Nantucket

Insel der Seligen

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Hafen von Nantucket

Was, um Himmels willen, gibt es für einen Grund, auf einer Insel zweieinhalb Fährstunden vor der Nordostküste Amerikas Urlaub zu machen? Autor Oliver Bendixen war da und wollte nie mehr weg.

Familienziel: Auf Nantucket macht New Yorks Society Urlaub.

„Hey Buddy! War ziemlich voll im Galley gestern Abend!“ Ich kenne Jay nicht – aber er kennt mich. Jay ist einer der beiden Besitzer der Cisco-Brauerei, die ich heute Nachmittag anschauen will. Jay steht hinter dem Tresen und zapft mir ein Pumpkin-Bier. Es heißt nicht nur Kürbis-Bier sondern schmeckt auch nach Kürbis und ist – freundlich gesagt – gewöhnungsbedürftig. Dafür keltert Cisco zwei ordentliche Weine (ich werde mir eine Flasche Chardonnay für den Sonnenuntergang mitnehmen), brennt einen milden Wodka und stellt einen beachtlichen Portwein her. Die Trauben dafür müssen freilich aus Oregon quer durch die USA auf die Insel Nantucket transportiert werden. Jay zeigt auf die kahle Stelle hinter der Destillerie, wo vor 15 Jahren ein Hurrikan Nantuckets Rebstöcke in den Atlantik fegte. Dann packt er mir den Chardonnay in den Fahrradkorb und deutet zum Horizont. Da hinten ist Madaket – einer der zehn Strände mit dem jeweils „garantiert schönsten Sonnenuntergang der Insel“.

Der Wind, der Nantuckets Weinproduktion beendete, kommt diesmal von vorne und macht bei milden 20 Grad am Abend aus einem Fünf-Kilometer-Trip eine schweißtreibende Angelegenheit. Am Ziel muß ich mich erst einmal setzen.

Wer den Norden liebt, der ist hier richtig. Gut 100 Meter breit zieht sich der Sandstrand die Küste entlang – kilometerweit und an diesem Abend „ziemlich überfüllt“, wie ein älterer Herr meint, der seinen Pickup an der Düne parkt und die Angeln auspackt. Blicke ich nach rechts, sehe ich eine Familie mit zwei Kindern, ein Liebespaar auf einer Decke und einen Jogger mit Hund. Links zeigen sich zwei Rentner in Bermudashorts, die nach Muscheln suchen und ein Hund ohne Jogger.

Sankaty Head: Leuchtturm am Golfplatz

Ein Freund hatte mich schon vorbereitet: Nantucket ist doppelt so schön wie Sylt und halb so voll.“ Leider aber auch mehr als doppelt so weit entfernt: acht Stunden Flug von München nach Boston, dann zwei Stunden mit dem Mietwagen nach Hyannis, wo John F. und Jackie Kennedy angeblich die glücklichsten Sommer ihres Lebens verbrachten. Die Erholung beginnt an Bord der Fähre. Und dann eben mit dem Rad eine Stunde gegen den Wind nach Madaket, vorbei an den schönsten Neuengland-Holzhäusern, die meisten unter Denkmalschutz. 800 Gebäude stammen noch aus der Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg vor 150 Jahren – wie das Stammhaus der Familie Macy, die Amerikas größte Kaufhauskette gründete . Mit „Waterview“ kosten die antiken, mit grauen Holzschindeln geschützten Häuser ab zwei Millionen Dollar aufwärts.

Von der Witwenstiege, einer kleinen Aussichtsplattform auf dem Dachfirst, hielten die Frauen der Walfangkapitäne früher Ausschau nach den einlaufenden Schiffen – täglich, manchmal jahrelang und manchmal vergebens. Auf dem Seefahrerfriedhof am Rande der kleinen Stadt gibt es viele Gräber, unter deren Stein kein Sarg bestattet wurde. Von Nantucket aus ließ der Schriftsteller Herman Melville Kapitän Ahab zur Jagd auf Moby Dick auslaufen.

Surfer am Sandstrand von  Nantucket.

Was mich beruhigt: Von der Terrasse einer Strandvilla sieht der wirklich beeindruckende Sonnenuntergang nicht anders aus als von meiner Wolldecke im Dünengras. Es sind große Familien mit vielen Freunden, die hier Ferien machen. Ein Golden Retriever und ein schwarzer Volvo-Kombi gehören hier, wo die feine Ostküste Sommerfrische macht, zur Grundausstattung. Das laute, manchmal grelle Amerika ist hier so weit weg wie die Sonne, die sich nun endgültig verabschiedet. Weil es warm genug ist, kann man am Strand einfach sitzenbleiben und reden und lauschen und schweigen. Und wenn es Sonntagabend ist, können wir warten, bis vom Nantucket International kurz vor Mitternacht noch drei oder vier Privatjets starten und über dem Meer abdrehen – südwärts Richtung New York. Sie werden landen, noch ehe ich mit dem Rad mein Ferienquartier am Hafen von Nantucket erreiche. Autos sind keine mehr auf den engen Inselstraßen unterwegs. Nur ein Reh, das mit elegantem Sprung über einen weiß gestrichenen Gartenzaun setzt.

Hauptstraße durch Nantucket.

Über das wilde Kopfsteinpflaster (angeblich Original 1850) geht es die Mainstreet hinunter in Richtung Wasser. Kein Neubau verschandelt die Straße, die sich Anfang Dezember in den angeblich romantischsten Weihnachtsmarkt Amerikas verwandelt. Alte Gaslaternen werfen ihr Licht auf die Schaufenster, hinter denen nicht wie in Nantuckets Blütezeit Trockenfisch und Schiffsnägel angeboten werden sondern Schweizer Uhren, maritime Pullover und Unmengen von Bildbänden über die Gärten Neuenglands. Petticoat-Row hieß der Straßenzug früher mit Spitznamen. Die Geschäfte wurden von den Frauen geführt, während ihre Männer zur See fuhren.

Sconset Cafe, Nantucket

Von der Petticoat-Row führt der Weg am Walfang-Museum vorbei zum Galley Beach Restaurant, wo mich Jay am ersten Abend unter den Gästen gesehen hat. Ganze 10.000 Menschen leben außerhalb der Saison auf der Insel und so fällt ein Fremder schon auf – vor allem wenn er kommt, nachdem die New Yorker und Bostonians die Insel gestürmt und die Fähren zugebucht haben. Ohne Reservierung kann es im Juli und August passieren, dass man einen oder zwei Tage warten muß, um das Eiland wieder verlassen zu können. Etwas Extrageld sollte man sich dafür einstecken. Nachdem die Inselbewohner ein McDonalds-Restaurant in den historischen Gebäuden des Städtchens bisher verhindert haben, ist, wer nicht selbst kochen mag, auf die durchweg gehobene Gastronomie angewiesen. Zwischen Buttermilch-Crepes mit Lobster und der Hühnerbrust mit Trüffeln konnte ich mich partout nicht entscheiden. Also den Hummer als Vorspeise und das Huhn als Hauptgang – geht doch.

Die Weinkarte im Galley ist genauso reichhaltig wie der Vorrat an Promimenten, deren Fotos die Wände bedecken. Wir sitzen in Korbsesseln und schauen über das Wasser auf die Lichterkette der Orte am Festland. Mit dem letzten Schluck prosten wir der Abendfähre zu, die die Insel in Richtung Hyannis verläßt – Gott sei Dank noch einmal ohne uns.

Oliver Bendixen

DIE REISE-INFOS ZU NANTUCKET

REISEZIEL Die Insel Nantucket liegt vor der US-Ostküste südlich von Boston und ist mit 292 Quadratkilometern etwa so groß wie das Stadtgebiet von München – bei weitem aber nicht so dicht besiedelt. Gerade 10.000 Menschen leben hier das ganze Jahr. Sind alle Ferienhäuser bewohnt und alle Gästezimmer ausgebucht, steigt die Zahl der Menschen auf der Insel aber schnell auf 50 000.

ANREISE Ab München mit der Lufthansa nach Boston (ab etwa 750 Euro) und dann mit dem Mietwagen zum Fährhafen nach Hyannis (zwei Stunden Fahrzeit). Überfahrt nach Nantucket mit einem der Schiffe der Steamship Authority (etwa 2,5 Stunden, Reservierung unter Tel. 001/508-778-2602. Kosten für einen Pkw mit zwei Passagieren hin und zurück etwa 350 US-Dollar). Alternativ: Flug ab Boston nach Nantucket mit US Airways, 250 Euro pro Person. Mehrere Leihwagenstationen am Airport. Das öffentliche Busnetz auf Nantucket ist dünn, aber wer kräftige Wadl hat, kann die Insel auch per Fahrrad erkunden.

BESTE REISEZEIT von Mai bis Ende Oktober, um den Indian Summer noch mitnehmen zu können. Im Juli und August bis 30 Grad. Ideal ist der Spätsommer mit kühlen Nächten und herrlich warmen Tagen.

REISETYP Für Individualisten, die den Norden lieben, aber in Schweden und Norwegen schon alles gesehen haben. Oder Europäer, denen Amerika eigentlich zu amerikanisch ist und die in den USA immer einen Rest Europa suchen. Oder Walfänger mit Fernglas statt Harpune.

WOHNTIPP Pisces at the Harborview: zwölf um einen Garten gruppierte Neu-England-Häuser, alle mit Blick auf den Hafen und die Bucht. Sie wohnen privat und genießen den Service eines kleinen Luxushotels. Direkt am Wasser und am Bootsverleih – und doch mitten in der Stadt mit ihrer kopfsteingepflasterten Mainstreet und den zahllosen Läden und Restaurants. Nicht billig – aber ihren Preis wert.

GASTRO Egal ob Sie fein dinieren oder ein Lunchpaket am Strand genießen: Die Fischer und Farmer von Nantucket liefern frisch aus dem Atlantik und von den Feldern an die Restaurants. Jakobsmuscheln und Fisch in allen Varianten gibt es an der Imbissbude genauso wie im Luxusschuppen direkt am Sandstrand. Unser Tipp: The Jetties, Bathing Beach Road, fünf Autominuten vom Stadtzentrum, Tischreservierung kann nicht schaden (Tel. 001/508-228-2279). Menü zwischen 20 und 35 Dollar und eine Auswahl europäischer und amerikanischer Weine zu moderaten Preisen. Abends coole Livemusik.

STRÄNDE Surfside am Morgen und Madaket am Abend. Surfside liegt vier Kilometer vom Zentrum entfernt und ist der Spaßbeach der Insel- mit Surfern, Kite-Sportlern und Strandspielen. Wer sich auf Sylt in die Nordsee traut, der hat auch hier als Schwimmer keine Probleme mit den Wassertemperaturen. Abends dann Ruhe am Strand von Madaket. Weiter westwärts geht es auf Nantucket nicht. Beim Heimweg in der Dunkelheit auf Rehe achten. Gilt auch für Radler!

AKTIV Radfahren und Fischen und in einem Buch über Extremsportarten lesen, die es hier allesamt gottlob nicht gibt. Und wenn Sie sich aus Ihrem hölzernen Liegestuhl erheben sollten, joggen Sie den Strand entlang, atmen Sie tief die frische Atlantikluft ein und legen Sie alle 15 Minuten eine Pause zum Ratschen ein, wenn Ihnen der der nächste Strandläufer begegnet.

WEITERE INFOS über das Massachusetts Office of Travel& Tourism, c/o Buss Consulting in Starnberg, Tel. 08151/739787, www.massvacation.de. E-Mail: massachusetts@bussconsulting.de.

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