Mit beiden Füßen im Matsch

+
Auf dem Weg ins Watt - vom Deich in Lüttmoorsiel geht es in rund fünf Stunden zur Hallig Nordstrandischmoor.

Nordstrandischmoor ist eine kleine Hallig im nordfriesischen Wattenmeer. Die meisten Besucher kommen zu Fuß. Der Weg geht durch Priele voller Muschelschalen - und auch durch knöcheltiefen Matsch.

Wattwandern ist seine Leidenschaft: Lorenz-Thomas Feddersen steht am Deich von Lüttmoorsiel westlich von Bredstedt, um sich herum ein Dutzend Urlauber. Ein Ehepaar aus Chemnitz ist darunter, ebenso eine Familie aus dem Rheinland. Wattenmeer gibt es bei ihnen zu Hause nicht. Und weil Feddersen das weiß, erklärt er vor dem Start seiner Tour noch einiges über das Watt an der deutschen Küste, das seit Sommer 2009 zum Weltnaturerbe zählt.

Die Küste vor Nordfriesland kennt der 76-jährige Ex-Landwirt, der seit drei Jahrzehnten Wattführer ist, wie seine Westentasche. In den Händen hält er einen Rucksack und eine Grabegabel. Noch trägt er Sandalen. Im Sommer läuft es sich auf dem Wattboden bei Ebbe aber am besten ohne Schuhe: “Es kann mal Stellen geben, an denen viele Muscheln liegen, da muss man aufpassen, dass man sich nicht schneidet.“ Aber sonst haben die nackten Füße in der Regel viel Spaß.

Beim Überqueren des Deiches fällt der Blick auf die Wattflächen, auf denen noch Wasser glitzert. Am Horizont sind die Hausdächer der Hallig Nordstrandischmoor zu erkennen. “Manche denken, dass sind ja vier Halligen, aber es sind nur vier Warften“, erklärt Feddersen. Warften sind aufgeschüttete Hügel, auf denen die Häuser etwas erhöht gebaut wurden, damit die Flut nicht so leicht ins Wohnzimmer spült. Nordstrandischmoor ist auch für Halligverhältnisse klein, gut 20 Menschen leben dort. Ein Damm mit Gleisen führt vom Festland hinüber. Er ist gut 3,5 Kilometer lang und führt schnurstracks auf die Hallig zu. Die Wattwanderer wählen jedoch eine längere Strecke. Nur das Spritzen von Wasser ist zu hören, wenn sie in kleine Pfützen treten, und das Schmatzen des Matsches, wenn der Fuß ein Stück im Untergrund versunken ist und wieder herausgezogen wird. Manchmal ist der Schlick tief. “Hoppala“, sagt eine Wattläuferin überrascht, als sie plötzlich bis über die Knöchel im Matsch versinkt. Aber der Schreck ist größer als die Gefahr. “Solange der Kopf noch rausguckt, geht's“, sagt Feddersen. “Und ertrunken ist hier beim Wattwandern noch niemand.“

Der Wattführer zeigt mit der Grabegabel auf den Boden: “Der ist unheimlich reich an Leben. Das gibt es sonst nur noch in den Tropen.“ Abertausende meist winzige Organismen leben in jedem Kubikmeter. “Die kleinen schwarzen Punkte hier, das sind Schnecken. Und das da ist ein Dwarslöper, ein kleiner Taschenkrebs.“ Dwarslöper ist Plattdeutsch und heißt Querläufer, weil sich der Krebs seitwärts bewegt.

Die Zeit verfliegt, schon ist Nordstrandischmoor erreicht. Alle Häuser stehen auf einer Warft. Gerade ist Schulschluss, drei Kinder kommen aus dem Haus und steigen auf ihre Fahrräder. Erk Lorenzen ist der Lehrer der Grund- und Hauptschule und unterrichtet alle Fächer. Die Schule sei außerdem die Kirche und die Lehrerwohnung, erzählt er. Dass die Hallig von Wasser überspült wird, das passiert jedes Jahr etliche Male. “Wir haben alle Internet hier“, erzählt der Lehrer. “Das Bundesamt für Hydrographie ist bei mir als Favorit gespeichert. Bei mehr als 75 Zentimeter über Normalnull werden die Schafe an die Warft getrieben.“ Landunter macht Lorenzen keine Angst: “Ich bin dann im Haus, gucke aus dem Fenster und bin von Wasser umzingelt.“ Auf einer Warft steht der “Hallig-Kroog“. Gastwirt August Glienke arbeitet auch im Küstenschutz und holt die Post vom Festland. Im “Kroog“ zählt er jedes Jahr rund 20 000 Besucher - Wattwanderer und Gäste, die mit dem Ausflugsschiff kommen. “Manche laufen auch hin und fahren mit dem Schiff zurück.“ Davon hält Lorenz-Thomas Feddersen aber wenig: Er hat schon wieder zur Grabegabel gegriffen und trommelt seine Gruppe zusammen für den Weg zurück durchs Watt zum Festland.

Andreas Heimann, dpa

Zurück zur Übersicht: Reise

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser