Trekking mit einer internationalen Gruppe

Patagonien mit Aussie-Charme

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Im Gleichschritt: Die internationale Wandergruppe hat nicht nur spektakuläre Ziele im Auge, sondern auch das gegenseitige Kennenlernen und den kulturellen Austausch.

Mit internationalen Gruppen fremde Länder erkunden – multikultureller als mit dem Veranstalter Intrepid Travel kann eine Reise kaum sein. Unser Autor Ingo Wilhelm hat’s ausprobiert. In Patagonien.

Ein Hotel in Santiago de Chile: Ich bin gerade dabei, meinen Rucksack auszupacken, als es an der Zimmertür klopft. Gleich werde ich erfahren, mit wem ich mir die nächsten neun Nächte das Hotelbett und das Zelt teilen werde. Ein smarter amerikanischer Collegeboy? Ein redefreudiger Italiener? Ein raubeiniger Russe? Stereotypen schießen mir durch den Kopf. Dann geht die Tür auf. „Hi, I’m Michael.“ Erster Eindruck: passt.

Angenehme Nachtruhe: Die Zelte auf dem Campingplatz trotzen notfalls auch dem stürmischen Wetter in Patagonien.

Wir stellen uns vor. Michael kommt aus Melbourne, arbeitet im Shipping-Business und ist gerade auf großer Südamerika-Tour. Er war bereits eine Woche in Santiago und hat dort Spanisch gelernt. Um auch das Land kennenzulernen, hat er – wie ich – den zehntägigen Trekkingtrip in Patagonien gebucht (siehe Infokasten). Mit seinen 48 Jahren fühlt sich Michael zu gesetzt für Backpackertrips. Gerne lässt er sich für ein paar Dollars mehr die Organisation in der Fremde abnehmen. Michael ist alleinreisend, unternehmungslustig, aufgeschlossen, neugierig – und damit ein typischer Kunde von Intrepid Travel.

Das australische Unternehmen, das eine deutsche Vertretung hat, bietet weltweit Gruppenreisen an. Die Teilnehmer kümmern sich selbst um die Anreise und treffen sich am Ausgangspunkt, in unserem Fall Santiago. Nach dem gemeinsamen Trip gehen sie vom Endpunkt wieder getrennte Wege, in unserem Fall Buenos Aires.

Nach dem Abendessen im Künstlerviertel von Santiago kommen Michael und ich zurück ins Hotel, um die Reiseleiterin und die anderen Teilnehmer zu treffen. Neben Natalia (25), unserer argentinischen Guía (Führerin), sitzt ein Pärchen, das sich als Lisa (29) und Shane (30) aus Brisbane vorstellt. Und die anderen? „Es gibt keine anderen“, sagt Natalia und lächelt. Intrepid Travel bietet für die meisten Reisen eine Durchführungsgarantie, unabhängig von der Zahl der Gäste, die vor allem aus Australien, den USA und Westeuropa kommen. Damit die Gruppe sich gut versteht, lautet eine goldene Regel: Man spricht Englisch.

Trekkingtrip nach Patagonien

Trekkingtrip nach Patagonien

Michael schnarcht nicht lauter als ich. So viel steht fest, als wir am nächsten Morgen den Inlandsflug ganz in den Süden Chiles antreten. Von Punta Arenas an der Magellanstraße nehmen wir den Linienbus nach Puerto Natales, dem Tor zum Nationalpark Torres del Paine. Beim Abendessen beginnt unser Lieblingsspiel für die nächsten Tage. Es heißt: „Wie ist das bei euch?“ Die Themen: Schulsystem, Politik, Nationalsport, Ärzte, Wetter und so fort. Nach dieser Reise werde ich über Australien genauso gut Bescheid wissen wie über Chile und Argentinien. Im Gegenzug fragt mich vor allem ­Shane aus über Deutschland. Mit Bayern verbindet er bislang vor allem ein Bier, das er mal in Down Under getrunken hat: „Louenbruh.“ „Häh? Ach, er meint Löwenbräu!“

Bitte einsteigen: Zur Reisephilosophie von Intrepid Travel gehört die Nutzung von öffentlichen Transportmitteln.

Im Torres-del-Paine-Nationalpark hat es kurz vor unserer Ankunft einen verheerenden Wald- und Buschbrand gegeben. Eine Fläche halb so groß wie München liegt in Asche. Weil einige Wege gesperrt und einige Zeltplätze noch geschlossen sind, müssen wir umplanen. Anstatt den berühmten W-Trek gehen wir Tageswanderungen vom Zeltplatz Los Torres aus. Zum Beispiel hoch zu den granitenen Torres, den Drei Zinnen von Patagonien, den wohl schönsten Bergen der Welt. Wir treffen zahlreiche andere Wanderer: Amis, Kiwis, Kolumbianer, Kölner, Israelis, Italiener – hier geht’s zu wie am Stachus!

Intrepid-Reisen verfolgen das Ziel, den Gästen die einheimische Kultur näherzubringen. Aber eigentlich kommen wir nur mit einem Chilenen näher in Kontakt, unserem Wanderguide Chino. Chino ist 24 und ein unglaublich kluger Bursche, der uns von Pinochet (Ex-Diktator) bis Pisco Sour (Nationalgetränk) alles erklären kann, was mit seinem Heimatland zu tun hat.

Sie nannten ihn Turnschuh. Allerdings ironisch. „Zapatilla“, einer der Köche in unserem Basecamp, ist vielleicht nicht der Schnellste, aber ein lustiger Kerl. Mit Dreadlocks auf dem Kopf und einer Slackline hinterm Zelt versorgt er am Torres-Campingplatz Intrepid-Reisegruppen und hält die Zelte instand. Diese Zelte sind echte Expeditionsteile und erinnern daran, dass Patagonien auch anders kann: stürmisch, verregnet, wild. Wir hingegen erleben den trockensten Sommer seit Menschengedenken. Rimini-Wetter am südlichen Ende der Welt. Den Aussies gefällt’s. Fast wie zu Hause. Wozu habe ich meinen Daunenschlafsack mitgenommen?

Cooles Vergnügen: Das chilenische Nationalgetränk Pisco Sour mit echtem Gletschereis.

Nach vier Nächten an den Torres del Paine bringt uns der Backpacker-Bus zur argentinischen Grenze, wo ein Van nur für uns wartet. Bis zum Ende der Reise werden wir 18-mal in einen Bus oder ein Flugzeug aus- und eingestiegen sein! Für die nächsten Stunden läuft hinterm Autofenster der gleiche Film ab: Pampa. Gestrüpp so weit das Auge reicht. Lisa und Michael schlafen auf der Rückbank ein. Bis Natalia jubelt: freie Fernsicht auf den Cerro Torre! Das ist selbst für die Argentinierin ein ungewohnter Anblick. Von dem berühmten Berg haben auch die Australier schon gehört. „Berühmt wie der Ayers Rock“, murmelt Michael.

Was machen drei Aussies und ein Deutscher im Touristenort El Calafate? Am Geldautomaten Schlange stehen, über die zänkischen Ibisse in den Alleebäumen lachen, Outdoorgeschäfte abklappern und in einem Lokal leckeres Lamm essen. Argentinische Fleischberge sind höher als die Anden und bringen sowohl meinen Schweinshaxn- als auch australische Steak-Mägen an die Grenze des Fassungsvermögens. Michael kennt sich mit Weinen aus und ordert eine Flasche Malbec aus Mendoza – mindestens so gut wie der australische Shiraz, findet er. Lisa freut sich schon aufs Hotel, endlich mal wieder ein echtes Bett. Good night.

Good morning. Im Minibus zum Perito-Moreno-Gletscher kreist der Matetee. Lisa findet ihn zu bitter, Michael nickt schon aus Höflichkeit, und Shane ist wieder mal fasziniert, diesmal vom Ritual, das die Argentinier um ihr Nationalgetränk spinnen. Als die Tasse dreimal die Runde durch den Minibus gemacht hat, gesteht Natalia, dass sie noch nie Tango getanzt hat. Das werden wir in Buenos Aires ändern!

Im Nationalpark Los Glaciares leidet man ebenso wenig an Einsamkeit wie an den chilenischen Torres. Metallstege durchziehen einen waldigen Hügel, den geschätzt 2000 Touristen dieses Tages bieten sich immer neue Blicke auf den Gletscher – einen der wenigen weltweit, der nicht zurückgeht. Unsere drei Aussies staunen Bauklötze, mindestens so groß wie die Eisbrocken, die an der Gletscherfront abbrechen und ins Wasser krachen. „Näher ran!“, fordert Shane und überredet uns zu einer geführten Wanderung auf der Gletscherzunge. In kurzen Hosen und mit Steigeisen an den Turnschuhen stapft er über das Eis. Bei der abschließenden Bootsfahrt über den Schmelzwassersee flattert am Heck die blau-weiß-blaue Fahne im dramatischen Abendlicht.

Abflug nach Buenos Aires. Am letzten Abend unserer Reise besuchen wir mit Natalia ein Tangodinner. Vor dem ersten Gang und dem Beginn der Show lernen alle Gäste unter professioneller Anleitung den Grundschritt. Lisa und Shane sind einfach ein süßes Paar, ich trete Natalia nur zweimal auf die Füße, und Michael geht mit einer französischen Touristin im Arm ein wenig aus sich heraus.

Am nächsten Morgen reisen Shane und Lisa weiter nach Brasilien, Michael bleibt noch ein paar Tage in Buenos Aires. Beim Abschied wird das Herz ein bisschen schwer, wie bei „Don’t cry for me Argentina“. Aussies sind nicht nur bei Hofbräu auf der Wiesn nette Zeltgenossen.

I.W.

DIE REISE-INFOS ZU PATAGONIEN

REISEZIEL Patagonien besteht aus zwei durch die Anden getrennte Großlandschaften im Süden Südamerikas. Der Westen gehört zu Chile, der Osten zu Argentinien. Auf chilenischer Seite liegt der 2420 Quadratkilometer große Nationalpark Torres del Paine, auf der argentinischen Seite der etwa doppelt so große Nationalpark Los Glaciares. Mit rund 80.000 Parkeintritten jährlich ist der Torres-del-Paine-Nationalpark in Chile die von den Touristen am meisten besuchte Region.

ANREISE Air France fliegt von München aus (ab 1.400 Euro), Lufthansa ab Frankfurt (rund 1.500 Euro) nach Santiago de Chile und zurück von Buenos Aires.

REISEZEIT Auf der Südhalbkugel ist von Dezember bis Februar Hochsaison. Außerhalb dieser Monate steigt in den beiden Nationalparks das Schneerisiko, was einen Besuch unmöglich machen kann.

VERANSTALTER Wir waren im Torres-del-Paine-Nationalpark im Rahmen der Reise „Patagonia Trekking“ des Veranstalters Intrepid Travel. Der in Melbourne ansässige Spezialist für Gruppenreisen mit Dependance in Deutschland baut für authentische Reiseerlebnisse Begegnungen mit Einheimischen, landestypische Unterkünfte und öffentliche Transportmöglichkeiten bewusst in sein Programm ein. Für die meisten Touren gilt eine Durchführungsgarantie ohne Mindestteilnehmerzahl.

ROUTE Die zehntägige Reise beginnt in Santiago de Chile, endet in Buenos Aires und beinhaltet Wanderungen an den Torres del Paine sowie am argentinischen Gletscher Perito Mereno. Preis: ab 2185 Euro. Starts jeweils am Sonntag, Termine bis 17. März 2013. Außerdem bietet Intrepid mehrmals in der Saison (Oktober bis März) eine 15-tägige Reise „Patagonia Wilderness“ ab/bis Buenos Aires an. Zusätzliche Programmpunkte hier: El Chalten und Feuerland. Preis: ab 2410 Euro.

SCHWIERGKEIT Der W-Trek mitsamt dem Aufstieg zum Mirrador de los Torres ist für halbwegs trittsichere Wanderer problemlos zu meistern. Maximale Höhendifferenz 800 Meter, maximale Gehzeit am Tag fünf Stunden. Der Circuito ist nur ­etwas für erfahrene und ausdauernde Trekker, weil man alles im Rucksack mitführen muss. Am Perito-Moreno-Gletscher gibt es gut ausgebaute Besichtigungswege.

AUSRÜSTUNG Unbedingt dabeihaben muss man Kleidung für sämtliche Wetterlagen, von kurzer Hose über Regenausrüstung bis zur (nicht allzu dicken) Isolationsjacke. Was daheimbleiben kann: Stirnlampe, im patagonischen Sonmmer sind die Nächte kurz.

WEITERE INFOS/BUCHUNG im Internet unter www.intrepidtravel.com oder unter Tel. 080 24/47 44 90.

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