Professor Carolus Clusius, für viele ein Nationalheld gleichen Ranges wie Fußballstar Marco van Basten. Was macht denn eigentlich den besonderen Reiz der Tulpe aus? „Es sind die ersten Blumen des Frühlings, und jeder freut sich, wenn sie blühen“, sagt Annemarie Gerards- Adriaansens vom Keukenhof, während Ordner in orangenen Westen Autos und Busse auf die riesigen Parkplätze lotsen.

All diese Menschen kommen wirklich nur wegen der Tulpenblüte? „Ja, was anderes wollen unsere Gäste im Grunde nicht sehen.“ Was passiert dann hier nach der Tulpenblüte?„Dannbereitenunsere 30 Gärtner die Blumenschau fürs nächste Jahr vor.“ Trostreich übrigens für den Kleingärtner: Die verblühten Tulpenzwiebeln schmeißt man weg, denn auch die Vollprofis wissen nicht, wie man die kapriziöse Knolle ein zweites Mal verlässlich zur Blüte bringt.

Thomas Sell

REISE-INFOS KEUKENHOF

REISEZIEL Die Gartenanlage befindet sich zwischen Amsterdam und Den Haag im Bollenstreek in der Nähe von Lisse und hat eine Größe von 32 Hektar. Sie ist seit 1949 Zentrum der holländischen Blumenzwiebelschau. Wegen der dort (von Hand!) gepflanzten rund sieben Millionen Blumenzwiebeln – davon 4,5 Millionen Tulpen – gilt der Keukenhof als größter Blumenzwiebelgarten der Welt. Das Motto für 2010 lautet „From Russia with Love“. Darum eröffnet Svetlana Medvedeva, die Frau des russischen Präsidenten, gemeinsam mit Prinzessin Maxima am 17. März die Blumenausstellung.

ANREISE Mit dem Auto fährt man zunächst auf der niederländischen A 1 nach Amsterdam und folgt dort den Schildern Richtung „Schiphol” (Flughafen), dann weiter auf der A 4 Richtung Den Haag. Auf dieser Autobahn beginnt die Beschilderung Richtung Lisse und Keukenhof. Bequem geht’s auch per Bahn: IC-Verbindung mit Umstieg in Utrecht nach Leiden, ab dort fahren Linienbusse.

ÖFFNUNGSZEITEN Die Tulpenblüte im Keukenhof ist heuer vom 18. März bis 16. Mai zu sehen. Tägliche Öffnungszeiten: 8 bis 19.30 Uhr. Eintritt 14 Euro, Kinder 7 Euro. Täglich kostenlose Führungen auch auf Deutsch, Info an den Eingängen.

HORTUS BULBORUM Die Anlage in Limmen ist täglich vom 6. April bis 16. Mai von 10 bis 17 Uhr geöffnet, sonntags ab 12 Uhr, Eintritt 3,50 Euro. Anreise ab Amsterdam über die N 8. Tel. 00 31/251/23 12 86, www.hortus-bulborum. nl.

ANGEBOT Der Busreisenveranstalter Berr bietet vom 22. bis 25. April das Arrangement „Blumenkorso in Holland“ an, bei dem neben dem Keukenhof auch noch die weltgrößte Blumenbörse in Aalsmeer, der Blumenkorso in Lisse sowie Amsterdam besucht werden. Fahrt im Bus sowie drei Übernachtungen mit Frühstück kosten 299 Euro pro Person. Info und Buchung bei Berr Reisen in Bruckmühl, Tel. 080 62/50 08, Internet: www.berr-reisen.com.

WEITERE INFOS Niederländisches Büro für Tourismus, Köln, Internet: www.holland.com, www.niederlande. de, Keukenhof, Lisse, Tel. 00 31/252/ 46 55 55, Internet: www.keukenhof.nl

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