Probleme für Blinde in Bad Aibling

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Kreisverkehre, wie hier der Ludwigskreisel, sind für Sehbehinderte wie Friedrich Gerlmaier kaum alleine zu bewältigen. Richtungsmarkierungen für Blinde fehlen.

Bad Aibling - Stellen Sie sich vor: Sie sehen nichts und müssen durch die Aiblinger Innenstadt gehen. Alltag für den blinden Friedrich Gerlmaier.

Für ihn ist das Stadtzentrum seit der Umbaumaßnahme wie eine Wüste - ohne Orientierungspunkte und mit vielen Gefahrenstellen. Besserungsvorschläge gab es einige. "Geschehen ist aber nichts, genau wie seit Jahren an Ludwigs- und Mietrachinger Kreisel", ärgert sich Gerlmaier als Blinden- und Sehbehindertenberater von Stadt und Landkreis Rosenheim maßlos.

Die Kurstadt möchte eine Vorreiterrolle in Sachen behindertenfreundliche Infrastruktur und öffentliche Räume werden. Im Frühjahr läuft dazu ein Forschungsprojekt des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung mit dem Titel "Einsatzbereiche und Einsatzgrenzen von Straßenraumgestaltungen nach dem so genannten Shared-Space-Prinzip" (wir berichteten).

Besonders Blinde und Sehbehinderte haben mit dem neu gestalteten Marienplatz große Probleme. Warum gerade dort beim Bau ein Blindenleitsystem "unter den Tisch gefallen ist", ist für den Berater des Blindenbunds Gerlmaier ein Rätsel.

Vor allem, da im Vorfeld Besprechungen und Begehungen sogar mit Vetretern des Blindenbunds stattgefunden haben. "Es gab sogar den Vorschlag, dass man bei einer fünf Meter breiten Querungsmöglichkeit eine Aufsplittung der Breite für Blinde und Rollstuhlfahrer beziehungsweise Rollatoren ermöglicht", weiß Gerlmaier. So hätten sich die Rillenplatten für Sehbehinderte auf 2,50 Meter erstreckt. Dann wäre eine Abtrennung erfolgt, damit Kinderwagen, Rollstühle etc. barrierefrei von A nach B kommen können.

"Übrig geblieben ist von diesen Ideen nichts, jetzt soll durch das Forschungsprojekt mit Testblinden das Feld erneut aufgerollt werden. Mal sehen, was daraus wird", ist Gerlmaier skeptisch.

"Doch die Realität sieht derzeit noch ganz anders aus", betonte Gerlmaier mit Blick auf einige Verkehrsführungen im Stadtgebiet. Denn: Zehn Jahre liegen mittlerweile die Planungen für den Ludwigskreisel zurück. "Das Gebilde ist eine Katastrophe für Blinde", urteilte Gerlmaier. Deshalb sei er schon mehrfach im Rathaus vorstellig geworden. Eine Lösung habe es aber nie gegeben. Dabei seien so genannte Bodenindikatoren an den Überquerungspunkten auf der Straße unerlässlich. "Sehbehinderte Menschen wissen sonst nicht, wo sie lang gehen können."

Deshalb seien an den Querungsstellen beispielsweise Rippenplatten als Richtungsweiser unverzichtbar. Mit dem Stock könnte man diese dann ertasten und sich daran orientieren. Diese Platten sind international genormt und gelten als Leitsystem für Blinde und Sehbehinderte. Rillenpflaster würden vor allem bei Leitstreifen und Richtungsfeldern eingesetzt.

Noppenplatten wiederum gelten als Aufmerksamkeitsfelder. "Diese lassen sich sowohl mit Langstock als auch den Schuhen gut ertasten und sind deshalb zur Warnung besonders geeignet", erklärte Gerlmaier. Blinde und Sehbehinderte würden so gut rechts und links vor der beginnenden Straße gewarnt.

Warum konnte das "Problemkind Ludwigskreisel" für Blinde und Sehbehinderte noch nicht behoben werden? Grund: die noch ungeklärte Bebauung am Kellerberg und am Areal des ehemaligen Ludwigsbades, wie Thomas Gems vom Bauamt gegenüber unserer Zeitung erklärte.

Das Problem sei der Stadt aber bekannt. "Es hat sich an der Planung für Sehbehinderte nichts geändert. Wir wissen, dass hier Nachbesserungswünsche bestehen. Aber solange die Bebauung im Bereich Kellerberg nicht geklärt ist, ruhen die Vorschläge für Sehbehinderte, um ein mehrfaches Umbauen zu vermeiden", so Gems. "Wer weiß, wann dann dort etwas geschieht. Bis dahin ist es für uns lebensgefährlich", ärgerte sich Gerlmaier. Denn nicht jeder Blinde sei immer mit Begleitung unterwegs. Im Gegenteil: Man wolle so viel Selbstständigkeit wie möglich haben - mit Blindenstock, Tracker (Art GPS-Gerät mit Ansage) und Co.

In Mietraching am Kreisel das gleiche Problem: Auch dort fehlt ein Blindenleitsystem - aber nicht mehr lange: Denn Mitte/Ende März rückt dort die Baufirma an, um die lang und viel diskutierten Nachbesserungen für Blinde und Sehbehinderte durchzuführen. Hier hatte es aufgrund von anderen Baustellen Verzögerungen gegeben. Kostenpunkt: rund 20000 Euro. Diese teilen sich Stadt und Staatliches Bauamt Rosenheim.

55000 Sehbehinderte gibt es in Bayern, Tendenz durch den demographischen Wandel steigend. "Farbliche Kontraste werden dann immer wichtiger und eben ein gutes Leitsystem", betonte Gerlmaier. Und weiter: "Für uns sind vor allem Gehsteigkanten zur Orientierung und Warnung wichtig, um zu wissen, hier ändert sich am Weg etwas." Wunsch dazu: eine Kantenhöhe von sechs Zentimetern. Doch auch drei Zentimeter würden ihren Zweck erfüllen. Dies sei dann auch mit den Bedürfnissen von Personen mit Rollatoren oder Rollstuhlfahrern vereinbar.

Silvia Mischi (Mangfall-Bote)

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