Restriktionen seit Mittwoch in Kraft

Tirol in Quarantäne und ich mittendrin: "Die Ungewissheit ist fast das Schlimmste"

Daniel Pichler ist Onlineredakteur bei OVB24. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin und den drei gemeinsamen Kindern im Tiroler Unterland mitten im Quarantäne Gebiet. Für die 24-Portale berichtet er vom neuen Leben zwischen Ausgehverboten, Angst und dem Arbeiten mitten im Familienalltag.

Als gebürtiger Vorarlberger, vor vielen Jahren nach Tirol gezogen, sitze ich jetzt mitten im Hochrisikoland. Tirol, das Land der Freiheit, das Land der Berge... aber das war‘s jetzt vorerst mal, zumindest mit der Freiheit! Quarantäne in ganz Tirol, seit Mittwoch Mitternacht ist es amtlich. Niemand darf vorerst seine Heimatgemeinde verlassen, außer in klar definierten Ausnahmefällen – etwa, um den Arbeitsplatz zu erreichen oder für dringende Besorgungen, die im eigenen Ort nicht möglich sind. In lebe in einer kleinen Gemeinde, keine 20 Kilometer von der Grenze zu Bayern entfernt. Ob ein Einkauf in der nächsten Stadt mit größerer Lebensmittel-Auswahl noch möglich ist, wenn ein kleiner Laden im Ort existiert, so ganz genau weiß das momentan niemand. Man ist vorsichtig und mutmaßt.


Meine Familie ist zuhause. Meine Partnerin und ich arbeiten beide im Homeoffice, wie die meisten Berufstätigen, die Büroarbeit verrichten. Wir haben Glück, niemand von uns wurde gekündigt, im Gegensatz zu zahlreichen Personen im touristischen Bereich und im Dienstleistungssektor. Der Kindergarten und die Schule unserer Kinder wurden schon Anfang der Woche geschlossen. Wir können die Betreuung der Kinder selbst übernehmen, die Schließungen stellen aber andere Familien vor Herausforderungen. Unsere drei Kinder lernen und spielen zwischen Headsets, Laptop und provisorisch eingerichtetem Büro. In kurzen Pausen zwischen Mails wird den Kindern Frühstück zubereitet. Jetzt müssen alle leise sein, Mama sitzt mit Headset gerade im virtuellen Meeting und spricht, die Kinder nehmen Rücksicht, meistens zumindest. Alle sitzen im selben Boot. Man hört bei den Bürokollegen im Hintergrund Kindergeschrei und Waschmaschinen schleudern, doch alle bemühen sich und leisten ihren Beitrag. Wie Urlaub fühlt es sich zweifelsohne nicht an. Der Schrecken der ersten Tage ist überwunden, der Büroalltag ist wieder voll im Gang, auch wenn etwas anders als gewohnt, es klappt überraschend reibungslos.

Die Restriktionen für Österreich sind streng, in Tirol ist der Shutdown vollendet – mehr geht fast nicht. Denn nicht nur Einrichtungen für Kinder sind geschlossen. Alle Lokale, alle Geschäfte. Nichts außer Einrichtungen, welche den Grundbedarf decken, dürfen mehr geöffnet haben. Der Zahnarzt hat meinen Termin zur Kontrolle nächste Woche abgesagt, so wie alle anderen nicht dringend notwendigen Untersuchungen und Behandlungen. Die Krankenhäuser entlassen so viele Patienten wie irgend möglich, man macht Platz für den drohenden Ansturm. Hotels mussten zusperren, und sollen vereinzelt zu Notkrankenstationen umfunktioniert werden. Der Flughafen in Innsbruck schließt mit Montag seine Pforten, niemand der in Tirol keinen Wohnsitz hat, darf noch einreisen. Krankenhauspersonal, das derzeit nicht benötigt wird ist freigestellt, auf Abruf bereit, dann aber rund um die Uhr. Es werden Zwölf-Stunden-Schichten sein, sieben Tage die Woche, darauf muss man sich einstellen, im Notfall zumindest. Es scheint die Stille vor dem Sturm zu sein. Niemand weiß genau wie es weitergeht, was genau passiert. Die Ungewissheit ist fast das Schlimmste.


Das neue Alltagsleben 

Einkaufen gehen fühlt sich nun eigenartig an, verboten, falsch, aber es muss sein. Die Fahrt auf der Straße ist ruhig, beklemmend. Nur vereinzelt sieht man Fußgänger, beinahe keine Autos sind unterwegs. Der Spielplatz und Fußballplatz im Ort sind verwaist. Es ist verboten dort zu spielen, generell sich in Gruppen zu versammeln, auch das gehört zu den Restriktionen im Quarantänegebiet.

Polizeiautos patrouillieren, ermahnen und ja, erteilen auch schon empfindliche Strafen, wie man aus dem Bekanntenkreis hört. Ich habe Glück, niemand hat mich bisher aufgehalten. Ich komme in der Apotheke an. Keine weiteren Kunden außer mir sind da. Ich werde mit Mundschutz, Handschuhen und Absperrband empfangen. Die Angestellten bemühen sich, Normalität zu vermitteln, sind freundlich und hilfsbereit. Man erledigt rasch seine Besorgungen, immer mit einem unguten Gefühl. Mein nächster Weg führt mich zum Lebensmittelhändler, die Liste ist lang, der Laden menschenleer. Wo man sonst seine helle Freude hat, wenn man nicht Wagen an Wagen durch den Supermarkt geschoben wird und endlose Schlangen an der Kassa stehen, will diese heute nicht so richtig aufkommen. Alle Regale sind prall gefüllt, sogar Klopapier ist in Massen vorhanden, wobei es in Tirol nie solche extremen Engpässe gab wie in Deutschland, außer am Freitag kurz vor dem offiziellen Bekanntwerden der Restriktionen in Österreich. Die Maßnahmen sind Stunden zuvor in sozialen Netzwerken durchgesickert, die Hamsterkäufe waren fast schon panisch - aber nur kurz, rasch kehrte wieder Ruhe ein. Ich nehme eine Packung Klopapier, nur zur Sicherheit, aber nur eine, man will ja nicht schief angeschaut werden, obwohl der innere Drang zum Horten sich nicht verleugnen lässt. Der Impuls ist unverkennbar da. Endlich kann ich wieder heimfahren, die Erleichterung ist groß. Aber die Angst schwingt mit. Ist im Supermarkt immer noch alles erhältlich, wenn ich das nächste Mal einkaufen gehe? Es wird so von den Politikern versprochen, auch der Lebensmittelhandel beteuert, dass keine Engpässe zu befürchten sein werden. Aber so ganz sicher ist sich niemand, die Situation ist für alle neu. Wer hätte vor zwei Wochen an Ausgangssperren und Quarantäne in Tirol gedacht?

Normalität zuhause 

Als ich mit den Einkäufen zu Hause ankomme spielen die zwei kleineren Kinder im Garten, die Sonne strahlt. Sie wirken fröhlich, fragen auch nicht mehr so oft nach dem Kindergarten. Sie verstehen trotz ihres Alters schon recht viel - doch die Situation scheint sie zu beschäftigen. In Rollenspielen werden die Kuscheltiere zu Patienten, plötzlich hat jemand Corona und alle sind aufgeregt: Wer ist noch krank? Ich muss schmunzeln, aber nur kurz. Wenn ich erwähne, dass mir der Kopf brummt, fragt meine Tochter gleich besorgt, ob ich diesen neuen Virus habe. Dabei bin ich nur geschafft, müde vom Zuhause sein, von der Unsicherheit, von den ständig wechselnden Emotionen. Die Nachbarin gehört zur Hochrisikogruppe. Man winkt sich freundlich zu, aber es ist nicht wie sonst. Kein Treffen am Blumenbeet, kein Plaudern. Sie wird gut versorgt, die Familie ist groß und kümmert sich um sie. Man spürt den Zusammenhalt, ein gutes Gefühl. Die Einkäufe werden verstaut. Wieder kreisen die Gedanken. Warum das alles? Viel ist in den letzten Tagen geschrieben worden. Von Fehlern der Tiroler Behörden. Davon, dass wir ein äußerst unglückliches Bild in der Welt abgegeben haben. Dass das Virus schon eher hätte eingedämmt werden können. Und dass sich das Virus von Tirol aus in weite Teile Europas verbreiten konnte. Ischgl wurde zum Synonym. Hätte es gar nicht erst soweit kommen müssen? Man weiß es nicht.

Ein unsichtbarer Feind hat eine bleierne Glocke über das Land gesenkt. Ich gehe ans Fenster. Noch immer ist kaum jemand auf den Straßen zu sehen. Wer die Tiroler kennt, wer weiß, wie sehr sie die Freiheit und die Natur lieben, und wer auch weiß, dass auch in den kleinsten Dörfern die Straßen immer belebt sind – der weiß all dies zu deuten. In den Gesprächen gibt es nur ein bestimmendes Thema. Und man hört die Angst und die Unsicherheit zwischen den Zeilen. Doch man sorgt sich, man kümmert sich auch. Freunde und Bekannte, die man aus den Augen verloren hat, melden sich. Auch das gibt Kraft. Sowie der Zusammenhalt in der Familie. Meine Kinder gesellen sich mit ans Fenster. „Dürfen wir heute unsere Freunde besuchen“?, fragen sie. Ja, dürfen sie denn? Ich überlege. Und verneine schließlich. Das Virus hat die Grenzen neu gezogen. Die neuen Grenzen, das sind die eigenen vier Wände.

Die Sonne verschwindet indes hinter den Bergen. Vor dem Fenster tänzeln noch Insekten, das Zwitschern von Vögeln wird leiser. Die Kinder kramen Brettspiele hervor. Die ganze Familie spielt mit, etwas Normalität. Das Licht der Abendsonne durchflutet den Raum. Alles wird wieder gut, es muss.

(dp)

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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