Morbide Metropole: Wien gruslig schön

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Selbstmörder und Wasserleichen: Der "Friedhof der Namenlosen" gehört zu den Grabstätten Wiens, die nicht so oft von Touristen besucht werden.

“Der Tod, das muss ein Wiener sein“, heißt es in einem Lied von Georg Kreisler. Wer in die Unterwelt der Stadt steigt, glaubt das sofort: Die "schönste Leich'" kommt aus Wien.

Es gibt Grüfte mit Mumien, ein Bestattungsmuseum, kuriose Friedhöfe - und eine Bevölkerung, die immer noch von der “schönen Leich“ träumt.

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Auch die Habsburger sind in Wien durch ihren Totenkult immer noch präsent, in der Kapuzinergruft stehen ihre Sarkophage fein säuberlich nebeneinander. "12 Kaiser, 17 Kaiserinnen, insgesamt 146 Personen ruhen hier", zählt Pater Felix vom Kapuzinerkloster auf. Am prunkvollsten wirkt die Grablege von Kaiserin Maria Theresia. Sie hatte den mächtigen Metallsarkophag schon Jahre vor ihrem Tod bis ins Detail geplant, verziert mit Schlachtszenen, Kanonen und Schwertern. Doch Besuchergedränge herrscht nur an einem Grab - dem von “Sisi“: Chinesische Touristen fotografieren sich gegenseitig am Sarkophag der österreichischen Kaiserin Elisabeth, die 1898 ermordet wurde.

Größte Attraktion in der Kapuzinergruft: Die Sarkophage von Kaiserin "Sisi" und Kaiser Franz Joseph stehen in einem Raum mit dem ihres Sohnes, Kronprinz Rudolf.

Am Stephansdom warten die Fiaker auf Kundschaft. Kaum einer der Gäste ahnt, dass sich unter den Hufen der Pferde eine Katakombenwelt mit vielen Grüften auftut. Und es mutet etwas schaurig an, wenn Domführer Bernhard Erlach beim Gang durch diese Unterwelt erzählt, dass in der Herzogsgruft die inneren Organe der Habsburger in Spiritus eingelegt sind: “Bis 1878 war es Ritus bei den Habsburgern, die Körper der Toten dreizuteilen. Die Eingeweide kamen in die Herzogsgruft, die Leiber in die Kapuzinergruft und ihre Herzen ins 'Herzgrüftl' in der Augustinerkirche.“

Denkmal für einen Superstar: Auf dem Wiener Zentralfriedhof gehört Falcos Grab zu den am meisten besuchten.

Touristen können in Wien auch dem Tod direkt ins Gesicht sehen: Wer die steile Treppe in die Michaelergruft hinabsteigt, findet in bunt bemalten Holzsärgen die “Luftgselchten“, wie der Wiener die luftgetrockneten Mumien nennen. Einige Särge sind geöffnet. Da verstummen die Besucher, als sie auf eine Dame aus dem 18. Jahrhundert blicken: ein Skelett im Rüschenkleid mit Stöckelschuhen und einem Rosenkranz in den behandschuhten Händen. Oder sieht das bekleidete Knochengerüst die Besucher an? “Die Wiener sind eben a bisserl nekrophil“, meint Gruftführer Christopher Timmermann.

Die “schöne Leich“ war einst in der Kaiserstadt Wien ein Muss. Manche sparten für das herrschaftliche Begräbnisritual ein Leben lang. Davon zeugen auch die Exponate im Bestattungsmuseum: mit Gold bestickte Sargtücher und Pferdegeschirre mit schwarzen Straußenfedern für den Leichenzug. Im Museum sind auch Kuriositäten zu bestaunen, darunter handbemalte Totenschädel und ein mehrfach benutzbarer Klappsarg. Das Bestattungsmuseum will aber auch mit dem Zeitgeist gehen.

In den Katakomben des Stephansdoms: In Wien können Reisenden an vielen Orten Grüfte wie diese besuchen und bewundern.

“Für unser Probeliegen im Sarg stehen die Leute Schlange“, erklärt Museumsleiter Wittigo Keller. So komfortabel hatten es die Toten auf dem “Friedhof der Namenlosen“ nicht. Ihnen wurde kein pompöses Begräbnis zuteil, noch nicht einmal die letzte Ruhe in geweihter Erde. “Bei uns liegen vor allem Selbstmörder und Verunglückte, welche die Donau wegen eines Wasserstrudels hier anspülte“, erklärt Josef Fuchs jr. Wie schon sein Vater und Großvater, betreut er ehrenamtlich den kleinen Friedhof am Stadtrand. Nur wenige Touristen verweilen vor den Kreuzen mit der Aufschrift “Namenlos“. Der Tod kann auch ganz still sein in Wien.

DIE REISE-INFOS ZUM MORBIDEN WIEN

REISEZIEL Wien ist die Bundeshauptstadt und zugleich eines der neun Bundesländer Österreichs. Im Großraum Wien leben etwa zwei Millionen Menschen, ein Viertel aller Österreicher.

ANREISE Mit dem Auto ab München (ca. 430 Kilometer), mit der Bahn (160 Euro hin und zurück ohne Ermäßigung) oder mit dem Flieger. Airberlin und Lufthansa fliegen ab München für ca. 100 Euro hin und zurück (bei frühzeitiger Buchung).

WIEN-KARTE 72 Stunden Wien mit zahlreichen Vergünstigungen und kostenlos U-Bahn-Fahren für 18,50 Euro.

STADTFÜHRUNGEN Seit 23 Jahren ist Dr. Brigitte Timmermann die Herrin der Wiener Unterwelt. Je nach Interesse der Teilnehmer dauert eine Führung drei bis fünf Stunden. Preis: ab 13,50 Euro mit Wien-Karte (s.o.) Treffpunkt am Naschmarkt oder nach Vereinbarung. Kontakt: Tel 0043/1/774 89 01, www.viennawalks.com.

ZENTRALFRIEDHOF Seit kurzem können Besucher am Haupttor einen “Audio-Picture-Guide“ mit Informationen zu Gräbern und berühmten Verstorbenen ausleihen, die hier begraben sind. Die Leihgebühr beträgt sieben Euro (Tel.: +43 1 760410).

MEHR INFOS IM INTERNET: Das Bestattungsmuseum in der Goldeggasse 19, 1040 Wien wurde 1967 gegründet. 1000 Objekte bieten einen Überblick über Totenkult und Bestattungsrituale; im Internet unter www.bestattungwien.at. Geschichte über den Wiener Zentralfriedhof, im Internet unter www.friedhoefewien.at. Adresse: Simmeringer Hauptstraße 234, 1110 Wien, Österreich

Die Begräbnisstätten der Habsburger in Wien: Die Kaisergruft, auch Kapuzinergruft genannt, im Internet unter www.kaisergruft.at[

Friedhof der Namenlosen unter www.friedhof-der-namenlosen.at

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