Die Bürgermeister im Mangfalltal blicken zurück

Schwaller: "Angst sollten wir haben vor den Rechtsradikalen"

+

Bad Aibling - So war das Jahr 2015 aus Sicht der Bürgermeister. Einige Gemeindeoberhäupter im Mangfalltal äußerten sich gegenüber mangfall24.de und blicken zurück. Im ersten Teil der Serie zieht Bad Aiblings Bürgermeister Felix Schwaller ein Resümee:

"Welche Themen haben uns heuer bewegt und brachten uns zum Nachdenken? Sicher nicht die städtischen Baumaßnahmen wie der Kanalbau nach Ellmosen, die Sanierung der Sporthalle oder gar Feste und Veranstaltungen. 

Bewegt haben uns seit dem letzten Jahr die Flüchtlinge und Asylsuchenden, die nach Europa, nach Deutschland, nach Bayern und in unsere Stadt kamen. Nachdenklich und mit Sorge betrachten wir den weiteren Zuzug von Menschen aus dem nahen Osten und aus Zentralafrika, die bei uns das Paradies zu finden glauben. 

Derzeit leben ca. 380 Menschen in Wohnungen, im Containerdorf an der Krankenhausstraße und in der Turnhalle des Gymnasiums. 

Dank der ehrenamtlichen und sehr engagierten Hilfe des Arbeitskreises Migration verläuft das Zusammenleben untereinander und miteinander in unserer Stadt reibungslos

Wie viele Flüchtlinge und Asylsuchende kommen in den nächsten Jahren in unser Land und in unsere Stadt? Wie viele werden davon in ihre Heimat, sofern es noch eine Heimat gibt, zurück geschickt und wie viele gehen freiwillig, weil sie enttäuscht sind oder weil in ihrer Heimat wieder Frieden und Sicherheit herrscht? K önnen diese Neubürger bei uns integriert werden oder entsteht eine Parallelgesellschaft? Finden sie bei uns Arbeit oder werden sie Sozialhilfeempfänger? Fragen, die keiner von uns seriös beantworten kann

Es hält sich die Legende, Heimatvertriebene und Flüchtlinge seien nach dem 2. Weltkrieg rasch integriert worden. In Wirklichkeit waren sie keineswegs gleich willkommen, vielmehr häufig Anfeindungen und Vorurteilen ausgesetzt. Der Mythos der schnellen Integration der Heimatvertriebenen ist auf jeden Fall längst widerlegt. 

Auch bei den jetzigen Flüchtlingen wird, allein wegen der Sprache und der Kultur, die Integration so schnell nicht gelingen

Das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer zeigt, dass alle Abschreckungsmaßnahmen die Menschen nicht aufhalten. Europa wird auf Dauer mit dem Weltflüchtlingsproblem leben müssen, für das es kurzfristig keine Lösung gibt. Solange die EU-Subventionspolitik die Grundlagen und die Strukturen für die einheimische Erzeugung und Produktion von Gütern in den Ländern Afrikas zerstört, solange müssen wir uns über den Exodus aus Afrika nicht wundern. Letztendlich schaffen auch wir mit unserem Konsumverhalten die Fluchtursachen. Wie schwer es ist, Bürgerkriege als Ursachen für Flucht und Vertreibung einzudämmen, zeigt sich am Beispiel Syriens. Weltweit steigt die Zahl der Umweltflüchtlinge. Allein der Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter bedroht 145 Millionen Menschen. 

Viele Menschen in unserem Landhaben Angst vor den vielen Flüchtlingen, die derzeit zu uns kommen und noch kommen werden. Mitunter Angst zu haben gehört zum Menschen dazu. Und wer sich nur für einen Moment lang die geradezu biblischen Ausmaße dessen klarmacht, was wir gerade erleben, der darf sich schon mal fürchten und das auch sagen. Die Furcht darf uns aber nicht bestimmen

Wir brauchen aber keine Angst vor den Flüchtlingen zu haben. Angst sollten wir haben vor den Rechtsradikalen, die Protestmärsche organisieren und Asylbewerberunterkünfte in Brand stecken. Angst sollten wir haben vor rechtspopulistischen Einstellungen, die sich in unserem Land in der Mitte der Gesellschaft etablieren. 70 Jahre nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus treffen wir täglich auf rechtsextreme Szenen, Äußerungen und über die Sozial-Medien auf Hassparolen gegenüber Flüchtlingen und Ausländern. 

Davor sollten wir Angst haben, Angst vor uns selber, Angst, dass nach über 70 Jahren wieder mit ausländerfeindlichen Parolen Wahlerfolge erzielt werde n! 

Betrachten wir die Einwanderung analytisch und auf Daten gestützt, müssten wir, so erschreckend es für viele klingt, über die Einwanderung froh sein. Zumindest sollten wir die gegenwärtige Situation mit mehr Gelassenheit sehen. 

Wir sind eine alternde Gesellschaft, die auf Einwanderung angewiesen ist. Prognosen für die nächsten Jahre zeigen, dass wir Zuzug brauchen, allein um unseren Lebensstandard aufrecht erhalten zu können. Auch bei unserem Wohlstand haben die Gastarbeiter der 60er und 7er Jahre wesentlich mitgewirkt. 

„Eine Kulturgemeinschaft ist eine multikulturelle Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der nur eine kulturelle Strömung da ist und nichts anderes, ist keine Kulturgesellschaft, sie ist eine sterile Gesellschaft. Die Vielfalt gehört zur Kultur, und um eine Vielfalt zu haben, braucht man Toleranz. Wenn hier Angehörige verschiedener Länder in einer Stadt sich begegnen, dann ist dies kein Nachteil, sondern ein Vorteil.“ Diese Sätze sagte der Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel (CDU) im Jahre 1990. 

Der Zug - älter, weniger und bunter - ist längst abgefahren. Trotz aller Probleme und Schwierigkeiten ist Einwanderung in Deutschland notwendig. 

Die lokale Integrationspolitik ist eine Querschnittsaufgabe in der Verwaltung. Als Bürgermeister stelle ich mich dieser neuen Herausforderung gerne. Als Vermittler zwischen Landratsamt, Stadtverwaltung, Caritas, Diakonie und dem Arbeitskreis Migration soll und muss der Bürgermeister auftreten

Ohne der großartigen Arbeit der Frauen und Männer des Arbeitskreises Migration könnten wir nicht einmal den ersten Schritt, die Aufnahme der Migranten, leisten und sichern. Für das Einleben der Migranten und das Miteinander brauchen wir alle Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt. Eigentlich nicht schwer, weil Freundlichkeit und Offenheit gegenüber unseren Flüchtlingen nichts kostet. Es sind Menschen wie wir, nur woanders geboren

Flucht und Vertreibung ist so alt wie die Menschheit. Gerade an Weihnachten sollten wir an die Flucht von Maria und Josef vor gut 2000 Jahren denken. Es war schon immer schwer, für die Flüchtlinge wie für die Einheimischen, sich zu verstehen und zu tolerieren."

Fragen, Tipps, Anregungen - schreibt uns über What'sApp: Tel. 0162/2852300

Jahresrückblick Bürgermeister Felix Schwaller

Quelle: mangfall24.de

Zurück zur Übersicht: Bad Aibling

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser

MEHR AUS DEM RESSORT