Im Zeichen des Eisbären

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Spitzbergen im Nordpolarmeer ist mittlerweile ein beliebtes Reiseziel. Autorin Barbara Nazarewska war mit dem schwedischen Eisbrecher „MS Origo“ im hohen Norden auf den Spuren der Eisbären unterwegs.

Beim Mittagessen witzeln sie noch, die 23 Passagiere der MS Origo: „Ob wir dich jemals in Echt zu sehen bekommen?“, fragen sie und tätscheln einem Plüsch-Eisbären den Kopf. Eine halbe Stunde später scherzt niemand mehr. „Schwimmwesten anziehen und schnell in die Zodiacs!“ ruft einCrew-Mitglied. Die beiden schwarzen Schlauchboote werden zu Wasser gelassen, die Reisenden steigen über eine Stahltreppe hinab. „Was ist los?“, will eine ältere Dame wissen. „Eisbären!“, antwortet ein Mann und seine Stimme überschlägt sich fast: „Da vorne, in der Bucht!“ Es ist der vorletzte Tag der Eisbären- Expedition auf Spitzbergen, jener arktischen Inselgruppe, die nur etwa 1300 Kilometer vom Nordpol entfernt ist.

Spitzbergen, also Svalbard (was übersetzt so viel heißt wie „kalte Wüste“), ist eine Gegend, in der Einsamkeit und Kälte herrschen, in der es viele Monate nur dunkel bleibt. Außer im arktischen Sommer, zwischen Juni und August, da geht die Sonne 24 Stunden lang nicht unter. Die Temperaturen liegen trotzdem kaum über fünf Grad plus. Die meisten der rund 3000 Einwohner sind auf Zeit hier: Forscher, die am Rückgang der Gletscher ablesen, wie die Klimaveränderung voranschreitet, oder Arbeiter, die gutes Geld in den Kohle-Bergwerken verdienen. Sie alle tragen stets ein Gewehr bei sich.

Die Eisbären, heißt es, lauern überall – und so nett sie aussehen, es sind gefährliche Tiere: zwei bis drei Meter groß, bis zu einer halben Tonne schwer, und schon mal mit 70 Stundenkilometern unterwegs. Die Passagiere der Origo haben in den vergangenen Tagen viel gesehen auf ihrer Spitzbergen-Kreuzfahrt: riesige Gletscher, unberührte Küsten, kahle Polarwüsten, die an Aufnahmen vom Mond erinnern. Robben auf Treibeis, eine Walross-Kolonie auf einer kleinen Insel, Buckel- und Finnwale – und sogar einen Blauwal, den größten Säuger der Welt. Aber die Eisbären, die fehlten noch. Kapitän Per steht auf der Brücke, er blickt durch sein Fernglas. Vor wenigen Minuten hat er einen toten Wal entdeckt, die Strömung hat den Kadaver in einen Fjord geschwemmt. Eisbären lieben Fisch – und sie riechen ihre Beute kilometerweit. „Ihr müsst los“, sagt Per auf Englisch zu den Gästen. „Die Eisbären warten.“

Seit1998 ist Per auf dem Expeditions- Schiff unterwegs, davor war er Kapitän auf Frachtern. Die Durchquerung der Arktisgewässer ist für ihn eine tägliche Herausforderung: „Das Wetter ändert sich hier innerhalb von Minuten – gerade noch Sonne, plötzlich Sturm.“ Heute bleibt es sonnig, kaum Wellengang. Die beiden Schlauchboote kreisen inzwischen um den toten Fisch. Er ist riesig, höchstwahrscheinlich ein Finnwal, sagt Rolf Stange, der Expeditionsleiter.

ES IST STILL - WIR HÖREN LEDIGLICH DAS KRATZEN DER BÄRENKRALLEN

Seit zwölf Jahren ist Stange auf der Inselgruppe unterwegs, anfangs als Trekking-Führer, heute auf Schiffen. Die Welt in Spitzbergen, sagt er, sei klein. „Aber ich wollte immer dahin kommen, wo man nur mit einem Schiff hinkommt.“ Und wo noch viele Flecken nicht vermessen sind. „Es ist unberührtes Land. Man bekommt ein Gefühl von Weite.“ Nun also sitzt Stange mit den Touristen von der MS Origo in einem Schlauchboot – und wartet auf Eisbären. Der Geruch von faulem Fisch liegt in der Luft. Unzählige Möwen haben sich auf dem toten Wal versammelt, picken Stücke Fleisch heraus, kreischen, flattern auf und ab. Das Meer glitzert in der Sonne. Es wirkt alles sehr friedlich. Aber: Wo sind die Eisbären? „Da oben, da liegt einer!“, ruft eine Frau und deutet auf einen Berg, der zum Teil mit Schnee bedeckt ist. „Pssst!“, zischt ein anderer Passagier. „Wenn wir so laut sind, trauen sie sich nicht näher ran.“

Stange und der zweite Tour-Führer Dierk Ronneberger haben inzwischen die Motoren ausgemacht, die Schlauchbootetreiben geräuschlos auf dem Wasser, das so klar ist, dass man bis auf den Grund sieht. Wäre nicht die Kälte – knapp über null Grad – man könnte meinen, man sei in der Karibik. Die Menschen flüstern, ihre Blicke hängen am Berg. Der Eisbär schläft immer noch. Plötzlich taucht ein zweiter Eisbär auf. Langsam bewegt er sich auf den Strand zu, bleibt kurz stehen, schaut nach links und rechts. Dann geht er ins Wasser, schwimmt wenige Meter und steigt schließlich auf den Wal. Die Möwen kreischen und flattern davon.

Auf einmal ist es so still, dass man das Kratzen der Bärenkrallen auf dem toten Fleisch hört – und das Klicken der Kameras. Der Bär lässt sich von nichts ablenken. „Wahnsinn!“, flüstern die Passagiere. Nur zehn Meter entfernt beobachten sie das Naturschauspiel.

Kein Handy-Empfang, keine Nachrichten aus der Heimat, nur ein Funktelefon für den Notfall

Stunden später, am Abend, ist die Stimmung ausgelassen. „Ein toller Abschluss“, schwärmen die Passagiere. Nach nur wenigen Tagen ist die Gruppe zusammengewachsen – Menschen, die sich nicht kannten, sitzen jetzt gemeinsam am Tisch, reden, lachen, trinken Wein. Sie kommen aus Deuschland, Österreich und der Schweiz. Die meisten sind schon im Rentenalter, aber es sind auch Jüngere an Bord: ein Pärchen, das gerade auf Hochzeitsreise ist, eine dreiköpfige Familie. Gemeinsam haben sie alle eines: eine gewisse Abneigung gegen „typische Strandurlaube“ und das Bedürfnis, „wenigstens einmal die Gletscher gesehen haben, bevor sie wegschmelzen“. Sie genießen die familiäre Atmosphäre auf dem kleinen Schiff – und auch dieses Abgeschottet-Sein von der Außenwelt: kein Handy-Empfang, keine Nachrichten aus der Heimat, nur ein Funktelefon für den Notfall. Beim Essen gibt es keine feste Sitzordnung, man kommt mit jedem ins Gespräch, auch mit der Crew.

Vorsicht vor den Eisbären

„Die Brücke ist offen“, sagt Kapitän Per. „Kommt hoch!“ Das gilt genauso für den Maschinenraum und für die zwei mal zwei Meter große Küche, in der Koch Ulf jeden Tag ein Menü zaubert. Mal gibt es Gulaschsuppe, mal Fisch, mal Fleisch. Wie Ulf das hinbekommt? Er lacht. „Mein Geheimnis.“

Unser Schiff: Über die winzigen Räume mit den Stockbetten, über Toiletten und Duschen im Gang regt sich nach einem ersten kurzen Schock bei der Ankunft heute niemand mehr auf. Am letzten Tag legt die Origo in einer verlassenen Stadt an. Einst wurde hier Kohle abgebaut, das Geschäft lohnte sich nicht mehr. Am Abend organisiert die Crew ein kleines Grillfest auf dem Pier. Es gibt Würstchen, Bier – und gute Gespräche. Jeder Passagier bekommt eine Urkunde als Beweis, dass man den 80. Breitengrad überquert hat. Und dann geht es zurück nach Longyearbyen, in die Hauptstadt. Vor wenigen Tagen hatte in diesem Hafen die Reise begonnen. „Irgendwie war das zu kurz“, sagt die ältere Dame mit dem Schweizer Akzent wehmütig. Die anderen nicken. Dann nehmen sie ihre Koffer und gehen von Bord. Draußen wartet ein Bus – er bringt sie jetzt zum Flughafen.

REISE-INFOS

REISEZIEL Svalbard ist eine von Norwegen verwaltete Inselgruppe im Nordatlantik und dem Arktischen Ozean nördlich des Polarkreises. Im deutschen Sprachgebrauch wird die gesamte Inselgruppe nach der Hauptinsel Spitzbergen benannt. In Svalbard leben nur rund 3000 Menschen, davon 1800 in der Hauptstadt Longyearbyen.

ANREISE Flug ab München über Oslo nach Longyearbyen, z.B. mit der skandinavischen Airline SAS. Preis: rund 750 Euro. Buchung direkt oder über den Kreuzfahrt-Veranstalter.

BESTE REISEZEIT Juni bis Ende August, maximal bis Mitte September. Dann ist in Spitzbergen arktischer Sommer und es ist 24 Stunden lang hell. Die Temperatur erreicht um diese Zeit mit knapp zehn Grad ihren Höchststand.

EXPEDITIONEN Für 2010 kann man beim Veranstalter Polar-Kreuzfahrten zwei reisen buchen: „Spannendes Südspitzbergen“ (10. bis 21. Juni) sowie eine Spezialreise für Fotografen und Tierfilmer (26. August bis 6. September), die von Fotograf Norbert rosing, der für National Geographic arbeitet, begleitet wird.

DAS SCHIFF Beide Kreuzfahrten finden mit der MS Stockholm statt, dem Schwesterschiff der MS Origo. Auch die Stockholm ist ein kleines Expeditionsschiff, das ursprünglich im Jahr 1953 als eisverstärktes Mehrzweckschiff für die schwedische regierung gebaut wurde. Nur zwölf Passagiere haben hier Platz – es herrscht eine familiäre Atmosphäre an Bord. Zu den Höhepunkten einer Expeditionskreuzfahrt gehören die Ausflüge mit den robusten Schlauchbooten. Mit diesen „Zodiacs“ erreicht man selbst die entlegensten Winkel in der Arktis.

KOSTEN Pro Person in einer Zweibett- Außenkabine mit Dusche und WC zahlt man für die elftägige Kreuzfahrt 7970 Euro inklusive Vollverpflegung, Tischgetränke und Landausflügen.

AUSRÜSTUNG Gummistiefel sollten im Gepäck dabei sein, denn die meisten „Anlandungen“ erfolgen in knöcheltiefem Wasser. Ansonsten warm anziehen, es ist trotz Sommer kalt in der Arktis. Am besten Thermounterwäsche, Fleecejacken und Skihosen, Mütze und Schal. Sonnenbrille und Sonnencreme nicht vergessen, die Sonne ist genauso stark wie beim Skifahren.

WELCHER REISETYP Polarkreuzfahrten sind nichts für Warmduscher und vor allem für Menschen geeignet, die die Einsamkeit und die unberührte Natur suchen. Man brauche zwar keine übermäßige körperliche Fitness, aber man sollte sich ohne Hilfe fortbewegen können, heißt es beim Reiseveranstalter.

INFOS/BUCHUNG bei Polar- Kreuzfahrten in Neustadt, Telefon 05036/98 82 10, im Internet: www.polarkreuzfahrten. de.

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