Viele Hundehalter überfordert

Haustierboom in Corona-Pandemie: Tierschützer kritisieren Entwicklung

Illegale Welpentransporte nehmen deutschlandweit zu. Auch dies ist eine Folge der Corona-Pandemie.
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Illegale Welpentransporte nehmen deutschlandweit zu. Auch dies ist eine Folge der Corona-Pandemie.

Haustiere sorgen in Corona-Zeiten für Gesellschaft. Viele Menschen haben nun mehr Zeit und legen sich deswegen einen Hund oder eine Katze zu. Tierschützer mahnen jedoch vor dieser Entwicklung und befürchten, dass viele Vierbeiner im Tierheim landen, wenn die Zeiten von Home-Office vorbei sind.

Frasdorf/Rosenheim– Lockdown: Das heißt keine Gastronomie und Geschäfte, dafür aber Kontaktbeschränkungen. Viele Menschen fühlen sich da einsam. Was stets erlaubt bleibt, ist Bewegung an der frischen Luft. In Gesellschaft macht es mehr Spaß, sodass bei der Gassirunde auffällig mehr junge Hunde auf einen zustürmen. Am anderen Ende der gespannten Leine hängt oft Frauchen oder Herrchen, die ein gehetztes: „Wir müssen noch viel lernen“ herausbringen.

Der Tierschutzverein Rosenheim sowie die Frasdorfer Tierarztpraxis Dr. Weiß und Hundetrainerin Rosi Gartner beobachten diese Entwicklung mit Argwohn. Denn auch Hundeschulen dürfen trotz eventueller Überforderung der Halter nicht arbeiten.

Ansturm auf Tierarztpraxis

Durch Home-Office oder gar lange Kurzarbeit haben viele mehr Zeit. Und kommen auf den Hund. Das spürt auch Tierärztin Dr. Elke Sommerer von der Praxis Andreas Weiß aus Frasdorf. „Schon im ersten Lockdown haben uns die Leute die Türen eingerannt“, erinnert sie sich. Viele Leute hätten sich in dieser Zeit Haustiere zugelegt.

Nicht nur Hunde, auch Katzen. „Einige Leute sagen, sie hätten schon länger mit dem Gedanken gespielt. Aber es wird auch viele geben, die nicht weitergedacht haben, was nach Corona kommt“, so die Tierärztin.

Auf die passende Hunderasse achten

Ebenfalls auffällig sei, dass viele Tierhalter mit mehr Kleinigkeiten in die Praxis kämen, wie beispielsweise einer Fellverfilzung, einer abgebrochenen Kralle oder wenn sich der Stubentiger einmal übergeben hat. „Man merkt, die Menschen haben mehr Zeit und sind aufmerksamer.“

Aber viele Tierhalter seien auch überfordert – vor allem bei Erziehungsfragen von Welpen. „Auffällig ist, dass sich viele Leute keine Gedanken darüber machen, welche Rasse zu ihnen passen könnte“, erklärt die Veterinärin. So passt ein Hütehund nicht unbedingt zu einer Familie mit kleinen Kindern.

Auch keine Einzelstunden beim Hundetrainer erlaubt

Problematisch wird es dann, wenn der Hund nicht sozialisiert wird oder wenn er gar zubeißt, weiß Hundetrainerin Rosi Gartner. Ihre Hundeschule „Rosis bunte Pfoten“ musste sie von Dezember bis Mitte März schließen. Zwei Wochen hätte sie arbeiten können, bevor die Inzidenz wieder auf über 100 anstieg und sie wieder zusperren musste.

„Ich finde das unverständlich“, sagt sie. Denn der Hundeplatz sei 2000 Quadratmeter groß – und im Freien. Auch Einzelstunde dürfe sie nicht geben. Immer mehr Leute legten sich Hunde zu, stünden dann aber in der Pandemie ohne Unterstützung da.

Welpenmarkt in Deutschland leer gefegt

„Als ein Klient anrief, und berichtete, sein Hund hätte das Kind gebissen, schrieb ich Landratsamt und Politik an. Aussichtslos“, berichtet Gartner. Sie ist der Meinung: „Das Thema wird uns noch einholen.“ Denn die Sozialisierung bei Welpen sei zwischen der 16. und 20. Woche vorzunehmen. „Was der Hund da nicht lernt, ist kaum einzuholen.“

Ebenfalls eine beunruhigende Entwicklung für den Rosenheimer Tierschutzverein sei die deutschlandweite Zunahme an illegalen Welpentransporten aus dem Ausland.

Welpen an der Grenze „herausgefischt“

„Von Januar bis März haben wir sieben solcher Welpen bei uns aufgenommen“, berichtet Vorsitzende Andrea Thomas. Für das Tierheim sei es eine beachtliche Zahl. „Herausgefischt“ worden seien die Welpen an der Grenze zu Kiefersfelden.

Dem stimmt auch Hundetrainerin Gartner zu: „Der Markt für Welpen ist leer gefegt.“ Im Umkehrschluss würden mehr Tiere illegal eingeschleust. Andere witterten ein Geschäft: „Die Preise für Rassehunde mit Papieren, aber auch für Mischlinge sind extrem angestiegen“, weiß die Frasdorferin.

Befürchtungen für nach dem Lockdown

Bei der Vermittlung achtet das Tierheim sehr sorgfältig darauf, wo die Vierbeiner hinkommen: „Jemandem der jetzt im Home Office arbeitet, dann aber keine Zeit mehr hat, dem geben wir keinen Hund“, sagt Thomas. Daher gehe sie nicht davon aus, dass die vermittelten Tiere wieder zurückkämen.

Allerdings befürchtet die Vorsitzende eine Zunahme der Abgaben nach der Pandemie: „So wie andere Tierheime auch glauben wir, dass die Zahl stark ansteigen wird“, sagt Andrea Thomas.

Zahl der illegalen Welpentransporte schießt in die Höhe

Einer noch laufenden Auswertung des Deutschen Tierschutzbundes zufolge hat sich die Zahl der bekannt gewordenen, illegal gehandelten Hunde von 2019 auf 2020 mehr als verdoppelt. Noch immer werden betroffene Tiere für das vergangene Jahr gemeldet – auch 2021 reißen die Fälle nicht ab. Nach jetzigem Stand sind dem Verband 2020 mindestens 160 Fälle von illegalem Heimtierhandel bekannt geworden.

Betroffen waren rund 1200 Tiere – davon über 1000 Hunde. Im Vergleich zu 2019 hat sich die Zahl der Fälle verdoppelt und die Zahl der betroffenen Hunde sogar mehr als verdoppelt – fast schon verdreifacht. Insbesondere im November und Dezember 2020 schossen die Zahlen nach oben: Allein in diesen zwei Monaten des Lockdowns zählte der Tierschutzbund 50 Fälle mit 296 betroffenen Tieren, davon 268 Hunde. Die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher liegen.

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Laut Auskunft der Bundespolizei Rosenheim sei der Grenzübergang bei Kiefersfelden kein Hotspot für illegale Tierüberführungen. „Bei uns treten eher Einzelfälle auf. Mir ist aber bekannt, dass die deutsch-tschechische Grenze stärker betroffen ist“, erklärt Polizeisprecher Rainer Scharf. Ein Grund könnten die intensiven Grenzkontrollen zwischen Bayern und Österreich sein, was abschreckend wirken könnte.

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