Milch aufs Feld: BDM steht dazu

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Rosenheim - Zigtausende Liter Milch haben heimische Bauern am Dienstag auf einer Wiese verteilt. Viele unserer User macht das so richtig sauer: „Das Allerletzte!“, „Charakterlos“, „Geschmacklos“, finden sie. Lesen Sie die komplette Diskussion und reden Sie mit! Neu: *Video mit Stellungnahme des BDM Rosenheim* **Video vom Protest**

"So weit hätte es nie kommen dürfen"

Über 300.000 Liter Milch wurden gestern auf einer Wiese bei Heilig Blut, gleich neben der Bundesstraße B 15, in Rosenheim verschüttet. Damit erreichte der Bauernstreik in der Region einen neuen Höhepunkt.

Milchbauern demonstrierten

Die über 300 Landwirte, die bei der Aktion mitmachten, verfolgten das Geschehen totenstill und mit starrem Blick. Viele schüttelten den Kopf, einige wandten den Blick ab. "So weit hätte es nie kommen dürfen", klagte Thomas Huber. Der 36-Jährige betreibt in Tuntenhausen eine Landwirtschaft mit 45 Milchkühen. Auch seine Milch versickerte gestern nutzlos im Erdreich. Ein Anblick, den der Bauer kaum verkraften konnte. "Das ist so schrecklich. Ich habe solche Szenen zwar jetzt schon oft in Zeitung und Fernsehen gesehen. Doch es ist halt noch einmal was anderes, wenn man selbst dabei ist", meinte er.

50 Traktoren versprühten die Milch

Am Vormittag trafen Bauern aus dem gesamten Landkreis in Rosenheim ein. Rund 50 Bulldogs rollten, begleitet von einer Polizei-Eskorte, von ihrem Treffpunkt auf der Loretowiese durch die Stadt über die B15, bis sie endlich an ihrem Ziel ankamen, eine Wiese genau neben der Straße. Hauptsächlich mittels Güllefässern wurde anschließend die Milch von den 50 Traktoren auf der Wiese verteilt. Die Demonstrations-Teilnehmer blieben während der ganzen Aktion völlig ruhig. Gesprochen wurde nur sehr wenig.

Video: Milchdemo in Rosenheim

Erkärung des Bauernverbandes

"Keinem Bauern gefällt es, wenn er ein Nahrungsmittel, das auch noch von ihm erzeugt wurde, so vergeudet wird. Das ist ein deprimierendes Szenario", brachte Hans Stuffer auf den Punkt, was viele andere Landwirte dachten. Stuffer betreibt seine Milchviehhaltung am Samerberg nur noch als Nebenerwerb. Hauptsächlich verdiene er sich seinen Lebensunterhalt durch die Vermietung von Fremdenzimmern. "Das kann es aber doch nicht sein. Ein Bauer muss auch von seiner eigentlichen Aufgabe existieren können", meinte der 48-Jährige. Seinen Buben könne er nicht mehr reinen Herzens empfehlen, in seine Fußstapfen zu treten. Er fühle er sich von der Politik verraten.

Auch Landwirt Josef Binder aus Unterwertach "ging es gegen den Strich", die Milch zu verschütten. Doch er gewann dem Bild, das sich da der Öffentlichkeit bot, auch etwas Positives ab: "Das zeigt unseren Zusammenhalt. Wenn, dann gehen wir zusammen unter."

Keine Ende der Proteste abzusehen

Georg Dinzenhofer, stellvertretender Bauernverbandsobmann in Prutting, verschüttet schon seit einer Woche täglich die Milch seiner Kühe. Jedes Mal wandern bei ihm rund 1000 Liter Milch in die Gülle. "Das ist traurig und kostet auch viel", meinte er. Er hoffe darauf, dass durch derart öffentlichkeitswirksame Aktionen auch die Politik reagiere. Um die Existenz der Bauern zu sichern, sei ein fairer Preis und die Nullsaldierung notwendig. "Für eine Überlieferung darf man kein Geld mehr bekommen", forderte Dinzenhofer. Damit würde sich das Mengenproblem ganz automatisch erledigen.

Über das Ende des Bauernstreiks will der stellvertretende Bauernobmann keine Prognosen abgeben: "Diesmal streiken wir so lange, wie nötig."

wu/Oberbayerisches Volksblatt

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Indes verlangt Bayern angesichts der prekären Situation bei den Milchbauern von Bund und Ländern sowie von der EU einen Richtungswechsel in der Milchpolitik. Ministerpräsident Horst Seehofer und Agrarminister Helmut Brunner (beide CSU) übten am Dienstag scharfe Kritik an der Haltung der EU-Kommission und anderer Bundesländer, die eine Reduzierung der Milchproduktion abgelehnt hatten. So könne es nicht weitergehen, sagte Seehofer nach einer Kabinettssitzung in München. "Das geht an die Substanz der Betriebe." Seehofer und Brunner forderten Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, gemeinsam mit Frankreich Druck auf die EU-Kommission auszuüben, um doch noch eine Reduzierung der Milchquote zu erreichen. "Das wäre der sicherste Weg zur Stabilisierung der Preise", sagte Seehofer.

Brunner verlangte, Merkel müsse endlich Farbe bekennen und das Thema nicht nur verbal zur Chefsache machen, sondern sich mit anderen zusammentun. Seehofer kündigte an, bei möglichen Koalitionsverhandlungen in Berlin werde die Agrarpolitik ein zentraler Punkt sein. "Wir werden alles tun, dass die bäuerliche Landwirtschaft erhalten bleibt und nicht durch Agrarfabriken ersetzt wird." Die Landwirtschaft, vor allem die Milchbauern, seien in einer "dramatischen Situation".

Seehofer und Brunner kritisierten die Hilfsmaßnehmen der EU für die Milchbauern als völlig unzureichend. "Das können wir uns nicht bieten lassen. Ich kämpfe weiter", betonte Brunner. Er beklagte zudem, bei der jüngsten Agrarministerkonferenz habe die Mehrzahl der deutschen Bundesländer den Landwirten dringend notwendige Hilfe versagt. Damit sei nach den dürftigen Vorschlägen der EU eine Chance vertan worden, um wenigstens national die Weichen richtig zu stellen.

dpa

Rubriklistenbild: © jre/cs

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