Galtür: Das Prinzip der Motorrad-Hotels

Paradis für Biker: Zu Gast am Pass

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Galtür: Ein verschlafenes Örtchen auf 1600 Metern Höhe am Ende des Paznauntals.

Galtür - Wenn Franz Türtscher mit seiner KTM 990 Adventure gerade nicht auf der tschechischen Rennstrecke Brünn oder der italienischen Piste Mugello fährt, dann kümmert er sich um seine Gäste im Motorradhotel in Galtür.

Er ist Wirt in einem der 36 MoHo-Hotels, die sich auf die Belange von Bikern spezialisiert haben. Es gibt sie inzwischen in Deutschland, Österreich und Italien. Türtscher ist gleich per Du mit seinen Gästen und bittet sie später zur Tourenbesprechung in die Hotelbar. Ein Münchner ist mit dem Trike gekommen. „Keine Sorge, wir fahren immer nur die Geschwindigkeit des langsamsten Fahrers in der Gruppe“, beschwichtigt Franz seine Bedenken. Franz Türtscher fährt seit der Jugend Motorrad, seit vielen Jahren auch Rennen. Gute Biker sind für ihn die, die dabei alt werden. Fahrsicherheit ist das Wichtigste. Er gibt seinen Gästen strikte Anweisungen für die gemeinsame Ausfahrt. Er stellt die Regeln auf, lässt kein wenn und aber zu: „Die Frauen fahren direkt hinter mir. Es wird nicht überholt. Bei jedem Abzweig wartet der Vordermann auf den Nächsten.“

Pünktlich am nächsten Morgen stehen acht Motorräder vor dem Hotel Post im Ortskern von Galtür. Es ist ein verschlafenes Örtchen auf 1600 Metern Höhe am Ende des Paznauntals. Der Ort ist umringt von steilen Wiesenhängen. Das Tal ist eine hochalpine Naturschönheit. Doch die Idylle trügt. Die Motorradgruppe von Franz Türtscher fährt vorbei an gigantischen Steinmauern. „Das sind Lawinenschutzwände“, erklärt Franz später. Nach tagelangem Schneefall hatte sich am 23. Februar 1999 vom 2754 Meter hohen Grieskogel eine Lawine gelöst und war mit 400 Stundenkilometern und einer Breite von 400 Metern auf Galtür zugerast. Fast das ganze Dorf wurde verschüttet, 31 Menschen kamen dabei ums Leben. In der längsten Mauer, die beinahe den ganzen Ortskern umschließt, ist das Alpinarium untergebracht, ein Schutzraum und gleichzeitig ein Museum.

30 Kehren -  Pass-Strecke bis zum Gletschersee

Franz Türtscher fährt mit seinen motorisierten Schützlingen weiter talauswärts Richtung Landeck. Manchmal biegt er auf kleine Seitenstraßen ab, fährt vorbei an einsamen Weilern. Dann bleibt er wieder stehen, hebt das Visier und erzählt von den hiesigen Bergbauern, die an den steilen Hängen der Dreitausender mühsam ihre Wiesen bestellen. Gemächlich schrauben sich Mensch und Maschine den Berg hinauf. Sie kommen vorbei an der Flexenpass-Straße, die mit ihrer tunnelartigen Überbauung regelrecht an den Felsenwänden klebt. Sie fahren über das Arlberg-Gebiet, Bregenzer Wald, ins Montafon und zurück zum Finale der Tour: die Silvretta-Hochalpenstraße. Auf der Passhöhe, einer der schönsten Alpenstraßen Österreichs, endet an diesem Abend die Motorrad-Tour. Nach neun Stunden auf dem Zweirad und 270 gefahrenen Kilometern.

Am Tag darauf wartet das nächste Highlight: das Kaunertal mit dem auf 2750 Metern liegenden Gepatsch-Gletscher. Gemütlich beginnt die Pass-Strecke bis zum Gletschersee. Dann wird es kurvig: 30 Kehren sind es bis zum ewigen Eis. Der Gletscher ist grau und dreckig, wirkt traurig dahin schmelzend, als würde der Eisriese weinen. Dort, wo er weiß leuchtet, decken ihn Plastikplanen ab. Sie sollen die Eisschicht vor der Sonneneinstrahlung schützen. Es hilft angeblich, den langsamen Tod des Gletschers hinauszuzögern, wird auf Infotafeln erklärt. Ein armseliger Versuch der Menschheit, zu retten, was noch zu retten ist. Der Münchner Triker ist erst einmal erleichtert. Der Pass war eine Herausforderung für ihn. Die Biker stehen zusammen, zollen der Bergwelt ihren Respekt. Sie sind angekommen auf dem höchsten der 60 Pässe, auf die Franz, der erfahrene Gastgeber, so stolz ist.

Andrea Weber

DIE REISE-INFOS

REISEZIEL Galtür liegt am Ende des 30 Kilometer langen Paznauntals zwischen Ischgl und dem südlichen Einstieg in die Silvretta- Hochalpenstraße. Das Hochtal zieht sich wie eine enge Furche dreißig Kilometer durch die Verwallgruppe im Norden und das Silvretta-Gebirge im Süden. 60 der schönsten Pässe sind von Galtür aus erreichbar.

ANREISE Auf dem schnellsten Weg von München über die A8 Richtung Innsbruck und über die A12 entlang des Inntals bis Ausfahrt Landeck. Von dort den Wegweisern nach Ischgl folgen, bis die Paznauntalstraße beginnt. Oder von München über die Lindauer Autobahn A96 bis Bregenz, weiter über die Rheintal-Autobahn nach Bludenz und von dort durchs Montafon-Gebiet über die Silvretta- Hochalpenstraße nach Galtür.

KLIMA Galtür liegt auf 1600 Metern. Es ist eine Hochgebirgsregion, in der es an Schlechtwettertagen auch im Hochsommer empfindlich kalt werden kann und sich die umliegenden Berghänge überraschend zur Winterlandschaft verwandeln.

SEHENSWERT Das Alpinarium in Galtür ist ein Bergmuseum, ein Mahnmal zum Gedenken der Lawinenkatastrophe von 1999 sowie ein Schutzraum für die Einheimischen in einem. Die Dauerausstellung „Dynamik der Berge“ informiert über das Leben mit den Naturgewalten.

MOHO-HOTELS Das MoHo- Konzept verbindet gehobenen Hotelanspruch mit familiärer Atmosphäre und einer besonderen Betreuung für Motorrad-Urlauber (z.B. Visierputzstation vor der Haustür). Die MoHo-Wirte bieten ihren Gästen geführte Touren an sowie Fahrtechnik- und Sicherheitstraining oder spezielle Frauenfahrtrainings. Für die Motorräder der Hotelgäste stehen Garagen bereit. Auf Wunsch werden in der hauseigenen Werkstatt Serviceleistungen übernommen.

Zu den 36 MoHo-Hotels in Deutschland, Österreich und Italien gehört auch das Hotel Post in Galtür, Tel. 0043/5443-84 22, www.hotel-post.at. Im Sommer kostet die Übernachtung mit Halbpension ab 47 Euro/Person. Mehr Infos über die MoHo-Hotels unter www.moho.at

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