Aschau im Chiemgau: Kuhherde von Wolf gejagt? Fotos aufgetaucht

Kühe durchbrechen Elektro-Zaun und fliehen panisch - Bäuerin: „Situation für alle extrem belastend“

Monika Pfaffinger mit Kühen auf der Weide
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Monika Pfaffinger mit ihrer Mutterkuhherde in Sachrang. Die Kühe flohen in Panik kilometerweit.

Aschau i. Chiemgau - Dramatische Tage in Aschau im Chiemgau: Am Mittwoch, den 7. Oktober, durchbricht eine Kuhherde in blanker Panik gleich zweimal einen Elektrozaun und sucht das Weite. Nur wenige Tage später wird ein wolfsähnliches Tier im Ort gesichtet. Nun herrscht Verunsicherung.

Es ist Mitternacht, als das Telefon bei Monika und Peter Pfaffinger vom Simmerl-Bergbauernhof in Aschau im Chiemgau läutet. Schon nach wenigen Augenblicken ist klar: An Schlaf ist in den kommenden Stunden nicht mehr zu denken. Ganz im Gegenteil. Flink werden Schuhe und Jacken angezogen, dann geht es eilends ins Freie. Es herrscht Alarmstimmung - die Kuhherde der Familie Pfaffinger hat die Elektrozäune durchbrochen und befindet sich auf der Flucht.

Herde auf panischer Flucht

Die Situation ist brandgefährlich. Nach dem Almabtrieb befindet sich die Herde auf Weideflächen des ehemaligen Linnerhofs in Sachrang - eigentlich. Nun steht sie zirka sieben Kilometer entfernt in Außerwald. Unweit davon verläuft die St2093. Nicht auszudenken was passiert, wenn sich die Kühe bei rabenschwarzer Nacht auf der Straße befinden. Beim Eintreffen am Ort des Geschehens trifft Monika Pfaffinger die ersten Kühe an, wie sie rosenheim24.de erzählt. „Vollkommen panisch“ seien die Tiere gewesen. Auch die Polizei wurde alarmiert. Eine Streife sichert die Fahrbahn ab, und hilft, so gut es nur eben geht, beim Wiedereinfangen der Tiere. Allen ist klar: Jetzt muss es schnell gehen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Die Familie und Helfer suchen die Umgebung ab. Die Tiere, die sie einfangen, befinden sich in kompletter Panik. Es wird offensichtlich - die Herde ist nicht einfach nur ausgebrochen. Sie wurde offenbar von irgendetwas gejagt.

Im Gespräch mit rosenheim24.de lässt Monika Pfaffinger die Stunden revue passieren. Auf Futtersuche sei die Herde bestimmt nicht gewesen - denn dann hätte sie sich einfach nur auf die nächstbeste Weide begeben. Ohnedies drängt sich die Frage auf: Wie konnte die Herde den Stark-Weidezaun durchbrechen? Gab es ein technisches Versagen? Es wird geprüft. Doch mit dem Weidezaungerät ist alles in Ordnung. Trotz der Stromschläge durchbrach die Herde den Zaun - vermutlich in Todesangst.

Erneut durchbricht die Kuhherde die Elektrozäune

Es gelingt, sämtliche Tiere einzufangen und wieder auf die Weide zu bringen. Doch um 7 Uhr in der Früh läutet erneut das Telefon. Das schier Undenkbare ist eingetreten: Die Herde ist wieder ausgebrochen, wie Gemeindearbeiter der Familie mitteilen. Erneut muss sie eingefangen werden. Diesmal ist sie in Richtung Geigelstein unterwegs. Die Tiere reagieren nicht auf Rufe, viele befinden sich im Sprint in Richtung Berg. Abermals gelingt es glücklicherweise, alle Tiere unverletzt einzufangen. Doch sie sind mit ihren Kräften am Ende. Die nächsten zwei Tage werden sie im Stall verbringen.

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Was versetzte die Tiere derart in Panik?

Man merkt der Landwirtin an, wie sehr sie die Ereignisse der letzten Tage bewegen. An Ähnliches könne sie sich nicht erinnern. Die Altbäuerin weiß ebenfalls von keinem vergleichbaren Vorfall zu berichten. Es beginnt die Ursachensuche. „Menschen“, so Pfaffinger, „würden eine Herde nie so in Panik versetzen“. Streunende Hunde werden in Betracht gezogen. Doch niemand in Aschau weiß von solchen zu berichten.

Autofahrer macht Beobachtung

Eine Beobachtung am vergangenen Sonntag könnte etwas Licht ins Dunkel bringen: Ein Autofahrer hat in Sachrang Bilder eines Tieres geschossen, welches am helllichten Tag direkt neben der Straße auf einer Weide steht. Die Fotos liegen auch rosenheim24.de vor. Die Ähnlichkeit zu einem Wolf ist frappant. Das Tier scheint wenig Scheu zu zeigen. Dies deckt sich mit Beobachtungen der Vergangenheit. Denn auch wenn Experten immer wieder betonen, dass der Wolf eine naturgegebene Scheu vor dem Menschen habe, so scheinen Exemplare vergangener Sichtungen diese nicht zu zeigen.

Das LfU (Bayerisches Landesamt für Umwelt) geht mit großer Wahrscheinlichkeit davon aus, dass es sich bei dem Exemplar „um den Wolf handelt, der seit Ende Juni in dem Grenzgebiet Traunstein, Rosenheim, Österreich nachgewiesen wird.“ Bauern und Verbände in der Umgebung wurden bereits informiert.

Es herrscht Verunsicherung

In Aschau herrscht nun Verunsicherung. „Es gibt Frauen, die sich bereits nicht mehr hinaustrauen“, weiß Pfaffinger zu berichten. Auch für die Landwirte stellen sich drängende Fragen. Etwa, ob sich das Betreiben einer Landwirtschaft unter diesen Bedingungen noch auszahle. Viele wollen unter den gegebenen Umständen ihre Tiere nicht mehr auf die Weide lassen. Heißt: Es muss mit der Winterfütterung begonnen werden, was wiederum extreme Mehrkosten bedeutet. Und das von Experten vorgeschlagene Aufstellen von wolfssicheren Zäunen gehe ebenso einher mit finanziellen Mehrbelastungen. „Bislang hieß es ja, der Wolf sei nur auf den Almen anzutreffen“, so Pfaffinger. Doch nun sei er im Tal. Und hier alles wolfssicher abzuzäunen sei ein Ding der Undenkbarkeit. Zumal die Wolfszäune sehr wartungsintensiv seien.

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„Für alle extrem belastend“

Auch treiben Pfaffinger Gedanken um die junge Generation um - schließlich gehe es darum, welche Zukunftsperspektiven die Landwirtschaft in der Region unter diesen Umständen noch bieten könne. Von der Politik wünscht sie sich mehr Unterstützung. „Wir brauchen in dieser Frage einen verlässlichen Ansprechpartner“, sagt Pfaffinger fast schon resignierend. „Es wurde schließlich viel öffentliches Geld investiert“. Geld etwa, das in das Sachranger Bergbauernprojekt floss - hier geht es unter anderem um den Erhalt alter Nutztierrassen. All das scheint nun in Frage gestellt.

Es geht also um Grundsätzliches. Auch die Familie Pfaffinger überlegt, wie - und überhaupt ob - es weitergehen kann. „Die Situation“, so Monika Pfaffinger abschließend, „ist für alle extrem belastend“.

-dp-

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