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„Ich hätte sie in den Müll schmeißen sollen“

Wie die Pistole eines verstorbenen Bad Aiblingers postum zur Strafverfolgung seiner Witwe führt

Die Signalpistole ihres verstorbenen Mannes Otto hat eine Bad Aiblingerin pflichtbewusst bei der Polizei abgeben. Trotzdem wurde sie dafür bestraft.
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Die Signalpistole ihres verstorbenen Mannes Otto hat eine Bad Aiblingerin pflichtbewusst bei der Polizei abgeben. Trotzdem wurde sie dafür bestraft.

Eigentlich wollte Helga Scherf aus Bad Aibling alles richtig machen. Als sie die Signalpistole ihres verstorbenen Mannes fand, marschierte sie damit schnurstracks zu Polizei. Doch das war ein großer Fehler.

Bad Aibling – Helga Scherf trauert um ihren Mann. Um Abschied zu nehmen, kramte sie noch einmal in den Erinnerungen an 62 Ehejahre. Dabei fiel ihr auch die Signalpistole des passionierten Seglers in die Hände. In dem Glauben, das Richtige zu tun, brachte sie die Waffe zur Polizei. Was dann passierte, kann sie bis heute nicht glauben: Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen gegen sie auf.

„Ich hätte sie einfach in den Müll schmeißen sollen“, ärgert sich Helga Scherf über sich selbst. Wenn sie von ihrem Besuch bei der Polizei erzählt, klingt das fast wie ein schlechter Witz. Doch lachen kann sie darüber auch heute noch nicht.

Schachtel lag längst vergessen im Schrank

Die letzten Wochen waren für die 77-Jährige schwer genug. 62 Jahre war sie mit ihrem Mann Otto verheiratet. Sie liebten es, gemeinsam zu reisen, waren passionierte Segler und viel mit ihrem Wohnmobil unterwegs. „Nur zuletzt ging es nicht mehr, weil wir beide sehr krank waren“, erinnert sie sich. Am 29. Januar ist ihr Otto verstorben. Wochen später begann die Witwe, seinen Nachlass aufzulösen, spendete Kleidung und Schuhe an Bedürftige. „Im Schrank fand ich die braune Schachtel mit der Signalpistole und seinem Waffenschein. Ich wusste gar nicht, dass Otto sie aufbewahrt hatte, denn wir haben doch schon vor vielen Jahren unser Segelboot verkauft“, erzählt sie.

Die 77-Jährige wollte die Waffe nicht im Hause haben. „In den Müll werfen wollte ich sie auch nicht, denn dann wäre sie vielleicht in die falschen Hände gekommen“, schildert sie ihre Überlegungen. Sie berät sich mit Freunden, und gemeinsam kommt man zu dem Schluss, dass die Waffe bei der Polizei am besten aufgehoben ist. Also packt Helga Scherf die braune Kiste mit Waffe und Waffenschein auf ihren Rollstuhl und fährt zur Polizeiinspektion Bad Aibling.

Hier wundert sie sich das erste Mal: „Ich wollte die Waffe einfach abgeben, aber die junge Beamtin ging immer wieder raus, fragte nach, kam zurück.“ Es wird ein Protokoll aufgenommen, die „Signalwaffe Comet, ungeladen, ohne Munition“ sichergestellt und Anzeige gegen Helga Scherf erstattet. Die 77-Jährige versteht die Welt nicht mehr: „Ich war doch ehrlich, habe die Waffe abgegeben. Jetzt werde ich dafür bestraft.“

War es also doch ein Fehler, die Waffe im Revier abzugeben? „Ja, war es“, erklärt Polizeihauptkommissar Michael Fritz von der Polizeiinspektion Bad Aibling. „Wer eine Waffe findet, muss bei der Polizei anrufen, damit wir die Waffe abholen können.“ In dem Moment, in dem Helga Scherf pflichtbewusst die Kiste von Zuhause zur Polizei transportierte, machte sie sich strafbar. Nach dem Waffengesetz hat sie „vorsätzlich, ohne Erlaubnis eine Schusswaffe geführt“.

Nun könnte man der 77-Jährigen zugutehalten, dass sie das – wie vermutlich viele andere auch – nicht wusste. Aber: „Das dürfen wir nicht. Nach dem Legalitätsprinzip ist die Polizei als Strafverfolgungsbehörde dazu verpflichtet, eine Straftat anzuzeigen, sobald sie davon Kenntnis erlangt“, erläutert Fritz. Und das war in dem Moment der Fall, in dem Helga Scherf die Waffe bei der Polizei abgegeben hat. Da der Waffenschein nicht auf ihren, sondern den Namen ihres Mannes ausgestellt war, hat sie also unerlaubt eine Waffe geführt.

Auch die Staatsanwaltschaft Traunstein darf kein Auge zudrücken. Sie kann aber über das Strafmaß entscheiden. Das ist im Waffengesetz klar definiert und kann von einer Geldstrafe bis zu Freiheitsstrafen von fünf Jahren, in besonders schweren Fällen auch zehn Jahren reichen (Paragraph 51/52).

Keine Haft, aber 300 Euro Bußgeld

So hatte Helga Scherf also sogar noch Glück im Unglück. Die Staatsanwaltschaft Traunstein teilte ihr jetzt mit, dass sie von der „Erhebung einer öffentlichen Klage“ absieht. Die 77-Jährige erklärte sich mit der „formlosen Einziehung der sichergestellten Signalwaffe“ durch die Polizei einverstanden. Sie zahlte die verhängte Geldstrafe von 300 Euro zugunsten des Frauen- und Mädchennotrufs Rosenheim.

Der strafrechtliche Vorgang ist abgeschlossen, das Verfahren eingestellt. Verstehen kann Helga Scherf trotzdem nicht, warum sie für ihre Ehrlichkeit bestraft wurde. Hätte sie die Waffe also doch lieber in den Müll geworfen? Michael Fritz: „Nein, auch das ist verboten und würde den selben Straftatbestand erfüllen.“

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