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Erinnerungsdialog Kaserne Brannenburg

„Bläser von Karfreit“ offenbart Konflikt zwischen Alt- und Neu-Bürgern

Der Bläser von Karfreit am Eingang zum Wohngebiet Sägmühle ist für viele Brannenburger eine Erinnerung an die Zeit, in der das Gelände eine Kaserne war und diese ein fester Bestandteil des Ortslebens. Für etliche Bewohner des neuen Ortsteils stehen Skulptur und Name jedoch in keiner Beziehung mehr zu dem, was sie mit ihrem Wohngebiet verbinden.
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Der Bläser von Karfreit am Eingang zum Wohngebiet Sägmühle ist für viele Brannenburger eine Erinnerung an die Zeit, in der das Gelände eine Kaserne war und diese ein fester Bestandteil des Ortslebens. Für etliche Bewohner des neuen Ortsteils stehen Skulptur und Name jedoch in keiner Beziehung mehr zu dem, was sie mit ihrem Wohngebiet verbinden.

„Auch wir haben Gefühle – und die soll man uns lassen.“ Diese Wortmeldung der Gemeinderätin Ursula Bierl (Grüne) brachte es auf den Punkt: Es waren nicht zuletzt Emotionen, die die Veranstaltung über die ehemalige Karfreitkaserne prägten, die heute zum Brannenburger Wohngebiet Sägmühle geworden ist.

Brannenburg – Emotionen, die wohl nicht nur am Mittwochabend zwei Gruppen von Brannenburgern trennten: Die einen, die in das Wohngebiet neu zugezogen sind, die anderen die alteingesessenen Einwohner des Ortes.

Positive Erinnerung an Teil des Ortslebens

Für die „Alteinwohner“ ist die ehemalige Kaserne, die 2009 aufgelöst wurde, ein fester Bestandteil der Ortsgeschichte, an den sie sich gerne erinnern: Das dort stationierte Gebirgspionierbataillon war nach dem Krieg über Jahrzehnte hinweg für den Ort prägend. Dass an einem Gebäude am Eingang zum Wohngebiet eine Skulptur, der „Bläser von Karfreit“, angebracht wurde und darunter, wie einst, Karfreit-Kaserne zu lesen ist, ist für sie nicht mehr als recht und billig. Es geht dabei um positive Erinnerung an Brannenburger Vergangenheit.

Für einige der rund 900 Einwohner des Ortsteils Sägmühle hingegen ist beides, die Skulptur wie der Name, in gewissem Sinn aus der Zeit gefallen: „Wir dachten, wir ziehen hier in ein neues, ambitioniertes Wohnprojekt und mussten dann über Nacht feststellen, dass wir auf einem Kasernengelände wohnen “ so die Wortmeldung einer Anwohnerin.

An die ganze Geschichte erinnern

Keine einfache Ausgangslage für die Initiative „Erinnerungsdialog Kaserne Brannenburg“, die den Veranstaltungsabend organisiert hatte, zu dem gut 120 Besucher in die Wendelsteinhalle gekommen waren. Ihr geht es nach den Worten ihres Sprechers Jakob Mangold-Boldt darum, an die ganze Geschichte zu erinnern. Nicht nur an die Zeit, in der die Bundeswehr dort beheimatet war, sondern auch an die Vorgeschichte: An den Aufbau der Kaserne im Dritten Reich sowie an die Schlacht des Ersten Weltkrieges, die der Kaserne ihren Namen gab.

Zu diesem Zweck gibt es auf dem Gelände zwar seit langem einen Infopunkt in der ehemaligen Kasernenkapelle. Für die Initiative aber sind die dort zu lesenden Informationen nicht vollständig, schildern die Ereignisse zu sehr aus rein militärhistorischer Sicht und sind weniger eine Erinnerung daran, was Krieg eigentlich bedeutet.

Vortrag zur zeitgenössischen Einordnung

Dies zu verdeutlichen war auf der Veranstaltung mit ein Anliegen von Simon Hausstetter, dem zweiten Vorsitzenden des Historischen Vereins Rosenheim. Er war von den Veranstaltern eingeladen worden, um vor der Diskussion über die Schlacht bei Karfreit zu referieren. Er ergänzte seine Erläuterung der Geschehnisse und ihrer Vorgeschichte durch einige zeitgenössische Berichte: Durch die Erinnerungen eines Offiziers, der plastisch die mörderischen „Erfolge“ der Giftgasangriffe schilderte und durch zwei Texte aus jener Zeit – von Ernst Toller und Leonhard Frank – die sich gegen jede Form des Krieges wandten. „Wir sind verblendet, weil wir den Gegner außer uns suchen. In uns selbst ist der Feind. Das Nichtvorhandensein der Liebe ist der Feind“ schrieb Frank im Jahr 1917, dem Jahr, in dem die Schlacht bei Karfreit stattfand.

Kriegerdenkmäler erinnern an Opfer und Gräuel der Kriege

Vor dem Hintergrund dieses Referates müsste, so hoffte Mangold-Boldt, deutlich werden, warum die Tafeln am Infopunkt einer Ergänzung bedürften. Eine Sicht, die nicht von allen Anwesenden geteilt wurde. Auch Brannenburgs Bürgermeister Matthias Jokisch meinte in einer Wortmeldung, dass es für das Gedenken an die Opfer und die Gräuel des Krieges sehr wohl bereits andere Erinnerungsorte gäbe, die Kriegerdenkmäler nämlich. Und die Tafeln zu ergänzen sei nicht einfach, der Platz sei dort schlicht begrenzt, man könne da nicht alles, was prinzipiell erwähnenswert wäre, unterbringen.

Konkrete Auswege gingen fast unter

Es lag wohl an der insgesamt sehr emotionalen Stimmung, dass Wortmeldungen, die hier einen konkreten Ausweg aufzeigten, fast untergingen. Ein Teilnehmer meinte, man könne bei der Skulptur des Bläsers ja durchaus einen Verweis auf den Infopunkt anbringen. Dort wiederum sei durch einen QR-Code eine Verknüpfung auf weitere Informationen möglich, die jeder, der ein Smartphone besitze, abrufen könne und die dann keinerlei Platzbeschränkung hätten.

Auch abgesehen von konkreten Lösungsvorschlägen hielt Kolbermoors Stadtmarketingschef Christian Poitsch, der die Veranstaltung moderierte, den Abend für sehr wohl gelungen. Immerhin habe man bei aller Emotionalität miteinander geredet, sich dabei ausreden lassen und sich wohl meistens auch tatsächlich zugehört, sagte er zum Abschluss. Dies sei die Basis dafür, um bestehende Meinungsdifferenzen nicht zu wirklichen Gräben werden zu lassen und mehr könne man von einer solchen Veranstaltung wohl kaum verlangen.

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