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Great Lakes: Das wahre Amerika

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Das ist das Real America: der Tankwart Bill Shea.

An diesem Sonntag wird die Welt wissen, von wem die Vereinigten Staaten künftig regiert werden. Entschieden wird das Rennen um den Posten als mächtigster Mann der Welt in den „Swing States“...

...deren Wähler noch als unentschlossen gelten – wie beispielsweise Ohio an den Great Lakes. Hier liegt die Mitte Nordamerikas, viele sagen: sein Herz. Unser Autor Thomas Oßwald hat sich auf die Reise durch das Real America, das wahre Amerika, kurz vor der Präsidentschaftswahl begeben.

Der Pizza-Service von Obama

Richtig stolz sind sie in Chicago auf ihren amtierenden Präsidenten, seine Wiederwahl steht in der historisch demokratischen Hauptstadt von Illinois kaum zur Debatte. Schließlich lebt es sich nicht schlecht mit dem Geschäft um Barack Obama, sein Wirken in Chicago kann der geneigte Tourist seit dem Einzug des ersten schwarzen Präsidenten ins Weiße Haus auf einer „Obama-Tour“ abfahren. Vorbei an seinem und Michelle’s Büro, dem persönlichen Barbier, und natürlich zum Haus am Hyde Park, das ihm immer noch gehört. Das Grundstück ist weiträumig abgesperrt, weil Mr. President immer mal wieder fürs Wochenende zurück kam. „Und dann steht die Stadt Kopf“ sagt Gail Orr vom Tourismus-Verband der Great Lakes, „da werden ganze Straßenzüge gesperrt.“

Nicht immer. Es gibt da eine kleine Pizzeria in seiner Nachbarschaft, die den mächtigsten Mann der Welt zu ihren Stammkunden zählt. Ein unscheinbarer Platz in einer kleinen Mall, davor und drinnen ausnahmslos Schwarze in Beleg- und Kundschaft. Hinter der Glasfront nur ein kleiner Raum, in dem die Kunden ihre Bestellungen aufgeben können, hinter einer Panzerglasscheibe die Pizza-Küche mit einem guten Dutzend Steinöfen. Es ist kein Lokal im eigentlichen Sinn, hier gibt’s die Teigfladen nur zum Abholen, das Ambiente erinnert irgendwie an einen Waschsalon.

Das Geheimnis von Italian Fiesta Pizzeria: die dünne Kruste. Mr. Oba­ma lässt sie sich liebsten mit Tomaten-Sauce, Mozzarella und als einzigem Extra kräftig Chili schmecken. Um ihren Star-Kunden machen sie hier kein großes Aufheben. Ja, der komme her, wenn immer er in der Stadt ist, sagt eine Mitarbeiterin, ihren Namen will sie aber nicht nennen. „Das ist ganz normal, er hat zwei Typen dabei, sie bestellen vorab telefonisch, nehmen die Pizza und dann gehen sie wieder“ erzählt die Frau. „Warte mal“ fügt sie hinzu und schaut auf ihren Wandkalender, „das letzte Mal war er am 11. August da.“ So ganz selbstverständlich ist der Besuch des mächtigsten Mannes der Welt dann doch nicht.

Nicht alle übrigens sind vom derzeit berühmtesten Sohn der Stadt begeistert. „Das Nachbarhaus von Obama am Hyde Park steht zum Verkauf“, sagt Gail Orr, „die Eigentümer halten das mit der ganzen Security-Maßnahmen nicht mehr aus.“ Die Immobilie sei schon länger auf dem Markt, einen Nachfolger zu finden sei nicht leicht. Gilt irgendwie auch für Obamas derzeitigen Erstwohnsitz, das Weiße Haus.

Die Pontiacs von Pontiac

Tim Dye bekam zum 16. Geburtstag seinen ersten Pontiac, einen GTO. Seitdem hat den mittlerweile 52-Jährigen diese Automobilmarke nicht mehr losgelassen. Eine zweite Leidenschaft kam hinzu: die des Sammelns. Nicht nur Autos, davon hat er mittlerweile ein paar Dutzend, von dem ersten Exemplar aus dem Jahr 1890 bis zum letzten – 2004 stellte General Motors die Pontiac-Produktion ein –, sondern Reparatur- und Betriebsanleitungen, Bücher, historische Ölkannen, Prospekte, Werbegeschenke. Was mit Pontiac zu tun hat, Tim Dye hat es.

Cleveland

Irgendwann wurde es dem gelernten Drucker in seiner Heimat Oklahoma zu eng, er wollte seine Leidenschaft mit anderen teilen und die Artefakte ausstellen. „Ich musste einen Ort suchen, der mit Pontiac zu tun hat“ erklärt Dye, und was lag näher, als damit in den gleichnamigen Ort zu ziehen. Pontiac gibt’s aber acht in den USA, alle benannt nach dem Indianer-Häuptling Chief Pontiac aus Ottawa, der auch dem Automobil seinen Namen gab. Produziert wurde die Serie in Pontiac, Michigan. Für Dye nicht der richtige Ort, er suchte etwas, das ihm mehr Kunden bringt. Letztes Jahr siedelte er nach Pontiac, Illinois um. Der verschlafen Ort liegt direkt an der Mutter aller Straßen, der historischen Route 66. „Meine Frau hat das kommen sehen in all den Jahren, die hat sich gar nicht gewehrt.“

Die Stadt gab ihm ein Haus gleich gegenüber der Kirche, mietfrei, man versprach sich einen Anziehungspunkt für den Tourismus, immerhin hatte man bereits drei Museen. Der Plan ging auf, im ersten Jahr besuchten bereits über 20.000 Pontiac-Fans Tim Dyes liebevoll eingerichtete Ausstellung. „Viele Leute, die selbst Pontiac-Fahrer sind, kommen hier her, nicht nur aus Amerika, sondern aus der ganzen Welt,“ erzählt Dye, „erst kürzlich waren zwei Schweden da, einer von ihnen hatte seinen Pontiac auf dem Arm tätowiert.“ So weit geht Dyes Liebe nicht, auch ohne Tattoo ist er ein glücklicher Mann. „Ich lebe meinen Traum, den Schritt zum Museum habe ich keine Sekunde bereut.“

Land of Lincoln

LOL – in Zeiten von SMS wird mit dem Kürzel für „Laugh out loud“ auf Humoristisches hingewiesen. In Illinois steht LOL für Land of Lincoln. Barack hin, Obama her – Abraham Lincoln ist noch immer der bedeutenste Sohn des Staates. Und das wird vor allem in seiner Heimatstadt Springfield ausgiebig exerziert.

Vom letzten Wohnhaus des Präsidenten, bevor er mit seiner Familie nach Washington zog, über seine ehemalige Anwaltskanzlei, die Presidential Library und das wirklich sehenswerte Museum, in dem der Besucher durch Nachbauten des Weißen Hauses und der Ein-Zimmer-Hütte, in der Lincoln 1809 geboren wurde, in die Welt des Politikers eintritt, der sich während seiner Präsidentschaft für die Abschaffung der Sklaverei einsetzte. Illinois war der erste Staat, der 1865 das entsprechende Gesetz umsetzte. Für Barack Obama Anlass genug, am 10. Februar 2007 auf dem Rasen des Old State Capitols seine Präsidentschaftskandidatur bekanntzugeben.

Schließlich noch das Mausoleum auf der Oak Ridge Cemetary, in dem „Abe“ mit seiner Familie die letzte Ruhe fand. Kaum ein Schaufenster, das nicht mit Lincoln-Souvenirs aufwartet, dem Zylinder, künstlichen Bärten, Lutscher mit dem Konterfei.

Father of the Mother Road

Mit 90 Jahren wurde Bill Shea letztes Jahr noch einmal Vater. Nicht Kraft seiner Lenden, Springfields Bürgermeister J. Michael Houston ernannte ihn anlässlich seines runden Geburtstags und dem 65. Jahrestag als bekanntester Tankstellenwärter der USA zum „Father of The Mother Road“. Die Mutter aller Straßen, deren Vater Shea nun ganz offiziell ist, führt von Chicago nach Los Angeles. 1946, Bill Shea kehrte gerade vom Zweiten Weltkrieg zurück, begann er als Tankwart bei Texaco, neun Jahre später eröffnete er seine eigene Gas Station. Und sammelt seitdem alles, was mit amerikanischen Antiquitäten im Allgemeinen und Route-66-Erinnerungen im Besonderen zu tun hat.

1986 war Schluss, die Umstellung auf Selbstbedienung wollte Shea nicht mitmachen. Seitdem ist Bill Shea’s Gas Station ein Museum mit ständig wachsender Zahl an Exponaten und dem mittlerweile gebrechlichen Inhaber als seine größte Attraktion. Sein Sohn, er heißt ebenfalls Bill, wie auch dessen Sohn, schätzt die Sammlung auf mehrere zehntausend Exponate.

Mittendrin gerahmt die Uniform, die sein Vater trug, als er 1945 in der Normadie am Utah Beach landete. „Sie ist ein Glücksbringer, jeder von uns hat sie getragen, bevor er in den Einsatz ging. Ich nach Vietnam, mein Sohn in den Irak zu Desert Storm“, erzählt Bill Shea jr.. Irgendwo zwischen Zapfsäulen, Abzeichen und Straßenschildern zeigt er auf eine Müsli-Packung. Auf der Rückseite Bill sen. an der Zapfsäule. „Die gibt’s zur Zeit bei Aldi.“

Amerikanischer Durchschnitt

Die Besonderheit von Columbus ist, dass sie nichts Besonderes ist. Zumindest nicht in den Augen der Demographen und Marketingstrategen, weil die Hauptstadt von Ohio so ziemlich genau der demographischen Zusammensetzung des gesamten Landes entspricht und deshalb bei der Einführung neuer Produkte – vor allem in Lebensmittelbereich – einen beliebten Testmarkt darstellt. Dazu leben mit den Studenten der Ohio State University in der Stadt viele junge Leute, die die bevorzugte Zielgruppe vieler Produkte bilden, und Marketingmaßnahmen wie TV- und Anzeigen-Werbung sind relativ günstig zu haben. Kurzum: Kommt hier ein neues Produkt gut an, dürfen die Hersteller davon ausgehen, dass es in den gesamten Staaten für guten Absatz sorgen wird.

„Meist bekommen wir das gar nicht mit, dass an uns getestet wird“, sagt Joe Giessler (26) vom Ohio Department of Development, „es steht ganz normal in den Regalen oder wird in den Fastfood-Restaurants verkauft.“ Erst jüngst versuchte sich die Hamburger-Kette Wendy’s an der Einführung seines neuesten Black Label Burgers, derzeit wird der Test ausgewertet.

Wir wollen den demographischen Fakten-Check in der North High Street machen, im hippen Boutiquen- und Galerien-Viertel Short North. Weil das Football-Team der Ohio State University gegen das aus Kalifornien spielt, sind nur junge Leute in roten Fan-Shirts auf der Straße. Definitiv nicht der amerikanische Durchschnitt.

Nächster Versuch im German Village, das im 19. Jahrhundert von deutschen Immigranten gegründet wurde und sich zum größten, privat finanzierten Restaurations-Projekt entwickelte. Eine der bevorzugten Wohngegenden mit Backstein-Straßen, Ziegelhäusern und vielen Restaurants, darunter auch einige, die das deutsche Erbe nicht nur im Namen, sondern auch auf der Speise-Karte tragen. Mit starkem amerikanischen Einschlag. So wie Schmidt’s mit großem Wurst- und Sauerkraut-Buffet samt Bedienungen in Fantasie Dirndl- und Lederhosen, oder Juergen’s Restaurant, das im angeschlossen Feinkost-Laden auch Bayerisches Blockmalz verkauft.

Mittendrin, im Schiller-Park, bereitet man sich gerade auf den bevorstehenden Besuch des Präsidenten vor. Zwei Mal war er schon in Columbus, weil Ohio ein Swing State ist. „Wer hier gewinnt, gewinnt auch das Weiße Haus“ sagt Jerry Best. Eigentlich arbeitet er bei der Post, heute schneidet er als Volunteer verblühte Blüten ab. Zweimal in der Woche treffen sich die Mitglieder der German Village Society, um im Park für Ordnung zu sorgen. „Hier kommen alle her, um zu helfen“ sagt Best, in dessen Adern halb irisches, halb deutsches Blut fließt, „Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer, Arbeiter.“ Vom demographischen Durchschnitt auch hier keine Spur.

Jetzt hilft nur noch die große Mall vor den Toren der Stadt. Undhier ist er endlich: schwarz, weiß, dick, dünn, mit und ohne Rollator – amerikanischer Durchschnitt wie in den meisten Versorgungs-Vorstädten.

Thomas Oßwald

DIE REISE-INFOS ZU GREAT LAKES

REISEZIEL Die sieben Staaten Illinois, Indiana, Michigan, Minnesota, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin und die fünf Seen Lake Michigan, Lake Ontario, Lake Huron, Lake Erie und Lake Superior bilden die Region der Great Lakes of North America.

ANREISE United Airlines fliegt sechs Mal pro Woche von München nonstop nach Chicago.

MIETWAGEN Beim Mietwagenvermittler Auto Europe kostet ein Fahrzeug der Mittelklasse (z.B. Ford Focus) für eine Woche ab/bis Flughafen Chicago ab 153 Euro. Info und Buchung unter Tel. 08 00/560 03 33 oder unter www.autoeurope.de.

ESSEN Italian Fiesta Pizzeria, Pizza ab US $ 5,99 (rund 4,65 Euro), 1400 E 47th (Hyde Park), Chicago, Tel. 001/773/684 22 22, www.italian fiestapizzeria.com.

SEHENSWERT
PONTIAC-MUSEUM: geöffnet Montag bis Freitag 9-17 Uhr, Sa. und So. 10-16 Uhr, Eintritt frei. 205 N. Mill Street, Pontiac, Tel. 001/815/ 842 23 45, www.pontiacoaklandmuseum.org.
LINCOLN MUSEUM: geöffnet tägl. 9-17 Uhr, Eintritt Erwachsene US $ 12 (rund 9,30 Euro), 212 N. 6th Street, Springfield, Tel. 001/217/5588934, www.presidentlincoln.org.
SHEA’S GAS STATION: geöffnet Dienstag bis Freitag 8-16 Uhr, Samstag 8-12 Uhr, Eintritt Erwachsene US $ 2 (rund 1,50 Euro). 2075 Peoria Road, Springfield, Tel. 001/217/522 04 75.

MEHR INFOS: Weitere Informationen und Kataloge gibt es beim Fremdenverkehrsbüro Great Lakes USA, c/o TravelMarketing Romberg TMR GmbH, Schwarzbachstraße 32, 40822 Mettmann bei Düsseldorf, Tel. 021 04/79 74 51, www.great lakes.de

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