Fundgrube der Kurstadt-Geschichte

Ein Blick in die Arkadenreihen am Friedhof ist wie ein Weg durch die große Aiblinger Geschichte.
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Ein Blick in die Arkadenreihen am Friedhof ist wie ein Weg durch die große Aiblinger Geschichte.

Bad Aibling - Ein Besuch auf dem Friedhof, jetzt vor Allerheiligen, kann viel über die Geschichte von Bad Aibling verraten.

Steht man auf einem Friedhof, meist am Grab eines Nahestehenden, gehen die Gedanken oft auf Wanderschaft. Man reflektiert, was war, was ist und was sein wird. Jeder Moment ist aber auch ein neues Willkommen und so liegen am Friedhof Ende und Anfang dicht beieinander. Friedhöfe sind aber nicht nur Begräbnisstätten (veraltet Gottesacker). Sie zeigen auch die Geschichte von Menschen und Städten. Ein Beispiel hierfür ist der Aiblinger Friedhof.

Die Gerichtsbarkeitssäule erinnert an die große Zeit von Bad Aibling.

Man betritt ihn gewöhnlich von der Ellmosener Straße her. Schon der Vorplatz zeigt zwei Besonderheiten. Einmal eine alte Marktsäule, die relativ unbeachtet wenige Meter neben der Straße nahe einem schattigen Baum steht. Sie grenzte einst den Gerichtsbezirk der kleinen Gerichtsbarkeit des Marktes Aibling ab. Dazu muss man wissen: Der Aiblinger Landrichter war seinerzeit auch als Marktrichter zugegen. "Von den einst wohl 26 Säulen gibt es nur noch zwei bis drei", weiß der geprüfte Stadtführer Wilfried Schiffl. Obwohl die alte Säule eine Größe von über 1,5 Metern aufweist, sind leider keinerlei Inschriften mehr lesbar. Sie soll aus Sockel, Schaft und einer Bekrönung bestanden haben, die jeweils kapellenartig mit vier Nischen und zwei Giebelkreuzen ausgearbeitet war.

Wenige Meter weiter, linker Hand, erhebt sich das alte Kriegerdenkmal mit den Gefallenen aus dem 1870/71er-Krieg. Es wurde 1878 gebaut, ursprünglich auf der Bleiche zwischen Glonn und Mühlbach. Erst als die Bürger Aiblings nach dem Ersten Weltkrieg ein neues Monument errichteten, wurde dieser gelb leuchtende Obelisk an seinen heutigen Standort versetzt. Er weist eine weitere Besonderheit auf: Er gedenkt auch der Krieger aus Au, Bayharting, Dettendorf, Ellmosen, Harthausen, Feilenbach, Kolbermoor, Litzldorf, Kirchdorf, Hohenthann, Tattenhausen und Tuntenhausen.

Der Friedhof selbst wurde 1866 gebaut, die L-förmige Arkadenanlage erst einige Jahre später. Durch sie betritt man den streng geometrisch angelegten Friedhof. Inmitten der Arkaden findet man die neuromanische Aussegnungshalle. "Die Arkadenanlage war schon damals etwas ganz Besonderes", so Edith Wendlinger von der Friedhofsverwaltung. Und weiter: "Der alte Friedhof am Grafenbräukeller wurde 1869 aufgelassen und die dortige Kapelle abgerisssen."

Besinnliche Worte findet man beim Gang durch den Friedhof.

Des Weiteren findet sich in den Arkaden eine Vielzahl an Gruften und Grabdenkmälern - ein laufendes Geschichtsbuch sozusagen. Von F. X. Wild (Brauereibesitzer), Josef Antretter (Lüftenwirt), den Familien Meggendorfer (Kaufmann) und Feile (Schuhgeschäft) bis hin zum langjährigen Bürgermeister Josef Riedl reichen die Namen. Ergänzt unter anderem von Michael Froschmaier (Heimatdichter), Gustav Taussig (Marmorwerksbesitzer), August von Krempelhuber (Apothekenbesitzer), Martin Gärtner (Baumeister) und Anthonie Zeigenhain (Molkereibesitzersgattin). Man findet dort auch die Dr. Gschwändlersche Familiengruft (Bader und Wundarzt) und die der Familie Asam (Kunstmühlenbesitzer). Mit Josef Ritter von Maillinger (General der Infanterie) ist auch ein bayerischer Kriegsminister darunter.

Schreitet man von den Arkaden durch die Gräberreihen, findet man unter den über 4000 Gräbern auch die letzten Ruhestätten weiterer Aiblinger Persönlichkeiten wie von Dr. Desiderius Beck, der 1845 die erste bayerische Sole- und Moorschlamm-Badeanstalt in Bad Aibling beim späteren Ludwigsbad eröffnete. Oder von dem Maler Sepp Hilz, der als "Bauernmaler" galt, von Hermann Urban, der zu den herausragenden Malerpersönlichkeiten der Münchener Schule des 19./20. Jahrhunderts gehörte, oder von Brynolf Wennerbergs, ein schwedischer Plakatkünstler und Maler. Er zeichnet auch verantwortlich für den Text der schwedischen Nationalhymne. Eine Anekdote über ihn besagt, dass die Aiblinger bis sieben Tage vor seinem Tode (mit 84 Jahren) nach ihm die Uhren stellten, da er jeden Tag pünktlich in sein Atelier ging.

Nicht nur unvergessene Namen begegnen einem. Auch "vergessene" Berufe: "Schleussenwärter", Rohprodukthändler, Fleischbeschauer und Wachszieher, Seilermeister, Pinselfabrikant, Städtischer Kassenbote und Knabenlehrer. Im Zentrum des städtischen Friedhofs dann ein weiteres Schmuckstück: das große Kreuz. Auf vier Marmortafeln am Sockel des hohen Kreuzes sind die Namen der 122 Gefallenen des Ersten Weltkrieges aufgezeichnet. Fünf weitere Marmortafeln an der dahinter liegenden Ehrenmauer nennen die Namen weiterer 157 Toter, die der Zweite Weltkrieg an Aiblinger Opfern forderte.

Im hinteren Teil des Friedhofs, der mehr einer Parkanlage ähnelt, befinden sich die Urnengräber. Eine Erweiterung, wie zuletzt vor rund 15 Jahren, ist nach Meinung von Edith Wendlinger nicht mehr notwendig: "Die Leute halten ihre Gräber nicht mehr wie früher über Generationen hinweg offen." Aber diejenigen, die noch Gräber haben, kommen.

"Hier sind immer Besucher", weiß Gärtner Johann Vogl zu berichten, der es für wichtig erachtet, dass die Menschen ihre Trauer auch dort verarbeiten können. So weiß er von einer alten Dame, die regelmäßig zum Friedhof kommt und mit ihrem verstorbenen Mann spricht. Dies sei gut so. Denn: Das Verneinen und Verdrängen des Todes helfe niemandem.

ws/Mangfall-Bote

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