Betrüger-Pärchen im Kaufrausch

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Rosenheim/Raubling - Ein junges Paar muss sich jetzt vor Gericht verantworten. Im Wert von 60.000 Euro haben sie vor allem technische Waren unter falschen Namen gekauft.

Eines muss man dem mutmaßlichen Betrüger-Pärchen lassen: Es hat sich im letzten Sommer mit einem rekordverdächtigen Tempo in einen illegalen Kaufrausch gesteigert. Drei Monate sollen ein Raublinger (30) und eine Rosenheimerin (18) Banken, Technikmärkte, Handy-Anbieter und Versandhäuser an der Nase herumgeführt haben. Nun wird ihnen die Quittung serviert. Heute beginnt in Traunstein der Prozess wegen vielfachen Betrugs und Urkundenfälschung.

Der Einkaufszettel des Netzwerkadministrators und der Altenpflegerin war lang - und darauf standen nach Angaben der Staatsanwaltschaft vor allem hochwertige Elektronikartikel: Dutzendweise bestellten oder kauften sie unter den falschen Namen Max W. und Lisa M. die neuesten Macbooks, iPads und iPhones, Notebooks, Han-dys, Digitalkameras von Canon und Nikon, Grafikkarten, LCD-Projektoren, Computerspiele, PC-Bildschirme, Festplatten, Drucker und Druckpatronen - dazu einen Kühlschrank, einen Espresso-Automaten, einen Camcorder, ein Armband, einen Ring, einen Haarglätter, einen Rasierer und einen Ofen.

Laut Anklage wurde die Ware in keinem einzigen Fall ordnungsgemäß bezahlt. So habe sich in kurzer Zeit ein Schaden von fast 60 000 Euro angehäuft. Wäre das Paar mit allen Betrügereien durchgekommen, hätte der Schaden sogar rund 100 000 Euro betragen. Sich dutzendweise Fälschungen, Adressen und Kreditkartendaten zu besorgen und die vielen einzelnen Artikel, die in der Regel zwischen 500 und 1200 Euro kosteten, dann in so kurzer Zeit zu kaufen, bestellen, abzuholen und zu verkaufen, muss viel Zeit und Organisation erfordert haben - Betrug als Fulltime-Job.

Bei dem rastlosen Beutezeug, der Ende Juni begann und sich bis Ende September erstreckte, zogen der 30-jährige Raublinger und seine elf Jahre jüngere Komplizin laut Anklage alle Register. Mit gefälschten Ausweisen und Gehaltsbögen als Einkommensnachweis richteten sie sich nach Erkenntnissen der Ermittler als "Max W." und "Lisa M." zwei Bankkonten ein, um in Rosenheimer Elektro-Fachmärkten Ratenfinanzierungsverträge abschließen zu können und in den Handy-Läden in der Innenstadt umsonst an die 600 Euro teuren Handys zu kommen.

Gleichzeitig bestellten sie bei Firmen und Versandhäusern in ganz Deutschland vor allem Elektronikartikel. Die Waren ließ sich das Betrüger-Pärchen an Packstationen in Rosenheim, Raubling, Bruckmühl und Prien schicken. Zuvor soll sich der 30-Jährige im Internet illegal ausgespähte Postnummern für die Packstationen und Kreditkartendaten gekauft haben.

So "bezahlte" das Betrüger-Duo die meisten Kameras, iPads und Notebooks mit den Mastercard- und Visa-Kreditkartennummern ahnungsloser Leute. In manchen Fällen war es gar nicht notwendig, auf fremde Kreditkartennummern zurückzugreifen. Für die Bestellung reichte eine falsche Rechnungsanschrift - als Lieferadresse wurde einfach eine der Packstationen im Raum Rosenheim angegeben. Dort wurde die Ware entweder vom PC-Fachmann, der Altenpflegerin oder einem weiteren Komplizen (19) abgeholt.

Viele Handys und Elektroartikel verkaufte "Max W." laut Anklage gewinnbringend weiter. Einige Käufer sind im Prozess als Zeugen vorgeladen.

Seinen 30. Geburtstag musste der Raublinger vor wenigen Tagen in einer Traunsteiner Gefängniszelle feiern. Dort sitzt er seit 1. Oktober in Untersuchungshaft. Einen Tag zuvor hatte die Rosenheimer Polizei dem illegalen Kaufrausch ein Ende bereitet und den Mann festgenommen.

Er muss sich ebenso wie seine Komplizin unter anderem wegen gemeinschaftlichen Betrugs und Urkundenfälschung verantworten, jeweils in besonders schwerem Fall. Dem 30-Jährigen wird wegen der gestohlenen Daten zudem Computerbetrug in 51 Fällen vorgeworfen.

Der 19-jährige Mechaniker aus Rosenheim, der mindestens zehn Pakete abgeholt und dafür zwischen 2500 und 3000 Euro erhalten haben soll, steht wegen Beihilfe vor Gericht. Weil die Altenpflegerin zur Tatzeit noch minderjährig war, wird vor der Jugendkammer am Landgericht Traunstein verhandelt.

Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

Rubriklistenbild: © pa

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