Rückruf mit dickem Ende

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In einem Appartement auf Mallorca residiert die Firma, die von einem Ehepaar aus Tuntenhausen 112 Euro für die angebliche Nutzung eines Telefon-Erotikdienstes haben will.

Tuntenhausen/Rosenheim (ovb) - Die Frauenstimme auf dem Anrufbeantworter klang ein wenig undeutlich: „Hier ist Anni, heute ist der Vati gestorben. Warum meldest du dich nicht?“

Elisabeth Nikolitsch kennt keine Anni, aber ihr tat die Frau leid, die offenbar mehrmals angerufen hatte. Sie rief zurück, dann kam die Rechnung.

„Ich dachte, da hat jemand in der Aufregung die falsche Nummer gewählt. Also rief ich zurück.“ Auf dem Anrufbeantworter, der sich unter der Kölner Nummer meldete, hinterließ sie eine entsprechende Nachricht. Jetzt kam die dicke Rechnung.

Elisabeth und Darko Nikolitsch aus Tuntenhausen staunten nicht schlecht, als sie vergangene Woche nach einem längeren Auslandsaufenthalt zuhause ihre Post durchsahen. Primera Factura, zu deutsch „Erste Rechnung“, nennt sich eine Firma mit Postfach in Düsseldorf, die Ende August eine Rechnung über die Nutzung nicht näher genannter Telefondienste gestellt hat. Einen Monat lang hätte Darko Nikolitsch diesen Dienst in Anspruch nehmen können, täglich 60 Minuten lang zu jeweils 0,033 Euro, heißt es in dem Schreiben. Insgesamt 59,40 Euro wurden auf der nicht unterschriebenen Rechnung geltend gemacht, ein Überweisungsschein lag praktischerweise gleich bei. Für Rückfragen war eine Telefonnummer angegeben – kostenpflichtig.

Ebenfalls im Poststapel fand sich ein auf Anfang Oktober datiertes Schreiben eines Inkasso-Unternehmens, das die Forderung von Primera Factura eintreiben soll und nun samt Gebühren 112 Euro verlangt. Werde nicht pünktlich bezahlt, müssten die Empfänger die steigenden Kosten für das Verfahren übernehmen, heißt es in der Mahnung. Auch ein Eintrag bei der Schufa wird ins Spiel gebracht. Zumindest geht aus diesem Schreiben hervor, für was das Ehepaar Nikolitsch zahlen soll: Erotik-Telefondienste.

„Wir haben weder eine solche Nummer angerufen noch irgendeinen Vertrag unterschrieben“, erklärt Elisabeth Nikolitsch empört. Stutzig machte sie das Datum, an dem sie sich angeblich per Telefonanruf bei dem Dienst registriert haben soll. Schließlich erinnerte sie sich, dass an diesem Tag „Anni“ angerufen hatte. Ihr wurde klar, Opfer eines perfiden Tricks geworden zu sein. Denn dieser Anruf, der aus dem Einzelverbindungsnachweis ihrer Telefonrechnung eindeutig hervorgeht, soll nun der Beleg für die Buchung des Erotik-Dienstes sein: „Durch den Anruf am 22. 3. 2009 auf unsere Servicenummer ist ein wirksamer Vertrag über die Nutzung unseres Services zustande gekommen“, behauptet Primera Factura.

Firma sitzt auf Mallorca

Wer etwas über diese Firma wissen will, stößt im Internet auf die Homepage des Unternehmens, die als Adresse ein Appartement in der 2700-Seelen-Gemeinde Sineu auf Mallorca nennt. Ein verantwortlicher Geschäftsführer ist nicht aufgeführt. Auch hier ist eine kostenpflichtige Telefonnummer angegeben. Häufig gestellte Fragen werden auf der Homepage aber gleich schriftlich beantwortet: Auf die Frage: „Ich möchte von meinem Widerrufsrecht Gebrauch machen!“ heißt es: „Naturgemäß kann im Falle einer Dienstleistung, die bereits abgerufen wurde, kein Widerruf mehr geltend gemacht werden.“ Internet-Foren sind voll mit Beschwerden von verunsicherten Verbrauchern, die Rechnungen der Firma und Mahnschreiben von Inkasso-Unternehmen bekommen haben.

Markus Saller hat schon von vielen Abzockversuchen gehört. Als Leiter des Rechtsreferats der Verbraucherzentrale Bayern hat er ständig mit solchen Geschichten zu tun. Auch den Namen Primera Factura kennt er. Der Trick mit der trauernden „Anni“ ist aber auch ihm neu: „Eine solche Vorgehensweise ist schon wahnsinnig dreist.“ Sein Rat an das Ehepaar Nikolitsch: „Nicht reagieren und auf keinen Fall bezahlen.“ Die Drohungen in dem Inkasso-Schreiben seien heiße Luft und juristisch in keiner Weise haltbar.

Leider ist der Fall Nikolitsch kein Einzelfall: „In den letzten drei Jahren gab es bei der Verbraucherzentrale Bayern 30.000 Anfragen wegen solcher Inkasso-Schreiben“, weiß Saller – und das war nur die Spitze des Eisberges. Die Absender setzen darauf, dass der Verbraucher sich überfordert fühlt und zahlt.

Saller empfiehlt, immer zu prüfen, ob solche Forderungen berechtigt sind. Im Zweifelsfall könne man sich fachkundige Hilfe bei der Verbraucherzentrale holen: „Genau dafür sind wir da.“

Für das Ehepaar Nikolitsch hat er noch einen weiteren Rat parat: „Das Vorgehen der Inkasso-Firma ist so dreist, da muss man Strafanzeige stellen. Das mit dem Schufa-Eintrag ist ganz klar eine unerlaubte Drohung.“ Inkasso-Firmen bräuchten eine Genehmigung des zuständigen Amtsgerichts und die könne bei solchen Methoden entzogen werden. Ob das funktioniert, kann man abwarten: Elisabeth Nikolitsch hat bereits Strafanzeige bei der Polizei gestellt.

Klaus Kuhn (Oberbayerisches Volksblatt)

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Die Verbraucherzentrale Rosenheim finden Sie hier:

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08031 / 37700

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