Auf Safari im Norden Indiens

Rendezvous mit einem bengalischen Tiger

+
Rendezvous mit einem Tiger.

Der Ranthambore Nationalpark im nordindischen Rajas­than ist einer der letzten Orte dieser Welt, an denen man den bengalischen Tiger noch in freier Wildbahn beobachten kann.

Doch man muss viel Geduld mitbringen, und mancher Urlauber wartet tagelang vergebens auf ein Rendezvous mit dem König des Dschungels.

„Da, der Abdruck, eine riesigen Pranke!“ Ranger Mahesh zeigt auf den Boden. „Ein Tiger mit einem Jungen“, vermutet er. Kurz darauf ein Funkspruch von einem Wildhüter-Kollegen: Tiger in 300 Metern! Unser Fahrer drückt aufs Gas, brettert mit dem Jeep durch ein Bachbett. Ist er hinter dem Hügel? Wir halten den Atem an.

Königin Elisabeth II. ging hier noch auf Jagd 

Es sind abenteuerliche Momente wie diese, die jedes Jahr tausende Besucher im Ranthambore Nationalpark im nordindischen Rajasthan erleben. 130 Kilometer südlich von Jaipur liegt das 392 Quadratkilometer große Reservat - einer der letzten Plätze der Welt, an denen man bengalische Tiger noch in freier Wildbahn sehen kann.

Früher war der Park das Jagdgebiet der Maharadschas von Jaipur. Noch 1961 gingen Königin Elisabeth II. und der Herzog von Edinburgh hier auf Jagd. Seit 1972 ist die Tigerjagd in Indien offiziell verboten. „Wer einen Tiger erschießt, wandert für sieben Jahre ins Gefängnis“, heißt es im Park.

2004 gab es dennoch ein Wilderer-Problem. Die Tiger-Population schrumpfte dramatisch auf nur noch 16 Tiere. Heute zählen die Wildhüter wieder 35 erwachsene und 18 junge Tiere. Mittlerweile sind nur noch 20 Prozent des Parks öffentlich zugänglich, die Zahl der Jeeps und Kleinbusse ist streng limitiert, die Öffnungszeiten sind auf ein paar Stunden pro Tag kurz nach Sonnenauf- und vor Sonnenuntergang begrenzt.

Wir sind voller Hoffnung: Unser Ranger Mahesh soll bei den Safaris die höchste Tiersichtungs-Erfolgsquote aller Ranger haben. Als wir um 6 Uhr morgens von unserem Resort am Rande des Parks zur  ersten Safari aufbrechen, wickeln wir uns in dicke Decken ein. Im Dezember sinkt die Temperatur hier im Norden Indiens nachts fast bis auf den Gefrierpunkt.

Ersehnter Augenblick: Der Tiger ­versteckt sich gern. Ranger wie Mahesh sind geschult, ihn auszumachen.

Schon kurz nach dem Eingangsschild erwartet uns eine Landschaft, die an die mystischen Gemälde von Caspar David Friedrich erinnert. Zwischen den kargen Aravalli- und den Vindhya-Bergen fließen kleine Bäche, sammeln sich zu Seen, über denen jetzt am Morgen Nebelschwaden liegen. Am Wegrand stehen Banyanbäume mit imposanten Luftwurzeln. Diese Ruhe! Diese Natur! Zum ersten Mal seit Beginn unserer Rajasthan-Rundreise kann ich durchatmen. Bisher hatte ich Indien als ein Land der Extreme erlebt - laut, bunt, quirlig, eng. Den Verkehrskollaps in der 16-Millionen-Metropole -Delhi. Die Prachtkulisse von Jaipur, der Stadt mit den rosaroten Palästen. Von allem im Überfluss.

Erste Wildtier-Erfahrung machen wir auf dem Weg in die Nationalparks des Nordens, als zwei Antilopen am Wegesrand aneinandergeraten. Wir hören die Hörner krachen, hören das Schnauben der Tiere, sehen die Wunden am Hals. Der Sieger stolziert erhobenen Schwanzes davon. Ein starkes Schauspiel.

Unser Reiseleiter hatte uns im Vorfeld gewarnt, sich nicht zu sehr auf die Tigerjagd zu konzentrieren. „Tiger brauchen Platz, ein Tier beansprucht ein Revier von  20 Quadratkilometern für sich allein“, erklärt uns der Wildhüter. Insofern hat eine Tigersafari etwas von der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Unser Reiseleiter erzählt gerne die Geschichte von einem Münchner Touristen, der 27 Mal in den Park gefahren war und nie einen Tiger zu Gesicht bekommen hatte. „Am Ende haben ihm die Behörden aus Mitleid sogar ausnahmsweise Einlass-Pässe für den ganzen Tag gegeben. Aber auch das half ihm nicht.“

Andere Reisende dagegen haben ein Riesen-Glück: „Bei einer Safari ist eine ganze Tigerfamilie 20 Minuten lang wie auf dem Catwalk vor unserer Nase auf- und abstolziert. Es sah fast so aus, als würden die Tiere für die Kameras posieren“, sagt der Reiseleiter. Wie würde es uns ergehen? Unser Wildhüter gibt alles. Hochkonzentriert steht er im Wagen, sein Blick wandert suchend durch die Bäume. Die Vögel zwitschern verdächtig laut. Ist der Tiger in der Nähe?

Die Tigerjagd ist kein Spaziergang

Dann ein Rascheln! Mein Herz pocht wie wild. Da ist ein großes Tier hinter dem Baum! Langsam nähern wir uns. Ein Schwarzbär! Wir sind ganz hektisch vor Aufregung. Der Bär bleibt gelassen. Schnaubend stößt er mit seiner Pranke ein paar große Steine um. Er ist auf der Suche nach Termiten. Zwei Minuten, dann zieht er von dannen.

Die Tigerjagd  ist kein Spaziergang.

An diesem Abend liege ich noch lange wach und lasse Momentaufnahmen dieser Rajasthan-Reise Revue passieren. Wie wir mit Kamel-Rikschas durch die alten Gassen von Mandawa gefahren sind. Wie wir die prächtigen Kaufmannshäuser besichtigt haben. Die meisten stehen heute leer, aber sie spiegeln die Zeit wieder, als hier die Seidenstraße verlief. Wie echte Maharadschas haben wir uns gefühlt im Hotel Castle Mandawa, einem umgebauten Fort. In riesigen Zimmern mit goldenen Bögen, Himmelbetten und alten Gemälden. Der Amber Palace, zu dem wir auf bunt bemalten Elefanten hinaufgeritten sind. Und natürlich das Taj Mahal in Agra, das auf keiner Rajasthan-Reise fehlen darf. Besucher sitzen wie gebannt davor, eine ältere Dame hat Tränen in den Augen. Wie sehr muss der Großmogul seine Frau geliebt haben, der er 1631 diese Marmor-Grabstätte baute.

Am nächsten Morgen reißt mich der Wecker im kalten Morgengrauen aus dem Schlaf. Die Tigerjagd  ist kein Spaziergang. Ich kämpfe noch mit der Müdigkeit, als der Jeep über die Steinpisten holpert. Plötzlich eine Vollbremsung. Tiger in 300 Metern heißt es über den Funk. In Sekundenschnelle  bin ich hellwach. Wir rasen durch den Dschungel. Andere Jeeps preschen heran, drängen uns ab. Die Jagd auf den Tiger ist ein Wettbewerb zwischen den Rangern. Jeder will zuerst da sein.

Und da ist er, der König des Dschungels. Nur fünf Meter von unserem Auto entfernt setzt er behutsam seine Pfoten in den Sand. Das Fell glitzert golden. Ich möchte den Augenblick festhalten. Aber schon verschwindet das Tier hinter Bäumen. Wir haben einen Tiger gesehen. Ich denke an den Münchner, der 27 Mal Pech hatte. Jetzt kann unser Ranger die Geschichte von den Münchnern erzählen, die den Tiger schon auf ihrer ersten Safari gesehen haben, wenn auch erst im zweiten Anlauf.

Nina Bautz

DIE REISE-INFOS ZU RANTHAMBORE

REISEZIEL Der Ranthambore Nationalpark liegt im Bundesstaat Rajasthan in Nordindien. Der nächste Ort außerhalb des Parks ist Sawai Madhopur. Da die Safaris streng limitiert sind, sollten sich Besucher rechtzeitig über den Park oder das Hotel einen Platz reservieren. Bei einer Pauschalreise erledigt das der Veranstalter. Infos im Internet auch unter www.ranthamborenationalpark.com.

ANREISE Lufthansa fliegt einmal täglich von München nach Delhi (etwa 7,5 Stunden). Der Hin-und Rückflug ist ab 760 Euro inklusive aller Steuern und Gebühren buchbar. Von Delhi aus fahren Züge von zwei Stationen (New Delhi NDLS und H Nizamuddin NZM) aus nach Sawai Madhopur.

Wer mit dem Mietwagen reist sollte mindestens sechs Stunden für die Strecke von Delhi (374 Kilometer) und mindestens zwei Stunden für die Tour vom 130 Kilometer entfernten Jaipur einplanen.

REISEZEIT/KLIMA Die beste Zeit zur Tiger-Beobachtung ist die warme Trockenzeit (November bis Mai), in der das Gras kurz ist und die Bäume licht sind und die Tiere zu den Wasserlöchern kommen müssen. Achtung: In den Nächten kann es dann sehr kühl werden. Warme Kleidung für die Tierbeobachtung im Morgengrauen einpacken!

GESUNDHEIT Das Auswärtige Amt empfiehlt Impfungen gegen Hepatitis A und Typhus. In Rajasthan steigt die Zahl der Malaria-Erkrankungen – auch in den Städten. Deshalb ist ein guter Mückenschutz unerlässlich, die Mitnahme von Malaria-Notfallmedikamenten wie Malarone ist ratsam.

WOHNEN In Sawai Madhopur und entlang der Verbindungsstraße zum Nationalpark gibt es etliche Hotels in unterschiedlichen Preisklassen. Eine schöne Anlage im Safari-Stil mit Pool und Barbecue-Platz ist das Tiger Den Resort.

VERANSTALTER Thomas Cook bietet Indien-­Rundreisen nach dem Baustein-System an. Der dreitägige Aufenthalt im Ranthambore Nationalpark kann zu anderen Reisen ­dazu gebucht werden. Er kostet 310 Euro pro Person im DZ inklusive zwei Pirschfahrten in den Park. Ein weiterer Höhepunkt ist die ­Rückfahrt im Zug nach Bharatpur.

WEITERE INFOS zu Indien über das Indische Fremdenverkehrsamt in Frankfurt, Tel. 069/242 94 90, im Internet: www.india-tourism.de.

Zurück zur Übersicht: Reise

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser