Hier werfen Maulwurfshügel Schatten

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Rheinfrachter schleichen über den Fluss.

Flache Steine über das Wasser hüpfen lassen und danach einen Streuselkuchen schlemmen. Der Niederrhein ist ein Ort zum Nachdenken. Vor allem im Herbst, wenn die Landschaft so sehr spröde ist.

Man darf nicht labil sein oder zu Depressionen neigen, wenn man im Herbst den Niederrhein bereist. Grenzenloses Flachland mit Pappelalleen, geduckte Kirchtürme und eingesprenkelte Gehölze, oft auch der Schleier eines Regengusses - das sind die vorherrschenden Eindrücke. Hier ist das Land so flach, dass, wie der Niederrheiner sagt, jeder Maulwurfshügel Schatten wirft.

Wer sich aber auf die spröde Landschaft einlässt, der kann zwischen Trauerweiden und Rheindeichen Selbsterfahrung zum Nulltarif haben. Es kann wohltuend sein, einmal einen Landstrich zu erkunden, der sich nicht anpreist.

Rheinfrachter schleichen über den Fluss

 “Der Niederrhein macht einem nix vor“, hat der Niederrheiner schlechthin, der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch (1925- 2005), gesagt. “Da gibbet keine kalkulierte Romantik.“

Das Größte, Beste, Schönste, Höchste wird man in dieser Ebene nicht finden. Dafür Ruhe und viel Zeit zum Nachdenken. Es ist ein Ort, “der sich zum Schreiben langer Briefe eignet“, wie es ein französischer Fürst auf der Durchreise im 18. Jahrhundert treffend formulierte.

Man kann kommen, wann man will, immer schleichen die Rheinfrachter über den Fluss. Generationen von Ruhrgebietskindern haben am Niederrhein ihre Sonntagnachmittage verbracht. An den leicht zugänglichen Ufern finden sich schöne flache Steine, die man perfekt über das Wasser hüpfen lassen kann. Sie liegen in der Hand, als wären sie eigens dafür gemacht. Anschließend ein heißer Kakao mit Streuselkuchen im Wintergarten der “Wacht am Rhein“, ein entschieden altmodisches Ausflugslokal auf dem Rheindamm in Büderich bei Wesel. An den Wänden Kopien altholländischer Meister, in der Ecke ein Gummibaum - alles sieht noch so aus wie vor 30 Jahren.

Schafherde bei Schenkenschanz - Ende des 16. Jahrhunderts zählte der kleine Ort bei Kleve zu den stärksten Festungen Europas.

Die wenigen Gäste blicken gedankenverloren auf den trägen Strom. Keiner, der hier schnell noch seine Mails checken muss oder gar auf dem Handy telefoniert. Die umgepflügten Äcker liegen da, als wären sie für immer verlassen. In den kahlen Alleen bedeckt ein nassbrauner Blätterteppich den Weg. Und die nach dem Krieg meist hastig wieder aufgebauten Städte wirken teilweise so deprimierend, dass man sie nach einem bösen Wort des Niederrheiners Joseph Beuys noch mal abreißen und neubauen müsste. Aber dann findet man gerade dort Perlen, wo man es vielleicht am wenigsten erwartet hätte.

In Kalkar zum Beispiel. Der nie in Betrieb genommene “Schnelle Brüter“ hat den Ruf des kleinen Ortes ruiniert, dabei ist Kalkar ein niederrheinisches Rothenburg. Unvergleichlich der Hochaltar der St. Nicolai-Kirche mit seinen mehr als 200 geschnitzten Figuren, monumental das strenge mittelalterliche Rathaus aus Backstein. Aber es ist noch gar nicht so lange her, da fragten Besucher im Schreibwarenladen am Marktplatz nach Postkarten mit Brüter-Motiv.

Am 10. November muss man in Kempen sein. Nach Einbruch der Dunkelheit künden dumpfe Trommelschläge die Ankunft des Heiligen Martins an. Es sind nicht die Kempener selbst, sondern die Besucher von außerhalb, die sagen, einen so schönen Martinszug gebe es kein zweites Mal in Deutschland. Durch die Gassen der Fachwerkhäuser windet sich der endlos erscheinende Laternenzug der Kinder. Dazu Feuerwerk auf der Burg und ein prasselndes Martinsfeuer. Wer einmal da war, kommt wieder.

Kleve zählte zu den stärksten Festungen Europas

Auf den ersten Blick sieht man es nicht, aber am Niederrhein haben viele Völker und Kulturen ihre Spuren hinterlassen. Die Colonia Ulpia Traiana - seit dem Mittelalter Xanten - war im 2. Jahrhundert eine der größten Römerstädte nördlich der Alpen. Später wurde sie von den germanischen Barbaren als Steinbruch benutzt. Heute sind im Archäologischen Park unter anderem das Amphitheater, der Tempel und die Stadtmauer rekonstruiert. Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Niederrhein zum Aufmarschgebiet im Achtzigjährigen Krieg der nach Unabhängigkeit strebenden Niederländer gegen das spanische Weltreich. Das brachte nicht nur Spanier und Holländer in die Gegend, sondern auch Söldner aus Wallonien, Frankreich und vielen Teilen Deutschlands. Rheinberg, Moers, Wesel und vor allem das in einer Gabelung von Rhein und Altrhein gelegene Schenkenschanz bei Kleve zählten zu den stärksten Festungen Europas.

Der spanische Regierungschef Olivarez gab die Parole aus, es sei wichtiger, Schenkenschanz zu halten als Paris zu erobern. Die Befestigungen sind verschwunden, aber noch heute ist es nicht ganz leicht, Schenkenschanz zu erreichen. Im Frühjahr ist der Ort oft vom Hochwasser eingeschlossen. Im Herbst und Winter werden die Wiesen von zahllosen Graugänsen bevölkert. Eine kleine Fähre stellt die Verbindung zur Außenwelt sicher. “Im Winter ist hier tote Hose, aber die Fähre fährt trotzdem“, sagt der 60 Jahre alte Fährmann Wolfgang, der wie ein echter Seemann eine Tätowierung am Unterarm hat.

Im Amsterdamer Rijksmuseum hängt ein Gemälde von der Belagerung von Schenkenschanz im Jahre 1636: Im Hintergrund sieht man dort den massigen Turm der St. Vitus-Kirche auf dem Eltenberg, einer der wenigen Erhebungen am Niederrhein.

“Sach jetz ma nix.“

Von einem Aussichtspunkt am Fuß des Turms bietet sich ein Panoramablick bis zur Schwanenburg von Kleve, um die sich die Legende von Lohengrin auf dem Schwan rankt. An einem verhangenen Novembertag kann man die Burg auf der Klippe, die Kleve ihren Namen gegeben hat, gerade mal erahnen. Aber an einem goldenen Späthersttag wirkt die Silhouette geradezu märchenhaft. Solche Bilderbuchmomente sind selten am Niederrhein, und darum genießt man sie vielleicht intensiver. Hanns Dieter Hüsch hätte gesagt: “Sach jetz ma nix.“

INFO‘S ZUM NIEDERREIHN 

REISETYP: Nicht labil sein oder zu Depressionen neigen, wenn man im Herbst den Niederrhein bereist

REISE-TIPP: Kalkar, Hochaltar der St. Nicolai-Kirche mit seinen mehr als 200 geschnitzten Figuren Kalkar: www.kalkar.de;
St. Martinszug Kempen: www.sankt-martin-in-kempen.de; Archäologischer Park Xanten: www.apx.de)

MEHR INFO: Niederrhein Tourismus, Willy-Brandt-Ring 13, 41747 Viersen (Tel.: 02162/81 79 03).  

dpa

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